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Zum Tod von Uri Avnery:"Wenn ich meine Kolumne nicht schicke und nichts erscheint, dann bin ich tot."

Je älter er wurde, desto mehr Fragen stellte er sich und seinen Besuchern, die zu ihm in die Wohnung im siebten Stock kamen, von der man nicht nur einen wunderbaren Blick aufs Meer und über einen weiten Horizont hatte. "Wie hat das US-Volk, ein paar Millionen normale Menschen, so einen Mann zulassen können? Warum haben wir hier seit mehr als neun Jahren diesen Ministerpräsidenten? All das sind Fragen, die man stellen und beantworten muss und aus denen man lernen kann."

Israel sah er als Vorreiter dessen, was in Europa passiert. "Wie kann ein normales Volk plötzlich eine ultranationalistische Einstellung bekommen? Dass man damit Menschen an die Macht bringt, die eine Gefahr für die Demokratie sind, die sich abschafft. Diese Fremdenfeindschaft erinnert ja auch an das Dritte Reich."

Avnery liebte es, Worte zu sezieren

Das Mitte Juli in der Knesset beschlossene Nationalstaatsgesetz, das nur Juden ein Selbstbestimmungsrecht in Israel zubilligt, hat ihn umgetrieben. "Das ist jüdischer Separatismus. Der Staat muss hundert Prozent jüdisch bleiben. Man will die Araber rausekeln, auch wenn mehr als eine Million hier leben. Alles sollte jüdisiert werden." Kritik an diesem Gesetz war auch das Thema seiner letzten Kolumne, die am 7. August in der liberalen Tageszeitung Haaretz erschien. Kurz darauf fiel er nach einem Schlaganfall ins Koma.

Scherzend hatte er in den vergangenen Monaten immer wieder gemeint: "Wenn ich meine Kolumne nicht schicke und nichts erscheint, dann bin ich tot." Er erzählte, dass Deutsch zwar seine Muttersprache ist, für ihn aber im Laufe der Jahre zur Fremdsprache wurde. "Ich denke aber in drei Sprachen, manchmal in einem Satz. Es fängt Hebräisch an, geht Englisch weiter und endet Deutsch."

Er liebte es, Worte zu sezieren. Nachdem er den Nachnamen des österreichischen FPÖ-Chefs und Vizekanzlers Heinz-Christian Strache mehrmals laut ausgesprochen hatte, meinte er: "Strache? Da steckt das Wort Rache drinnen. Das passt!"

Im Juni beantwortete er gestellte Fragen noch messerscharf

Beim letzten Gespräch im Juni saß Avnery in seinem Ohrensessel, es war mehr ein Kauern, sein Kopf war auf eine Körperseite gezogen. Zwar machte er immer wieder Pausen, aber seine Antworten auf die gestellten Fragen waren messerscharf. Was aus seiner Vision einer Zweistaatenlösung geworden sei? "Wir haben eine ekelhafte Regierung, die gar nicht daran denkt, Frieden zu schließen. Ein palästinensischer Staat neben unserem Territorium ist für Benjamin Netanjahu total undenkbar. Frieden ist nicht erwünscht. Die Linke ist nur eine kleine Minderheit."

Aber für all das habe er gekämpft. Ob er nach diesem Fazit nicht deprimiert sei? "Ich bin von Natur aus Optimist. Schon mein Vater und mein Großvater waren Optimisten. Nichts muss passieren, aber es wird etwas passieren." Avnery zeigt auf die zwei weiteren großen Fotos, die neben dem Bild seiner Frau am Bücherregal lehnen. Eines zeigt den berühmten Handschlag von Arafat und Rabin nach den Osloer Verträgen 1993, als ein Frieden zwischen Palästinensern und Israelis so nahe schien, US-Präsident Bill Clinton breitet im Hintergrund schützend die Arme um die beiden aus. "Das hat damals auch niemand für möglich gehalten. Es dauert nur etwas länger."

Das zweite Foto ist erst vor kurzem in der Jerusalemer Altstadt entstanden. Es zeigt Uri Avnery selbst, mit einer arabischen Kopfbedeckung, wie er an einer Wasserpfeife zieht. "Immer, wenn ich das Bild am Morgen anschaue, dann muss ich einfach lachen. Sonst gibt es im Moment tatsächlich wenig Grund dazu, aber das stimmt mich fröhlich. Und so kann ich optimistisch bleiben, trotzdem."

© SZ.de/swi/gba
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