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Wirecard:Vorstand auf der Flucht

Jan Marsalek ist im Ausland untergetaucht - und will sich nun doch nicht den Behörden stellen. Auch der Bundestag will sich mit der Rolle der Finanzaufsicht befassen.

Von Georg Mascolo, Klaus Ott und Jörg Schmitt, Berlin/München

FOTOMONTAGE: Die Talfahrt der Wirecard-Aktie geht rasant weiter, der Zahlungsdienstleister hat das Vertrauen der Investo

Immer neue Details werden bekannt im Bilanzskandal um den Zahlungsdienstleister Wirecard.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Im Milliardenskandal beim Internetkonzern Wirecard deutet vieles darauf hin, dass sich der kürzlich gekündigte Vorstand Jan Marsalek im Ausland auf der Flucht befindet. Nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR ist Marsalek nicht bereit, sich der Staatsanwaltschaft München I zu stellen. Die Staatsanwaltschaft hatte vor einer Woche einen Haftbefehl gegen den bisherigen Wirecard-Vorstand erlassen. Vergangene Woche hatten die Ermittler aus Marsaleks Umfeld noch Signale erhalten, dieser werde bald nach München zurückkommen. Dem ist jedoch nicht so.

In Justizkreisen geht man von Flucht aus. Dass sich ein langjähriger Vorstand eines kürzlich noch führenden deutschen Konzerns nach Bilanzlöchern in Milliardenhöhe ins Ausland abgesetzt hat, gibt dem Skandal eine neue Dimension. Im Bundestag werden erste Forderungen nach einem Untersuchungsausschuss laut, weil kein Aufsichtsorgan in Deutschland die Bilanzlöcher bei Wirecard erkannt hat. Und dies, obwohl es wiederholt Hinweise auf geschönte Bilanzen bei Wirecard gab. Ob die Bilanz- und Finanzaufsicht falsch organisiert war und Versäumnisse der Regierung vorliegen, wird breit diskutiert.

Die Münchner Strafverfolger wie auch die für Wirecard tätige Wirtschaftsprüfgesellschaft EY (früher Ernst & Young) gehen inzwischen von Betrug in großem Stil aus. Bei Wirecard sollen fragwürdige Kreditverträge über mehrere 100 Millionen Euro abgeschlossen sein. Daneben gibt es weitere verdächtige Umstände. Der in Aschheim bei München ansässige Konzern hat nach eigenen Angaben für weltweit mehr als 300 000 Geschäftskunden Zahlungen im Internet abgewickelt.

Ein Großteil des Geschäfts existierte möglicherweise nur auf dem Papier. Das gilt vor allem für Handelspartner in Asien, die große Teile zum Umsatz und zum Gewinn von Wirecard beigesteuert haben sollen. Am Montag beschwerte sich EY beim Wirecard-Vorstand darüber, dass etliche drängende Fragen unbeantwortet seien. EY erklärte die Bilanz 2019 für nichtig und warnte den Vorstand vor den "weitreichenden" Folgen für den Konzern, falls das gesamte Geschäft mit sogenannten Drittpartnern gar nicht existiert habe.

Wirecard muss mit Schadenersatzklagen in Milliardenhöhe von Aktionären wie auch von Banken rechnen. Auch auf EY könnten Klagen zukommen. Für Geschäfte in Asien wie auch mit Drittpartnern war bei Wirecard vor allem Marsalek zuständig. Er hatte als Vorstandsmitglied sämtliche Vorwürfe zurückgewiesen, Geschäfte könnten erfunden und die Bilanzen könnten geschönt sein. Marsalek hat Wirecard stattdessen als Opfer von britischen Börsenspekulanten dargestellt.

Die Finanzaufsichtsbehörde Bafin hatte im April 2019 wegen des Verdachts der Manipulation des Aktienkurses Strafanzeige gegen Börsenhändler erstattet sowie gegen zwei Journalisten der britischen Zeitung Financial Times (FT). Die FT hatte frühzeitig über dubiose Vorgänge bei Wirecard berichtet und war deshalb von Marsalek heftig attackiert und von Wirecard verklagt worden.

© SZ vom 30.06.2020

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