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Wirtschaftsskandal:Ex-Wirecard-Chef für fünf Millionen Euro frei

Die Münchner Justiz setzt den Haftbefehl gegen Markus Braun aus, nachdem der sich den Ermittlern gestellt hat.

Von Klaus Ott, Jörg Schmitt und Nils Wischmeyer

Im Milliardenskandal beim Internetkonzern Wirecard bleibt der langjährige Vorstandschef Markus Braun trotz eines Haftbefehls wegen Fluchtgefahr in Freiheit. Das Amtsgericht München entschied am Dienstagnachmittag, dass der Haftbefehl gegen eine Kaution von fünf Million Euro ausgesetzt wird. Braun, er ist Österreicher und hat unter anderem einen Wohnsitz in Wien, muss sich außerdem jeden Mittwoch bei der Polizei in München melden sowie allen Vorladungen von Justiz und Ermittlern Folge leisten.

Ausschlaggebend für die überraschende Milde in einem der größten deutschen Wirtschaftsskandale war vor allem der Umstand, dass Braun auf Anraten seines Verteidigers Alfred Dierlamm trotz des Haftbefehls am Montagabend von Wien nach München gekommen war und sich der Staatsanwaltschaft gestellt hatte. Der Haftbefehl war Montagmorgen ergangen. Wirecard hatte zuvor zugegeben, dass offiziell angegebene Bankguthaben auf philippinischen Konten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro wahrscheinlich gar nicht existieren. Zweifel an der Existenz der Konten waren vergangene Woche aufgetaucht.

Braun war daraufhin als Vorstandschef der in Aschheim bei München ansässigen Wirecard AG zurückgetreten und hatte sich dann nach Wien begeben. Die Staatsanwaltschaft München I verdächtigt ihn der Bilanzfälschung und der Manipulation des Börsenkurses von Wirecard. Braun soll mit anderen mutmaßlichen Tätern die Bilanzsumme und die Umsätze von Wirecard durch vorgetäuschte Einnahmen künstlich aufgebläht haben. Er habe das Unternehmen für Investoren und Kunden dadurch attraktiver erscheinen lassen wollen, als es tatsächlich gewesen sei.

Sollte das zutreffen, dann kann dies mit mehreren Jahren Gefängnis bestraft werden. Braun hat als Vorstandschef der Wirecard AG die Zahlungen via Internet abgewickelt und den Vorwurf einer geschönten Bilanz stets zurückgewiesen. Das gilt auch für seinen langjährigen Vorstandskollegen Jan Marsalek, gegen den offenbar ebenfalls ein Haftbefehl erlassen wurde. Marsalek soll sich auf den Philippinen aufhalten und will dort angeblich Unterlagen zur Aufklärung der Affäre beschaffen.

Der wegen der Affäre bei Wirecard entlassene Marsalek war dort für das Asiengeschäft zuständig gewesen. Die Münchner Staatsanwaltschaft soll zu Marsalek Kontakt haben und ihm bedeutet haben, dass er sich ebenfalls stellen solle. Ob es dazu kommt, bleibt abzuwarten. Zusätzlicher Ärger droht dem Konzern und den teils ehemaligen Vorständen von Seiten der Finanzaufsicht Bafin. Diese hat am Donnerstag Anzeige gegen Wirecard gestellt und heute noch einen Nachtrag geliefert. Den Angaben der Bafin zufolge würden die Ad-hoc-Meldungen von Wirecard vom 18. Juni und vom 22. Juni den Verdacht verstärken, dass die Geschäftsberichte ab dem Jahr 2016 falsch seien. Mit ihrer Veröffentlichung habe Wirecard möglicherweise die Anleger in die Irre geführt. Der Vorwurf lautet Marktmanipulation.

© SZ vom 24.06.2020
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