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Wikileaks:Julian Assange - die Jagd auf den Staatsfeind

Viel Feind, wenig Ehr': Nach den Enthüllungen von Wikileaks wüten Regierungschefs über den Gründer Assange. Ein Haftbefehl kommt da gerade recht. Der Gejagte hat Todesangst.

Seine letzte Wortmeldung war ein Interview. Im US-Magazin Time forderte er am Dienstag die US-Außenministerin Hillary Clinton zum Rücktritt auf, falls sie US-Diplomaten im Ausland zur Spionage angestiftet habe.

Wikileaks founder Assange loses Sweden appeal

Wikileaks-Gründer Assange Anfang November: Von Interpol gesucht.

(Foto: dpa)

So kennt man Julian Assange, den Australier, der die Enthüllungsplattform Wikileaks leitet: Immer direkt zur Sache, immer dabei bei der ganz großen Nummer.

Wenige Tage, nachdem seine Online-Organisation mit der Enthüllung amerikanischer Diplomaten-Depeschen die Welt in Unordnung gebracht hat, sieht sich Assange allerdings selbst größten Pressionen ausgesetzt.

Schwedens Oberster Gerichtshof hat den Haftbefehl gegen den Wikileaks-Chef bestätigt: "Der Oberste Gerichtshof wird dem Einspruch nicht stattgeben, die Entscheidung des Berufungsgerichts ist damit bestätigt." Assange wird wegen gegen ihn in Schweden erhobener Vergewaltigungsvorwürfe international gesucht.

Der Internetaktivist bestreitet die Vorwürfe und hatte gegen den Haftbefehl geklagt.

Gesucht wie ein Al-Qaida-Terrorist

Seit Tagen wird Assange gesucht wie ein Al-Qaida-Terrorist. Die Enthüllungen von Wikileaks seien "nicht nur ein Angriff auf die außenpolitischen Interessen der USA, sondern auf die internationale Gemeinschaft", sagte US-Außenminister Hillary Clinton vor zwei Tagen. Sie brächten das Leben von Menschen in Gefahr, bedrohten die nationale Sicherheit und würden die Bemühungen der USA untergraben, "mit anderen Staaten bei der Lösung gemeinsamer Probleme zusammenzuarbeiten".

Assange muss nach Ansicht eines Sprechers um sein Leben fürchten. Die Sicherheit des 39-Jährigen sei nach der Veröffentlichung von brisanten Dokumenten des US-Außenministeriums in Gefahr. Es habe Drohungen von Regierungen und Kommentatoren gegeben. "Es gab sogar Rufe nach einer Ermordung von Julian Assange." Deshalb fürchte Assange zu Recht um sein Leben und seine Sicherheit.

In den USA hatte der frühere republikanische Gouverneur von Arkansas, Mike Huckabee, Medienberichten zufolge gefordert, dass der Verantwortliche für die Wikileaks-Enthüllungen wegen Verrats angeklagt und hingerichtet werden solle. In Kanada sagte ein Berater von Regierungschef Stephen Harper - offensichtlich ironisch - im Fernsehen, Assange sollte "getötet werden" und US-Präsident Barack Obama könnte "eine Drohne nutzen".

Assanges Anwalt Mark Stephens gab schon bekannt, die britische Polizei und Sicherheitsdienste mehrerer anderer Länder wüssten über den Aufenthaltsort des Wikileaks-Chef Bescheid: "Scotland Yard weiß, wo er ist, und die Sicherheitsdienste einer Reihe anderer Länder wissen, wo er ist." Er wollte aber nicht bestätigen, dass sich Assange in Südostengland aufhält. Dies hatten britische Medien berichtet.

Laut Times konnte ihn die Polizei wegen eines fehlerhaften Haftbefehls Schwedens nicht festnehmen. Die schwedische Polizei teilte darauf mit, sie werde einen neuen Haftbefehl gegen ihn ausstellen. "Wir müssen den Haftbefehl aktualisieren", sagte der mit dem Fall befasste Beamte Tommy Kangasvieri von der schwedischen Kriminalpolizei "Es stimmt, das war ein Verfahrensfehler."

Der Wikileaks-Gründer wurde seit Beginn der Veröffentlichung von 250.000 Dokumenten des US-Außenministeriums durch die Internetplattform am Sonntag nicht in der Öffentlichkeit gesehen. Er bleibt auf der "roten Interpol-Liste" zur internationalen Fahndung ausgeschrieben.

Assange soll bei einem Schweden-Besuch im August zwei Frauen bei insgesamt fünf Gelegenheiten vergewaltigt oder andere sexuelle Gewalt ausgeübt haben. Er bestreitet die Vorwürfe und sieht sie als Teil einer aus den USA gesteuerten Verschwörung gegen ihn.

Mancher denkt da schon an ein Komplott: Parallel zu schwersten Vorwürfen aus Washington und anderen Hauptstädten wegen "Hochverrats" lässt die schwedische Justiz jetzt weltweit nach Wikileaks-Gründer Assange fahnden. Dabei haben seit August drei wechselnde Staatsanwältinnen Vorwürfe sexueller Gewalt durch zwei Schwedinnen komplett unterschiedlich eingestuft: Erst Haftbefehl für ein paar Stunden, dann monatelang gar nichts, und Mitte November plötzlich wieder ein Haftbefehl - mit massiveren Vorwürfen als zu Beginn.

"Die Staatsanwaltschaft hat eine Farce aufgeführt", beklagt Aftonbladet. Weder Schwedens größte Zeitung noch andere Stockholmer Stimmen aber verschwendeten groß Gedanken daran, dass die heimische Justiz vielleicht "auf höhere Weisung" handeln könnte, um der von Wikileaks gedemütigten US-Regierung zu einer Festnahme durch die Hintertür zu verhelfen. Vielleicht bis auf Assanges Anwalt Björn Hurtig: "Man kommt schon ins Grübeln bei dieser zeitlichen Nähe."

Als Nächstes nimmt die Internet-Enthüllungsplattform Wikileaks die Wirtschaft ins Visier. "Künftig dürften wir mehr Material haben, das die Unternehmenswelt betrifft", sagte Wikileaks-Sprecher Kristinn Hrafnsson. Er bestätigte, dass Wikileaks Informationen über die Arbeit einer US-Bank habe. Den Namen des Instituts nannte er aber nicht. Assange hatte die Veröffentlichung Zehntausender interner Unterlagen einer US-Bank Anfang kommenden Jahres angekündigt.

Für Januar sind auch Enthüllungen über die Enthüllungen angekündigt. Dann nämlich erscheint im Ullstein-Verlag der Erfahrungsbericht von Daniel Domscheit-Berg, dem Mitbegründer von Wikileaks. Unter dem Titel Inside Wikileaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt verspricht der Verlag einen "packend geschriebenen Enthüllungsreport voller unbekannter Fakten. Domscheit-Berg erzähle darin "die Geschichte von Wikileaks, wie sie noch keiner gehört hat".

Der 39-Jährige mit dem Alias "Daniel Schmitt" hatte die Enthüllungsplattform im September verlassen. Grund dafür soll die politische Ausrichtung der Website und persönliche Differenzen mit Assange gewesen sein. Assange soll intern äußerst autoritär auftreten.