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Winfried Kretschmann:Heute ein Schneekönig

Der Ministerpräsident lässt beim Landesparteitag der Südwest-Grünen die jüngste Niederlage vergessen. Er entwirft sein Bild einer grünen Politik und stellt fast nebenbei klar, wie lange er noch an der Spitze Baden-Württembergs stehen will.

Von Josef Kelnberger, Schwäbisch Gmünd

Als Winfried Kretschmann beim Parteitag der Grünen am Samstag ein zweites Mal ans Rednerpult eilte, war der Saal halb leer. Viele Delegierte vertraten sich die Beine. Noch mal Kretschmann, damit hatte keiner gerechnet, aber der Ministerpräsident war nicht zu stoppen: Neuigkeiten vom Klimagipfel in Marrakesch wollte er verkünden. Die Bundesregierung sei dem Klimaschutz-Memorandum beigetreten, das er mit Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown 2015 unterzeichnet hatte. 165 Regierungen aus fünf Kontinenten hätten sich mittlerweile angeschlossen, sie vertreten ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung. "Ich freue mich wie ein Schneekönig", sagte Kretschmann, schleuderte das Wort "Leadership" in den Saal und fügte hinzu: "Das zeigt, dass ein Provinzpolitiker auf der Weltbühne was bewegen kann."

Wer wollte, konnte in dem Augenblick ein Echo auf die Ereignisse vom vergangenen Wochenende hören. Erst die Niederlage im Kampf gegen die Vermögensteuer beim grünen Bundesparteitag in Münster, die eine persönliche Niederlage gegen seinen alten Rivalen Jürgen Trittin war. Dann die Nachricht: Frank-Walter Steinmeier wird Bundespräsident. Kretschmann hatte dieses Amt nicht angestrebt, aber sich doch mit der Aussicht darauf vertraut gemacht. Sinkt nun Kretschmanns Stern, wie die Opposition im Lande unkt?

Manche bei den Südwest-Grünen trauern der Schlagzeile hinterher: "Wir sind Bundespräsident." Die meisten aber sind froh, dass Kretschmann bleibt, denn das Klima in der Koalition mit der CDU wird zunehmend rauer. Wer sonst sollte den Laden zusammenhalten? Kretschmann selbst wirke aufgeräumt, fast befreit, ist von seinen Vertrauten zu hören. Der Ausflug in die Bundespolitik habe zu viele Kräfte gebunden.

In Schwäbisch Gmünd entwarf Winfried Kretschmann in einer schwungvollen Rede sein Bild einer grünen Politik, die sich um Umwelt und gesellschaftlichen Zusammenhalt kümmert: E-Autos bauen und zugleich 250 000 Arbeitsplätze in der Autoindustrie Baden-Württembergs erhalten, das grüne Menschenbild verteidigen und zugleich auf Menschen zugehen, die sich den Rechtspopulisten zuwenden. In Münster hatte Kretschmann gefordert, die Grünen sollten es "mit der Political Correctness nicht übertreiben". In Schwäbisch Gmünd stellte er fest: Political Correctness helfe, die Würde des Menschen zu achten. "Aber wir müssen eine Sprache finden, die von allen verstanden wird."

Sandra Detzer wird künftig mit Oliver Hildenbrand die Partei führen

Nebenbei, in einem Nebensatz, stellte Kretschmann klar, dass er bis zum Ende der Legislaturperiode Ministerpräsident bleiben wolle. In den letzten Wochen war öffentlich über Nachfolger, vor allem Nachfolgerinnen spekuliert worden. Bei seinem zweiten Ausflug ans Rednerpult rühmte Kretschmann, 68, dann die Tatkraft seines kalifornischen Partners Jerry Brown. "Der ist zehn Jahre älter als ich." Ob vielleicht auch 2021 noch nicht Schluss ist?

Die Südwest-Grünen werden noch einige Zeit von Kretschmann leben, und mit ihm zu leben haben. Zur neuen Parteivorsitzenden wurde in Schwäbisch Gmünd die 36-jährige Sandra Detzer gewählt, bislang finanzpolitische Beraterin der Fraktion. Sie folgt Thekla Walker nach, die in den Landtag eingezogen ist, und führt die Partei gemeinsam mit Oliver Hildenbrand. In den Bundestagswahlkampf zieht die Landespartei mit Kerstin Andreae und Cem Özdemir auf den Listenplätzen eins und zwei. Sie erreichten in Schwäbisch Gmünd Ergebnisse jenseits der 85 Prozent, ihr Ziel formulierten Andreae und Özdemir klar: Die Grünen sollen wieder mitregieren im Bund.

© SZ vom 21.11.2016

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