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Deutsche Zeitgeschichte:Debattenlust und Theoriedurst

Zeitungen, Zeitschriften und Radiosendungen, das waren nach dem Krieg die wichtigen Informationsquellen; im Bild das Radio-Archiv des Bayerischen Rundfunks.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Historiker Axel Schildt hat ein fulminantes Werk hinterlassen über Medien und Intellektuelle in der frühen Bundesrepublik.

Rezenion von Tanjev Schultz

Ein bisschen Luxus wollten sich die Geistesarbeiter schon gönnen. Auf der Bühlerhöhe, in einem Schlosshotel im Schwarzwald, konnten sie kuren und entspannen, in Ruhe lesen und miteinander parlieren. In der frühen Bundesrepublik traf sich dort eine intellektuelle Elite, die es sich leisten konnte.

Von Friedrich Sieburg bis Karl Jaspers, von Karl Korn bis Dolf Sternberger - in der Korrespondenz arrivierter Intellektueller sei die Kurklinik immer wieder erwähnt worden, ohne dass sie den Briefpartnern erklärt werden musste. So schreibt es Axel Schildt in seiner Geschichte der "Medien-Intellektuellen".

Franz Josef Schöningh, Verleger der Süddeutschen Zeitung, und Erich Welter, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, seien ebenfalls gern auf die Bühlerhöhe gefahren. Atmosphärisch an den Zauberberg erinnernd, sei es auch um die Pflege von Netzwerken gegangen.

Das Sanatorium begann 1949 damit, Vorträge und Lesungen zu organisieren. Nachdem der Philosoph Martin Heidegger in der Kurhalle gesprochen hatte, notierte der Journalist und Musil-Experte Adolf Frisé: Er habe den Eindruck, "dass niemand offen einzugestehen wagte, was ihm unverständlich geblieben war".

Schildt erzählt nicht nur Anekdoten, er zeigt Linie für Linie, Knoten für Knoten das Netz, das die Intellektuellen nach dem Zweiten Weltkrieg knüpften. Er legt offen, wer mit wem zusammenhing und welche Themenfäden und Ideen von diesen Personen gesponnen wurden.

Das Großwerk erscheint aus dem Nachlass

Als Direktor der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg hat Axel Schildt jahrelang in Archiven und Nachlässen geforscht, um dieses große Werk vorzubereiten. Der Historiker starb 2019, bevor er sein Buch beenden konnte. Geplant war noch ein langes Kapitel zu den Intellektuellen in den 1970er und 80er Jahren.

So schade es ist, dass diese Lücke blieb - was nun vorliegt, ist großartig genug: ein Füllhorn penibler Beobachtungen und anregender Deutungen, die von der Neuordnung des Medienensembles nach dem Krieg über die kulturkritische Phase der 1950er Jahre bis zur gesellschaftlichen Liberalisierung und "1968 als Intellektuellengeschichte" einen brillanten Bogen spannen.

Auf dem Einband ist, vor einem Mikrofon, Adorno zu sehen, der sehr geschickt darin war, den Rundfunk für sich zu nutzen und sich als ein Meister der Rhetorik zu profilieren. Neben Zeitungen und Zeitschriften entwickelte sich das Radio in der frühen Phase der Bundesrepublik zum Leitmedium des intellektuellen Gesprächs. Kaum zu überschätzen ist dabei der Einfluss, den der Schriftsteller Alfred Andersch hatte.

Vielen heute nur noch durch seinen Roman "Sansibar oder der letzte Grund" bekannt, war Andersch ein Tausendsassa, der an den Schalthebeln medialer Macht saß: beim Hessischen, Nordwestdeutschen und beim Süddeutschen Rundfunk gestaltete er das Programm und schuf Plätze für Essays und Debatten.

Axel Schildt folgt keinen Klischees, die Intellektuelle verklären oder verdammen. Inspiriert von Pierre Bourdieus soziologischer Feld-Theorie, hat er die intellektuelle Landschaft verständig vermessen und in einer "dichten Beschreibung" erfasst. In der Landschaft wachsen und entwickeln sich die Ideen und geistigen Bewegungen keineswegs wild und ungeordnet, es sind nicht zuletzt soziale Faktoren und mediale Infrastrukturen, die den Lauf der Diskurse mitbestimmen.

Ein "Bruch" mit dem eigenen Verlag gehörte damals dazu

Die unauflösliche Verbindung von Medien und Öffentlichkeit auf der einen Seite und der in ihnen und durch sie wirkenden Intellektuellen auf der anderen Seite bilden, wie Schildt schreibt, den "roten Faden" des Buches. Ein Geistesleben in Einsamkeit und Freiheit? Auch wer es sich erlauben konnte, Anfragen der Presse abzulehnen - ganz ohne den Resonanzraum einer medialen Öffentlichkeit kommen Intellektuelle nicht aus (daher ist nicht jeder Wissenschaftler automatisch ein Intellektueller).

