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Wohin mit dem Müll?:Jenseits von Gorleben

Plötzlich ist das lange favorisierte Lager im Wendland Geschichte. Die Politik hofft auf einen Neuanfang anderswo.

Von Michael Bauchmüller und Peter Burghardt

Sie steht im nun so stillen Protestgebiet vor dem Zugang zum Bergwerk und kann es nicht fassen. "Gorleben ist raus!", hatte ihr Mann ihr morgens zugerufen, es lief ja überall im Radio und im Netz. Gorleben nach all den Jahrzehnten ausgeschieden bei der Suche nach einem Endlager für radioaktiven Abfall. "Da ist eigentlich große Freude", sagt Jutta von dem Bussche, "aber wir können noch nicht rumspringen." Die Nachricht ist an diesem Montagmittag so frisch und so verblüffend wie ein in diesem Moment unverhoffter Sieg.

Seit mehr als 40 Jahren demonstrieren sie gegen Atomkraft und die Möglichkeit, dass der Salzstock am Rande dieses Ortes im Wendland zum finalen Grab für Atommüll werden könnte. 1977 hatte Niedersachsens damaliger Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU), Vater der heutigen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die Gemeinde ausgewählt. Gorleben wurde zum Symbol des Widerstands, Jutta von dem Bussche ist umgeben von Parolen. "Mit Gorleben kommen sie nicht durch!", heißt es auf einem Plakat. Das Greenpeace-Schiff Beluga ist hier aufgebockt, da sind gelbe Atomkraftwarnfässer, da ist das allgegenwärtige gelbe X, mitten in der Natur - das Symbol des Protests.

Der Salzstock erfüllte drei von elf Kriterien nicht

In Gorleben sind diese gelben X, zusammengezimmert aus Holzlatten, ab sofort die Erinnerung an einen jahrzehntelangen Kampf. Denn aus der Suche nach einem Atomendlager ist der Salzstock jetzt raus. In dem Konvolut möglicher Regionen, die sich nach Auffassung der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) prinzipiell als Standorte eignen könnten, findet sich kein Gorleben. Die gelben Kreuze dürften bald Bürger in anderen Gemeinden zusammennageln.

Anti-Atom-Gruppen protestieren gegen erneute Castor-Transporte

Seit fast 60 Jahren laufen in Deutschland Kernkraftwerke, seit mehr als vier Jahrzehnten gibt es Massenproteste gegen die Atomkraft. Aktivisten demonstrieren im Februar vor dem AKW in Grohnde.

(Foto: Peter Steffen/picture alliance/dpa)

Es gibt, zumindest in diesem ersten Schritt, Hunderte solcher Gemeinden. Sie liegen auf Tonschichten, Salzstöcken oder Granit, und das wiederum in einer "Mächtigkeit", die Platz genug für ein Endlager böte. Zumindest mal theoretisch. "Die bundesdeutsche Geologie ist von Nord bis Süd und von Ost bis West so günstig, dass wir mit Überzeugung sagen können: Daraus lässt sich der eine Standort mit der bestmöglichen Sicherheit ermitteln", sagt BGE-Chef Stefan Studt. Bloß: Wo soll das sein?

Die BGE hatte dazu geologische Daten aus allen Bundesländern zusammengetragen. Die gibt es reichlich, denn allein für die Suche nach Öl und Gas wurde die halbe Republik schon unterirdisch durchforstet. Rund eine Million Datensätze habe man dafür ausgewertet, nach allen möglichen Kriterien: Drohen in einer Gegend Erdbeben? Wurde dort früher schon Bergbau getrieben, so dass der Untergrund durchlöchert ist? Gibt es tektonische Störungen? In einem zweiten Schritt untersuchte die Bundesfirma die Größe jener so genannten Gebirgsbereiche, in denen ein Endlager entstehen könnte. Reicht der Platz? Liegt er tief genug? Und schließlich gingen die Geologen der Frage nach, wie sicher sich dort Atommüll über Hunderttausende von Jahren würde lagern lassen. Ob etwa Grundwasser mit dem radioaktiven Müll in Kontakt kommen kann, ob das Gestein auch langfristig stabil ist oder ob es auch wirklich dicht ist.

