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Zentralasien:Rivalen am Himalaya

China sieht sich als die Vormacht in Asien. Weil Indien das für die umstrtttene Bergregion nicht akzeptieren will, gibt es einen Konflikt.

Von Arne Perras

Im westlichen Himalaya liegt das nukleare Dreiländereck dieser Welt. Es heißt Kaschmir und ist Schauplatz eines Konflikts, in dem sich die Länder Pakistan, Indien und China schon länger als ein halbes Jahrhundert verheddert haben. Weil die drei Staaten inzwischen über Atomraketen verfügen, ist es nicht nur von regionalem, sondern von überragendem globalen Interesse, dass sich an den Fronten in mehr als 4000 Metern Höhe kein Krieg entzündet.

Die gute Nachricht lautet: Weder Indien, Pakistan noch China wollen - derzeit - einen solchen Krieg. Aber darin liegt doch keine dauerhafte Sicherheitsgarantie. Zum einen beschießen sich die Erzrivalen Indien und Pakistan mit trister Regelmäßigkeit über die Demarkationslinie in Kaschmir hinweg. Zum anderen rückt nun ein Gebiet weiter östlich in den Blick: Am Nordufer eines Bergsees, dem Pangong Tso, sind indische und chinesische Truppen aneinandergeraten. Zwar haben sie nicht aufeinander geschossen, sondern sich "nur" gegenseitig verprügelt; auf den ersten Blick wirkte der Vorfall im Mai wie eine Posse, aber er ist doch Ausdruck einer ernsten Konfrontation, die nach ersten Gesprächen im Juni nicht als entschärft gelten kann.

China sieht sich als den Hegemon in der Region. Wer das nicht akzeptiert, wird bedroht

Der Zusammenstoß macht deutlich, dass das Verhältnis der Milliardenvölker Asiens, Indien und China, zunehmend von Argwohn und Rivalität bestimmt ist. Beide Staaten belauern sich, sie suchen den geostrategischen Vorteil zu Lasten des anderen, während gleichzeitig der Einfluss der USA, global betrachtet, immer weiter schwindet. Die Arena im Himalaya provoziert ein Kräftemessen geradezu, weil die Grenze zwischen Indien und China auf langen Strecken gar nicht demarkiert ist. So schlitterten beide Länder bereits 1962 in einen Krieg. Historiker streiten sich, wer für die Scharmützel die Verantwortung trug, sicher aber ist, dass Peking die Oberhand behielt und Delhi eine tiefe Schmach empfand.

Das historische Erbe mag erklären, weshalb so große Nervosität in Delhi herrscht. Zwar heißt es, dass dank der Gespräche schrittweise Fortschritte erzielt würden. Doch zeigt sich immer deutlicher, dass es die Chinesen nicht eilig haben, mutmaßliche Geländegewinne am Pangong Tso rückgängig zu machen. Und das frustriert die Inder.

Beide pochen unterdessen auf ihr Recht: Peking behauptet, nur sein Staatsgebiet zu schützen, während Strategen in Delhi beklagen, dass Chinas Soldaten auf indisches Terrain vorgedrungen seien. Nur eine Einigung über den tatsächlichen Grenzverlauf im Himalaya könnte den Konflikt auflösen, doch dafür ist das gegenseitige Misstrauen zu groß.

Dass Peking gerade jetzt seine Truppen in Gang setzte, ist kein Zufall. China hat den Zeitpunkt geschickt abgewartet, die Ausbreitung des Coronavirus überfordert den indischen Staat und bindet seine Aufmerksamkeit. Delhi wurde schlicht überrumpelt. In China sieht man nicht gerne, dass die Inder Straßen im Himalaya bauen, um leichter Truppen bewegen zu können; Straßen, die China schon lange auf seiner Seite besitzt. Die jüngsten Vorstöße der chinesischen Volksarmee zeigen Pekings Entschlossenheit, diesen Vorsprung zu halten. Sie setzen ein Signal nach Süden, das Indien auf einen Platz in der zweiten Reihe verweist. Peking warnt davor, Asiens Hegemon nicht herauszufordern. Und natürlich sieht Peking sich als diesen Hegemon.

© SZ vom 15.06.2020
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