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Abrüstung im Kalten Krieg:Der Fantasie eine Schneise

Ein Sammelband zeigt anschaulich, wie die atomare Abrüstung zum Ende des Kalten Krieges beitrug, und wie die "Politik der sechs Augen" die Gipfeldiplomatie zwischen den USA und der UdSSR beeinflusste.

Dass ausgerechnet Ronald Reagan als Gewährsmann für eine richtungsweisende Außenpolitik herangezogen wird - wer hätte das bei seinem Amtsantritt im Jahr 1980 für möglich gehalten? Knapp sechs Jahre später traf eben dieser Reagan mit Michail Gorbatschow in Genf zusammen und bot dem Parteichef der KPdSU eine ungewöhnliche Tagesordnung an: "Sagen wir doch 'Zum Teufel mit der Vergangenheit'. Wir werden es auf unsere Art anpacken und etwas auf den Weg bringen."

Und sie brachten tatsächlich etwas bis dahin Unerhörtes auf den Weg, nämlich den sogenannten INF-Vertrag zur beiderseitigen Verschrottung nuklearer Mittelstreckenstreckenraketen in Europa. Damit wurde erstmals seit vier Jahrzehnten nicht mehr kontrolliert aufgerüstet, sondern tatsächlich abgerüstet. Als diese Vereinbarung im Dezember 1987 unterschrieben wurde, sprachen viele Beobachter, unter ihnen auch Helmut Schmidt, vom Ende des Kalten Krieges. Bis dahin sollte es bekanntlich noch zwei Jahre dauern. Trotzdem war die Euphorie nicht unbegründet, denn Reagan und Gorbatschow hatten zur Überraschung aller demonstriert, dass Gipfeldiplomatie viel bewegen und bisweilen sogar Berge versetzen kann.

Was taugt die Konfliktmoderation vergangener Zeiten für den Umgang mit aktuellen Krisen?

Nein, die Rekonstruktion dieses außergewöhnlichen Erfolges ist keine Coverversion des uralten Liedes von großen Männern, die Geschichte machen. Kristina Spohr und David Reynolds haben die Autoren ihres klug komponierten Sammelbandes vielmehr zu Aufsätzen auf der historiografischen Höhe unserer Zeit angehalten. Anhand von acht Fallbeispielen wird diskutiert, unter welchen Voraussetzungen Gipfeltreffen während des Kalten Krieges zur Entkrampfung festgefahrener Verhältnisse führten oder aber scheiterten, welche Rolle Medien und Öffentlichkeit dabei spielten, wann und warum außenpolitische Bürokratien nützlich oder derart hinderlich waren, dass um eines Durchbruchs willen hinter ihrem Rücken agiert werden musste - und nicht zuletzt, wie sehr doch Ungeplantes und Zufälliges am Ende Regie führten.

Menschenkette gegen Raketen

Menschenkette gegen die Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II: Am 22. Oktober 1983 kamen Hunderttausende zum 108 Kilometer langen Protest zwischen Ulm und Stuttgart.

(Foto: Roland Holschneider/dpa)

Auf diese Weise entsteht ein Panorama, das nicht allein über die Ambivalenz und Vielschichtigkeit des Kalten Krieges Auskunft gibt. Das Buch liefert zugleich luzide Argumente für eine überfällige, aber trotzdem auf der Stelle tretende Diskussion unserer Tage: Was lehrt die Konfliktmoderation vergangener Zeiten für den Umgang mit aktuellen Krisen? Welche Botschaften, im Positiven wie im Negativen, hält die Geschichte der Entspannungspolitik bereit? Wie sinnvoll ist die Forderung nach einer Reanimation der "Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" - oder gar deren Übertragung auf den Nahen Osten und Asien?

Eine Lektion von vielen, vielleicht sogar die wichtigste, handelt vom Goldstandard internationaler Politik: von Vertrauen und der Voraussetzung jedweder Vertrauensbildung, nämlich der Bereitschaft, die Dinge vom Standpunkt des anderen aus zu sehen. Während des Kalten Krieges war diese Fähigkeit immer wieder beschädigt, zuweilen gar ruiniert worden - daher die Rede von einer Epoche ohne Empathie und einer von den eigenen Vorurteilen verblendeten Politik. Hier setzten Willy Brandt und Richard Nixon mit ihrer Gipfeldiplomatie seit den späten 1960er-Jahren einen markanten Gegenpunkt. Im Grunde ging es darum, die Welt zunächst mit den eigenen Augen zu sehen, dann mit den Augen des anderen und am Ende die beiderseitigen Wahrnehmungen daraufhin zu prüfen, wo die Gemeinsamkeiten liegen und wie schwer die Unterschiede ins Gewicht fallen. Nur mit dieser "Politik der sechs Augen", um eine Formulierung von Frank-Walter Steinmeier aufzugreifen, konnte man Differenzen diskutierbar machen und Interessen der Gegenseite begreifen. Gewiss ging Symbolisches oft auf Kosten des Substanziellen. Entscheidend aber war, dass am Ende nicht mehr übereinander, sondern miteinander geredet und der Raum des Politischen damit um ein Vielfaches erweitert wurde.

