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Annette Widmann-Mauz:Schöne Geschichten und große Sorgen

Widmann-Mauz besucht Radikalisierungs-Prävention

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, hat eine Deutschlandtour zum Stand der Integration unternommen. Sie führte sie unter anderem nach Würzburg.

(Foto: dpa)

Seit gut einem Jahr ist die Staatsministerin für Integration im Amt. Unterwegs mit einer Politikerin, die zeigen will, was gut läuft im Land - aber auch das andere nicht versteckt.

Nicht schlecht das Ganze, hier unten in den Katakomben des Stadions. An den Decken große Bildschirme, am Boden ein kräftig-grüner Kunstrasen, an der Seite eine Theke für letzte Getränke, und an den Wänden eine Tapete mit feuerroten Bullen, die eine furchteinflößende Energie ausstrahlen. Wo sonst die Spieler von RB Leipzig einen letzten Moment innehalten, bevor sie aufs Spielfeld ziehen, gibt es an diesem Sommerabend vor allem eines: schöne Geschichten, erzählt von Fußballfunktionären, Stiftungsvertretern und ehrenamtlichen Helfern.

Stefan Kiefer von der Stiftung der "Deutschen Fußballliga" (DFL) berichtet, dass sie im Jahr gut 30 Millionen Euro gibt, um Hunderte Projekte zu fördern. Frank Hinte von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung erklärt, dass sie Tausende Jugendliche erreichen. Und der Syrer Alaa Schehabi erzählt, wie er in Leipzig einen Trainerschein machen konnte und heute die A-Jugend des örtlichen FC Blau-Weiß trainiert.

Zufrieden mit sich sind die drei. Und zufrieden wirkt auch die Besucherin aus der Hauptstadt. Drei Tage reist Annette Widmann-Mauz durch Deutschland, um in Kitas und Landratsämtern, in Schulen und Handwerksbetrieben zu studieren, wie es im Sommer 2019 um die Integration von Flüchtlingen bestellt ist. Da tun Erzählungen wie diese gut. Also schwärmt die Integrationsbeauftragte der Regierung von der "tollen Arbeit", die hier alle leisten.

Doch so schön die Welt sein kann - es ist nicht die ganze Geschichte. Das zeigt sich, als alle beim Essen sitzen. Mit dabei ist Ex-Fußballprofi Pablo Thiam; er arbeitet heute als Integrationsbeauftragter beim VfL Wolfsburg. Was Thiam, 45, erzählt, verdunkelt den Blick auf die Lage. 1974 wurde er in Guinea geboren, 1979 kam er als Sohn eines Diplomaten nach Deutschland, seitdem lebt er hier. Obwohl er eigentlich längst dazugehöre, gebe es für ihn Gegenden, die er auf keinen Fall betreten würde. In Berlin warne er seine Kinder vor bestimmten Stadtteilen, und wenn er auf Dienstreise nach Ostdeutschland fahre, achte er auf alle Gefahrenzeichen, sei immer auf der Hut. Das fühle sich gar nicht schön an.

Die junge Muslimin gründete ihr eigenes Modelabel. Gewissermaßen aus Not

Gefragt, wie sich die Lage über die Jahre entwickelt habe, antwortet Thiam, die Situation habe sich seit 2016 nur verschlimmert. "Auf der Straße, im Stadion, selbst in den Vereinen trauen sich die Leute heute, Dinge zu sagen, die sie vor fünf, sechs Jahren niemals gesagt hätten." Stefan Kiefer von der DFL nickt bei allem. Man merkt beiden an, dass das auch im Fußball ein großes Thema ist.

Es geht um eine Erfolgsgeschichte und einen Sorgenfall zugleich. Einen Sorgenfall, weil man überall dem Schatten des Sommers begegnet, dem Rechtsradikalismus. Und um eine Erfolgsgeschichte, weil man an immer mehr Stellen im Land Belege findet, dass Integration funktionieren kann. Sei es bei einem Fensterbauer in Markkleeberg, der mit seinen Schreinern aus Syrien und Marokko zufrieden ist; sei es in einer Berufsschule in Würzburg, die mit großem Erfolg Jugendliche aus mehr als zwanzig Nationen ausbildet.

Mittendrin arbeitet, müht sich und streitet manchmal eine Staatsministerin für Integration, die dieser Ambivalenz immerhin nicht ausweicht, sondern nachspürt. Wo sie auf dieser Tour auch hinkommt, sucht Widmann-Mauz, 53, nicht nur die schöne Geschichte, sondern will auch wissen, wo es hakt. Andere Politiker vermeiden alles, was bitter aufstoßen könnte. Sie verzichtet auf Schönfärberei. Jedenfalls meistens.

Was damit zu tun haben könnte, dass es kaum ein Amt in der Regierung gibt, bei dem Vereinfachungen derart schnell be-straft werden. Mit beinahe jeder öffentli-chen Äußerung löst Widmann-Mauz Emotionen aus und gerät fast zwangsläufig zwischen die Fronten. Sie war noch kein Jahr im Amt, als sie mit einer Weihnachtsgrußkarte in konservativen Kreisen Aggressionen auslöste. Sie hatte geschrieben: "Egal, woran Sie glauben... wir wünschen Ihnen eine besinnliche Zeit und einen guten Start ins neue Jahr."

