NSU-Prozess:Zeuge beschreibt Zschäpe als unterschwellig aggressiv

  • Ein Jugendfreund von Uwe Mundlos beschreibt Beate Zschäpe als laute, "ordinäre" Person, die jedoch in ihrer Clique sehr anerkannt war.
  • Zschäpe soll sich vor dem Untertauchen gegenüber Mundlos "vereinnahmend" verhalten haben, von "Klammern" sei die Rede gewesen.
  • Der Zeuge Aleksander H. beschreibt, wie Mundlos ihn als Sohn eines Bulgaren immer wieder vor allem gegenüber Böhnhardt in Schutz genommen habe.

Aus dem Gericht von Tanjev Schultz

Beate Zschäpe konnte er nicht leiden. Im NSU-Prozess tritt ein Jugendfreund von Uwe Mundlos auf. Ein stiller Typ, der zu umständlichen Formulierungen neigt. Man merkt, dass es Aleksander H. nicht leicht fällt, sich an die Neunzigerjahre zu erinnern, in denen er Kontakt zu einer Clique hatte, deren radikale Ansichten er eigentlich ablehnte. Durch seinen Freund Uwe war er da hineingeraten. So lernte er auch dessen Freundin Zschäpe kennen. Er empfand sie als etwas "ordinär". Sie sei laut gewesen, habe Kraftausdrücke verwendet - "keine in sich zurückgezogene Person".

Die Angeklagte sitzt, ihrer Schweigestrategie folgend, stumm da und wirkt nun durchaus in sich gekehrt. Sie betrachtet den Zeugen, der nichts Gutes über sie sagt, mit ernstem Ausdruck. Es ist, dafür braucht man nicht viel Phantasie, einer jener Momente in diesem langen Gerichtsverfahren, die zunehmend an ihren Nerven zerren. Sie muss ihre Mimik und ihre Gestik kontrollieren. Und sie kann nichts erwidern.

Zschäpe war in ihrer Clique anerkannt

Wie zuvor schon andere Zeugen beschreibt Aleksander H. die Angeklagte als selbstbewusst und "nicht dumm". Sie habe gewusst, was man tun dürfe und was nicht. Sie sei am Herstellen und Verteilen von Flugblättern beteiligt gewesen. Bei Fahrten mit Mundlos im Auto habe Zschäpe in einem Spiegel Ausschau nach möglichen Verfolgern vom Staatsschutz gehalten und die Kennzeichen mutmaßlicher Polizeifahrzeuge notiert. Entsprechende Listen fand die Polizei 1998 in einer von Zschäpe angemieteten Garage. Der Tag der Durchsuchung, bei der auch Sprengstoff und Propaganda-Material sichergestellt wurden, war der Beginn des Untergrundlebens von Zschäpe und ihren Freunden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Über die Zeit vor dem Untertauchen sagt der Zeuge, Zschäpe habe sich gegenüber Mundlos "vereinnahmend" verhalten. Dieser soll sich auch mal darüber beklagt haben. Er habe von "Klammern" gesprochen. Aleksander H. hielt zu Zschäpe Abstand, "die Distanz zwischen uns war offensichtlich". Sie habe einen unterschwellig aggressiven Eindruck auf ihn gemacht. Genauer beschreiben kann der Zeuge das nicht.

Mit ihren Freunden sei Zschäpe freundlich umgegangen, sie sei in der Clique anerkannt gewesen - "kein Mensch, der in der Gruppe geschubst wurde". In einem Club soll sie mit einem Glas auf jemanden eingeschlagen haben, meint sich der Zeuge zu erinnern. Einzelheiten dazu wisse er nicht mehr.

Aleksander H. passte nicht in das "Rassenbild"

Sein Freund Mundlos habe schon Wochen vor dem Untertauchen darüber gesprochen, dass er vielleicht für eine Weile verschwinden müsse. In dem Kreis der Rechtsextremisten sei auch recht offen über die damals in Jena verteilten Bombenattrappen gesprochen worden. Mundlos sei nach seinem Eindruck einer der Täter gewesen.

Der Vater von Aleksander H. ist Bulgare, dies habe nicht dem "Konzept der Deutsch-Nationalen" entsprochen. Er habe nicht in das "Rassenbild" der Gruppe gepasst, vor allem Uwe Böhnhardt habe sich entsprechend abschätzig über ihn geäußert. Wegen der alten Freundschaft habe sich Mundlos aber schützend vor ihn gestellt. Die beiden hatten die gleiche Schule besucht und sich schon in den Achtzigerjahren kennengelernt. Gemeinsam trieben sie Sport - Basketball, Radfahren - und unternahmen Ausflüge. Mundlos war auch mit Aleksander H. und dessen Eltern in die Ferien gefahren - ein paar Wochen nach Bulgarien.

Streit am Nachmittag

Am Nachmittag entbrennt dann im Gerichtssaal ein erbitterter Kampf um Fragen an den Zeugen. Zschäpes Verteidiger Wolfgang Stahl versucht, die Glaubwürdigkeit von Aleksander H. zu erschüttern. Er hinterfragt, ob der Zeuge eigene Erinnerungen bekundet oder sich lediglich auf Vermutungen und Spekulationen gestützt habe.

Als Stahl sagt: "Sie wissen es nicht (?)" wird nicht nur darüber gestritten, ob diese Frage zulässig ist - sondern auch, ob es überhaupt eine Frage darstellt. Der Nebenklage-Anwalt Sebastian Scharmer sagt, Stahls Technik diene nur dazu, den Zeugen zu verunsichern.

Der Streit tobt eine ganze Weile und entbrennt später noch an anderen Fragen Stahls. Bundesanwalt Diemer sagt, er halte die Art des Verteidigers, "den Zeugen runterzumachen, für unmöglich". Daraufhin gibt es ein scharfes Wortgefecht. Auch der Zeuge wirkt nun gereizt. Und Beate Zschäpe wirkt wie eine Unbeteiligte.

Der NSU-Prozess
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© SZ.de/anri/rus
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