In dieser Stufe schied Gorleben aus. Die ersten beiden Stufen habe der Standort bestanden, heißt es bei der BGE. In der dritten Stufe aber seien drei der elf Kriterien nicht erreicht worden. So geht es aus einem Sonderbericht hervor, den die bundeseigene Firma veröffentlicht hat. "Der Salzstock Gorleben-Rambow wird daher nicht bei den weiteren Arbeiten der BGE zu den Vorschlägen über die Standortregionen betrachtet." Das Standort-Auswahlgesetz, Grundlage der Suche, hat dafür sogar einen eigenen Paragrafen. Danach kann Gorleben in jeder Stufe der Suche ausscheiden, und das für alle Zeit. Das ist nun geschehen. Man sei von dem Ergebnis selbst überrascht gewesen, heißt es bei der BGE. Eine politische Einflussnahme, wie so oft in der Vergangenheit des Salzstocks, habe es nicht gegeben. "In keinem Schritt dürfen politische Motive die Endlagersuche beeinflussen", sagt auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). "Nur so kann es am Ende Akzeptanz für einen Endlagerstandort geben - egal, wo er dann in der Republik liegen wird."

Jutta von dem Bussche von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg war immer dabei, bei all den Demos, wenn wieder Castor-Transporte ins nahe Zwischenlager rollten, gleich hinter dem Wald. Jetzt aber kommt ihr das Ende von Gorleben fast surreal vor, "ein ganz tolles Ereignis", sie hatten in Runde eins der neuen Endlagersuche nicht damit gerechnet. Am 4. Oktober sollte die nächste Kundgebung stattfinden, Motto: "Was wird aus Gorleben?" An ihr will die Bürgerinitiative festhalten. "Wir legen jetzt nicht die Hände in den Schoß", sagt ihr Sprecher Wolfgang Ehmke. Im Übrigen würden bestimmt andere Gemeinden mit Salzstöcken um Hilfe bitten. "Und da gilt selbstverständlich das Prinzip der Solidarität", sagt Ehmke.

Selbst Berlin, Hamburg und Bremen kommen infrage

Die übrigen Standorte füllen selbst in der Kurzform noch einen Aktenordner mit 443 Seiten. Insgesamt 90 Teilgebiete finden sich darin, sie alle überstanden die Kaskade von Kriterien, oder jedenfalls die meisten davon. Mehr als die Hälfte der Bundesrepublik finden sich hier wieder, darunter selbst Teile der Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen. Manche der Regionen sind riesengroß, etwa die neun Gegenden, in denen sich der Atommüll in Ton lagern ließe - allein sie machen mehr als die Hälfte der Regionen aus. Und auch Kristallingestein wie Granit findet sich in einem Drittel der Fläche, die in Frage kommt - aber nur in sieben Teilgebieten. Dafür gibt es 74 Salzvorkommen, die aber häufig nur wenig Fläche einnehmen. Darunter Salzstöcke, wie es in Gorleben einen gibt.

So geht es weiter

Mitte Oktober wird sich erstmals eine breitere Fachöffentlichkeit mit den Ergebnissen der bisherigen Suche befassen. Dann findet in Kassel die "Fachkonferenz Teilgebiete" statt, wegen Covid-19 lediglich digital. Es ist die erste von vier Konferenzen, bei denen die Ergebnisse erörtert werden. Parallel laufen die Untersuchungen der Teilgebiete weiter. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) untersucht dabei, welche Regionen für eine Erkundung über Tage in Frage kommen. Damit wird der Kreis der Standorte erheblich eingeengt. Hier kann, zum Beispiel mit seismischen Verfahren, eine genauere Erkundung der Geologie erfolgen. In eigenen "Regionalkonferenzen" können sich abermals Bürgerinnen und Bürger mit den Vorschlägen befassen und Nachprüfungen verlangen. Ein "Rat der Regionen" entsteht, in den sowohl die Regionalkonferenzen als auch die Zwischenlagergemeinden Vertreter entsenden. Diese Gemeinden haben großes Interesse daran, rasch ein Endlager zu finden.

Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung prüft, wie bei allen weiteren Schritten des Verfahrens, die Vorschläge der BGE. Die Entscheidung, wo diese übertägigen Erkundungen stattfinden sollen, trifft der Bundestag mit einem eigenen Gesetz. Mit dieser übertägigen Erkundung soll der Kreis der Standorte weiter eingegrenzt werden, auf jene Orte, an denen auch unter Tage erkundet werden soll. Auch dieser Vorschlag wird von den Regionalkonferenzen begleitet, wieder soll der Bundestag am Ende per Gesetz beschließen, an welchen Orten Bergleute beginnen sollen, die Geologie unter Tage zu erkunden. Mindestens zwei Standorte sollen verglichen werden. Erst diese Erkundung soll schließlich den einen, bestgeeigneten Standort hervorbringen. Das letzte Wort hat auch hier wieder der Bundestag. miba

Auf der BGE-Homepage gibt es nun auch eine Postleitzahlensuche. Bürger können so herausfinden, ob ihre Gegend sich prinzipiell für ein Endlager eignet. "Ein Teilgebiet ist aber noch lange kein Endlagerstandort", sagt Steffen Kanitz, der bei der BGE für die Standortsuche zuständig ist. Im nächsten Schritt werden nun Bürger beteiligt, über alle möglichen Beteiligungsformate . Anders als einst bei Gorleben soll keiner sagen können, er oder sie sei vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Der nun vorgelegte Bericht gebe "die Gelegenheit zur Beteiligung zu einem Zeitpunkt, zu dem noch keine Fakten geschaffen sind", sagt Kanitz.

Peu à peu soll sich die Zahl der Standorte nun immer weiter einengen, in einem trichterförmigen Verfahren. Viele der Orte, die nun benannt sind, scheiden von selbst aus: Unter einer Großstadt oder einer Siedlung kann man kein Endlager bauen, ebenso wenig in einem Nationalpark, in einem Überschwemmungsgebiet oder dort, wo kulturhistorische Schätze lagern. Allein dadurch wird sich die Größe der Teilgebiete rapide verringern. Je kleiner die Zahl der Standorte, desto diffiziler wird aber der Vergleich. Denn wie genau es unter Tage aussieht, lässt sich am Ende nur durch Bohrungen herausfinden.

Schon 2050 soll der erste Atommüll eingelagert werden - ein ehrgeiziger Plan

Bis 2031, so steht es im Gesetz, soll so ein Endlager gefunden sein, von 2050 an soll es den Atommüll aufnehmen, was wiederum bis 2070 dauern dürfte. Den Zeitplan halten viele Experten schon jetzt für illusorisch, doch andererseits drängt die Zeit. Denn die Genehmigungen der Zwischenlager, wie sie neben den Atomkraftwerken entstanden sind, laufen zwischen 2034 und 2047 ab. Und von einer Verlängerung dieser Genehmigungen halten viele der Standortgemeinden gar nichts.

In Gorleben, 700 Einwohner, dagegen muss auch der ehrenamtliche Bürgermeister Klaus Hofstetter die frohe Botschaft erst einmal verdauen. Er sitzt im Rathaus in einem Bürosessel, euphorisch klingt er nicht, es waren ermüdende Zeiten. "Dann ist es endlich nach 35, 40 Jahren entschieden, nach diesem ganzen Hin und Her", sagt er, auf der Hauptstraße draußen ist es so ruhig wie meistens.

Mehr als sein halbes Leben ist der 71-jährige frühere Schornsteinfeger mit dem Atomstreit beschäftigt, im Regal stehen Bücher über Wackersdorf und Gundremmingen. Jahrelang war Hofstetter selbst beim Zwischenlager in Gorleben angestellt, Abteilung Strahlenschutz, die letzten Castoren kamen im Herbst 2011 an. Natürlich hatte sich das Ende des Endlagerthemas in seinem Dorf zuletzt angedeutet. Die Erkundung des Salzstocks wurde vor Jahren beendet, der Rückbau soll beginnen.

Vielleicht hilft die Gewissheit, neue Mitbürger anzulocken, junge Familien, das berühmte, abgelegene Gorleben an der Elbe verschenkt einige Grundstücke fast. Wird das Zwischenlager wirklich bis 2050 aufgelöst, ist bis dahin anderswo ein Endlager gefunden? "Ich werd's nicht mehr erleben", vermutet Gorlebens Bürgermeister. Jutta von dem Bussche lässt sich bei den Schautafeln der Protestgeschichte noch mal all die Jahre der Gegenwehr durch den Kopf gehen. Sie sagt: "Es hat sich gelohnt."

© SZ vom 29.09.2020

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