Die Gipfeltreffen zwischen den USA und der Sowjetunion haben das Unmögliche möglich gemacht

Ein noch immer unterschätztes Kapitel der Entspannungspolitik handelt von deren Institutionalisierung jenseits der Gipfeldiplomatie. Zwar gerieten die Ost-West-Beziehungen seit Ende der 1970er-Jahre wieder in schwere Wetter. Aber die zum Abschluss der "Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit" in Helsinki getroffene Vereinbarung, den Expertendialog auf mittlerer Ebene kontinuierlich weiterzuführen, hätte weitblickender kaum sein können. Sie setzte eine krisenfeste Steuerung im Hintergrund in Gang, einen vertrauensstiftenden Austausch, obwohl oder gerade weil die Staatschefs wieder auf Distanz zueinander gingen und ihr Heil in ideologischen Wortgefechten suchten.

Transcending the cold War

Kristina Spohr, David Reynolds (Hg.): Transcending the Cold War. Summit, Statecraft, and the Dissolution of Bipolarity in Europe 1970 - 1990. Oxford University Press, Oxford 2016, 274 Seiten, £35. E-Book: ca. 29 Euro.

Auch wenn man sich an dieser Stelle eine ausführlichere Betrachtung gewünscht hätte, eines macht der vorliegende Band deutlich: Dass ausgerechnet in dieser Zeit das militärisch fixierte Sicherheitsdenken nicht überhandnahm und die Diplomatie weiterhin zu ihrem Recht kam, war eine entscheidende Voraussetzung für die mit den Namen Reagan und Gorbatschow verknüpfte Trendwende in den Ost-West-Beziehungen.

Die vier amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffen zwischen November 1985 und Juni 1988 thematisierten das ehedem Undenkbare und realisierten das vermeintlich Unmögliche. Im Unterschied zu den zurückliegenden Jahrzehnten wurde Sicherheitspolitik nicht länger als Nullsummenspiel betrachtet - als ein Kräftemessen, bei dem man immer nur so viel gewinnen kann, wie die andere Seite verliert. Folglich ließ Michail Gorbatschow die USA weiterhin an ihrem Lieblingsprojekt weltraumgestützter Raketensysteme werkeln, obwohl die UdSSR nichts Vergleichbares in petto hatte. Selbst im Falle eines technologischen Durchbruchs, so seine Zurechtweisung interner Kritiker, würden die USA das für alle Szenarien hinreichende Zerstörungspotenzial Moskaus nicht aushebeln können. In anderen Worten: Gorbatschow riskierte eine Politik der einseitigen Vorleistung, unterstrichen durch die Bereitschaft, westlichen Experten größere Freiheiten bei der Inspektion sowjetischer Nuklearanlagen einzuräumen, als die Vereinigten Staaten auf ihrem Terrain akzeptieren wollten.

Dadurch wurde nicht allein der Weg zum vollständigen Verzicht auf nukleare Mittelstreckenraketen freigeräumt. Auch der Traum von einer atomwaffenfreien Welt schien keine naive Spinnerei mehr zu sein. In jedem Fall hatten Reagan und Gorbatschow mittels ihrer Gipfeldiplomatie der politischen Fantasie eine Schneise geschlagen und gezeigt, wie eine Welt jenseits der Abschottung, des Verdachts und des Misstrauens aussehen könnte. Dass beiden - wie den anderen Granden der Entspannungspolitik - seitens der historischen Wissenschaft mittlerweile Kränze geflochten werden, schärft den Blick auf Vergangenes. Noch mehr aber ist es ein Kommentar zum politischen Blindflug unserer Tage. Oder ein zeitgemäßer Appell.

Bernd Greiner, spezialisiert unter anderem auf die neuere Geschichte der USA, leitet das Berliner Kolleg Kalter Krieg.