Das Verhältnis zu den Redaktionen ist stets spannungsreich. Schildt schreibt: "Die Geschichte der Medien-Intellektuellen ließe sich geradezu als eine Geschichte des Bruchs mit jeweiligen Medien schreiben. Pointiert: Ein Intellektueller zeichnet sich in der Regel dadurch aus, dass er mindestens einmal mit einem Verlag oder einer Redaktion gebrochen oder sich zumindest zeitweise zerstritten hat." Zwischen die sachlich-nüchterne Analyse streut der Historiker immer wieder solche Aperçus ein, die zum Lesegenuss beitragen.

In den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik äußerten sich Intellektuelle nicht nur im Radio und in den großen Zeitungen und Magazinen, von der FAZ bis zum Spiegel. Ausgangspunkt vieler Debatten waren Beiträge in den Kulturzeitschriften, wie den Frankfurter Heften, dem Monat oder Merkur, die teilweise noch existieren, deren Gewicht damals aber - in einem insgesamt elitäreren Umfeld - größer war als heute.

Es gab auch fragwürdige Kontinuitäten

Wer in den alten Ausgaben dieser Zeitschriften blättert, könnte nostalgisch werden (oh, edle Macht des Wortes. . .), sollte jedoch nicht übersehen, wie speziell und abgehoben das Milieu war. Nicht nur, dass wenige Frauen vorkamen (eine wichtige Ausnahme, auf die das Buch eingeht, war Marion Gräfin Dönhoff, die das Profil der Zeit prägte).

Es gab schon damals, auch wenn Schildt es nicht so nennt, intellektuelle Blasen: kleine Zirkel Gleichgesinnter oder Ähnlichgesinnter, die miteinander diskutierten und korrespondierten, aber nur bedingt Kontakt zu anderen hatten. Es waren die immer selben Figuren, die sich aufeinander bezogen und sich gegenseitig Ideen, Aufträge und Jobs zuschoben, um den Kultur- und Medienbetrieb am Laufen zu halten und darin möglichst prominent zu agieren.

Axel Schildt: Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik. Herausgegeben von Gabriele Kandzora und Detlef Siegfried. Wallstein Verlag, Göttingen 2020, 896 Seiten, 46 Euro.

Dabei gab es fragwürdige Kontinuitäten. Vielen Journalisten, Künstlern und Professoren, die im Nationalsozialismus nicht als Widerstandskämpfer aufgefallen waren, ist es nach 1945 recht mühelos gelungen, ihre Arbeit fortzusetzen.

Konsterniert bemerkt Schildt: "Bei der Betrachtung publizistischer Biographien der Nachkriegszeit gewinnt man den Eindruck, dass die Mitarbeit an Goebbels' Reich [eine Wochenzeitung in der NS-Zeit, Anm. T.S.] nicht nur keine Nachteile mit sich brachte, sondern für die Nachkriegskarriere mitunter von erheblichem Nutzen war".

Als der Linkskatholizismus stark war

Das Buch geht detailreich auf Personen und Redaktionen ein, zeichnet aber auch inhaltliche Strömungen und Kontroversen nach. So wird deutlich, wie stark nach dem Zweiten Weltkrieg zum einen der Linkskatholizismus war, wie Eugen Kogon ihn vertrat, und zum anderen die rechtskonservative "abendländische" Bewegung, die dann im Laufe der Zeit ihre Bedeutung verlor, bis in jüngster Zeit der Pegida-Populismus versucht hat, den Begriff wiederzubeleben.

Lehrreich ist auch Schildts Blick auf die 1960er Jahre und die "Suhrkamp-Kultur". Zu oft werde der Protest von 1968 als ein jugendlicher Rausch abgetan, getreu dem viel zitierten Motto: "Wer sich daran erinnert, ist nicht dabei gewesen!" Ja, Musik und Drogen hätten eine große Rolle gespielt, aber zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte der Bundesrepublik habe es einen größeren "Lesehunger und Theoriedurst" gegeben als in dem Jahrzehnt zwischen 1965 und 1975.

Es mag sein, dass hier etwas Sehnsüchtiges aus der Zeitzeugenschaft des Historikers durchschimmert. Und wenn schon. Schildts großem Wurf ist zu wünschen, dass es auch in der Gegenwart noch genügend Lesehunger gibt für so feine wissenschaftliche Kost.

© SZ vom 07.12.2020/odg
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