Eigentlich wollte sie integrierend wirken. Tatsächlich erntete sie Proteste, verbunden mit der Frage, ob sie überhaupt geeignet sei für die Aufgabe. Wenige Monate später warb sie dafür, ein Kopftuchverbot für Mädchen zu prüfen. Wieder hagelte es Kritik, dieses Mal von der anderen, der betont liberalen Seite. Wie sie das machen könne. Ob sie nicht wisse, was sie anrichte. Die einen erwarten mehr Härte, die anderen mehr Verständnis - das führt sie zwischen alle Stühle.

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Die CDU-Politikerin Widmann-Mauz greift die Debatte aus Österreich auf, obwohl sich ein mit dem Grundgesetz konformes Verbot kaum umsetzen ließe. Widerspruch kommt auch aus der eigenen Partei.

Ein jüdisches Café in Berlin-Neukölln, der Zentralrat der Juden hat eingeladen. Gekommen sind sechs Frauen und Männer, die sich mit Geschäftsideen selbständig gemacht haben. Der eigentliche Reiz aber besteht darin, dass es alles eloquente, mutige, neugierige Muslime und Juden sind. Da ist ein Palästinenser, der eine Arbeitsvermittlung gegründet hat; da ist eine jüdische Immobilien-Expertin, die früher für Makler arbeitete, aber heute lieber Käufer beraten möchte. Und da ist eine junge Muslimin aus Hamburg, die in Wien ein eigenes Modelabel gegründet hat. Alle wollen vom anderen hören und von sich selbst erzählen; alle kennen das Gefühl, dass sie eigentlich dazugehören und dann doch wieder Momente erleben, die sie in die alte Rolle der Minderheit drängen. Eine Jüdin in der Runde wünscht sich deshalb, "dass wir von einer Minderheit zur anderen unsere Geschichten erzählen". Das könne helfen und verbinden.

So weit, so hoffnungsvoll ist das Treffen. Dann kommt Widmann-Mauz. Sie betont (natürlich), dass es wunderbar sei, "das Gemeinsame" herauszustellen. Aber sie wolle auch über Antisemitismus und Islamfeindlichkeit reden. "Es wird nicht besser, wenn wir darüber nicht sprechen." Und so beginnt in dem Café der zweite und sorgenvolle Teil. Plötzlich ist es mucksmäuschenstill, als die Modedesignerin berichtet, was sie für Aggressionen erlebt hat, seit sie zum Islam konvertiert ist. Mit stockender Stimme erzählt sie von Anfeindungen auf der Straße, von der Chancenlosigkeit bei der Jobsuche. "Das ist der Grund, warum ich mein eigenes Label gegründet habe." Keine Chefs mehr, und auch nicht jeden Tag Außenkontakte.

Dann erzählt die Jüdin, wie viel Mut ihr die Teilnahme an dieser Runde abverlange, weil sie keine Garantie habe, dass ihr "am nächsten Tag nicht doch jemand einen Stein ins Schaufenster" werfe. Überhaupt habe sich die Lage verändert. "Plötzlich trauen sich die Menschen, mir Sachen zu sagen, die ich nicht mehr für möglich gehalten hätte."

Widmann-Mauz hat anfangs selbst viel Ablehnung zu spüren bekommen. Als sie im März 2018 ins Amt kam, gab es gerade unter den Migranten viel Ärger und Ablehnung, weil ihre Vorgängerin, die SPD-Politikerin Aydan Özoguz, nach Bildung der neuen Koalition ausscheiden musste - nicht weil, aber doch nachdem der AfD-Vorsitzende Gauland in einer Wahlkampf-Provokation genau das gefordert hatte. Zorn war die verbreitete Reaktion unter Migranten.

Fragt man nach, wie das heute ist, sind die Töne milder geworden. So sagt einer, der viele Migrantenvereinigungen sehr gut kennt, sie habe "schnell den Dialog mit der Community aufgenommen, und das auf Augenhöhe". Das sei "sehr schön" gewesen. Allerdings sei man mit den eigenen Anliegen bislang kaum durchgedrungen. Insbesondere im Kampf gegen den Rechtsextremismus vermissten viele Migranten bis heute angemessene Antworten.

Besuch bei Götz Ulrich, dem Landrat des Burgenlandkreises, ganz im Süden von Sachsen-Anhalt. Der Christdemokrat gilt als besonders vorbildlich, weil er in der Kreisstadt Naumburg ein Migrationszentrum geschaffen hat, in dem alle Behörden unter einem Dach sind. Unkonventionell, pragmatisch. Stolz zeigt er seine Mitarbeiter; noch stolzer flüstert er einem zu, dass er für sich und seine Leute vielleicht einen Preis erhalten werde. Auf Nachfrage fügt er allerdings ganz leise noch etwas anderes hinzu: dass er am Vortag wieder eine Morddrohung erhalten hat.

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