Admiral Wilhelm Canaris Hitlers Abwehrchef mit eigener Mission

Wilhelm Canaris war Chef der Abwehr - anfänglich war er ein Anhänger Hitlers. Dann wurde er zum größten Maulwurf in seiner eigenen Organisation. Kurz vor dem Ende des Krieges richteten ihn die Nazis noch hin.

Von Markus C. Schulte von Drach

Wilhelm Canaris gehörte zu den vielen Wehrmachtsoffizieren, die sich nach dem Ersten Weltkrieg in rechten Gruppen zusammenschlossen und die linken Kräfte in der Weimarer Republik bekämpften. Der am 1. Januar 1887 bei Dortmund geborene Offizier hatte während des Krieges Karriere gemacht und es bis zum U-Boot-Kapitän gebracht.

Die Abwehr half den Nazis an allen Fronten, doch heimlich arbeitete ihr Chef Admiral Wilhelm Canaris gegen Hitler.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Obwohl er einem der Mörder von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zur Flucht verhalf, gelang es ihm, Mitglied des persönlichen Stabes des Reichswehrministers Gustav Noske (SPD) zu werden. Und obwohl er sich 1920 nach dem Putsch von Wolfgang Kapp gegen die Berliner Regierung auf die Seite der Rebellen stellte, konnte er nach der Niederlage der Putschisten weiter Karriere machen.

Mit der zunehmenden Prominenz von Adolf Hitler begeisterte sich auch Canaris immer mehr für die Nationalsozialisten. Unter anderem betrachtete auch er die Juden als Problem für Deutschland. 1935 gelang es ihm, auf den Posten des Chefs der deutschen Abwehr aufzusteigen, er wurde so zum Konkurrenten von Reinhard Heydrich, der als Obergruppenführer die Geheime Staatspolizei (Gestapo) und den Sicherheitsdienst leitete.

Unter ihm begann die deutsche Abwehr eng mit den italienischen, spanischen und auch den japanischen Geheimdiensten zusammenzuarbeiten. Insbesondere Canaris engagierte sich für eine deutsche Unterstützung General Francos in Spanien während des Bürgerkriegs. Allerdings scheint sich Canaris bereits seit Anfang 1937 von Hitler distanziert zu haben - was angeblich auch mit einem Besuch im KZ Sachsenhausen zusammenhing.

Gegner Heydrichs und Judenretter

Seinem Biografen Heinz Höhne zufolge bezeichnete Canaris die Nationalsozialisten zu dieser Zeit bereits als Verbrecher, die Deutschland zugrunde richten würden. Seine Arbeit betrachtete er demnach als Opfer, um zu verhindern, dass der SS-Mann Heydrich seine Macht ausweiten würde.

NWelche Rolle dabei sein Wissen über die Vernichtung der Juden spielte, ist nicht ganz klar. So unterstützte die der Abwehr unterstehende "Geheime Feldpolizei" (GFP), die aus Gestapo-Leuten bestand, die Maßnahmen zur Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Polen. Canaris selbst aber protestierte beim Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, General Wilhelm Keitel, gegen diese Verbrechen. Auch hatte er Juden gerettet, indem er sie etwa als Agenten der Abwehr ins Ausland schickte.

Nachdem der Reichskriegsminister Werner von Blomberg und der Oberbefehlshaber des Heeres Werner von Fritsch aufgrund von Intrigen entlassen worden waren, soll Canaris sich bereits entschieden haben, in der Wehrmacht nach Widerständlern gegen Hitler zu suchen - nicht um sie zu verraten, sondern um sie zu unterstützen.

Während sein Geheimdienst dabei half, den Anschluss Österreichs zu vollziehen, die Tschechoslowakei zu zerschlagen und Polen anzugreifen, dachte Canaris offenbar über einen Putsch gegen Adolf Hitler nach. Doch noch erschien ihm und anderen die Bereitschaft in der Wehrmacht dazu noch als zu gering.

Während des Krieges in Polen ließ Canaris seinen Dienst Informationen über Verbrechen der SS sammeln und informierte Wehrmachtsoffiziere über diese Vorgänge. Seine Karriere setzte sich fort. 1940 wurde er zum Admiral befördert.

Nach außen für, nach innen gegen Hitler

Angesichts der Vorbereitungen auf den Krieg gegen Frankreich bemühte sich Canaris nun intensiver um Unterstützung für einen Putsch gegen Hitler - während sein Dienst weiter für den Diktator arbeitete. Nachdem erste Pläne aufzufliegen drohten, zog sich Canaris ein Stück weit zurück - obwohl der Russlandfeldzug ihm bestätigte, dass Hitler Deutschland in den Abgrund führen würde. Er traf aber 1943 noch den Generalmajor Henning von Tresckow, um über ein Attentat auf Hitler zu sprechen. Im gleichen Jahr nahm er heimlich in Istanbul Kontakt mit den Amerikanern auf.

1944 wurden der Abwehr eine Reihe von Fehlern vorgeworfen - und Canaris verlor sein Amt. Bald darauf wurde der Dienst aufgelöst, seine Aufgaben übernahmen Himmler und seine Leute. Vom bevorstehenden Anschlag auf Hitler am 20. Juli hatte Canaris offenbar nichts gewusst, doch einer seiner ehemaligen Mitarbeiter, Oberst Georg Hansen, gestand der Gestapo am 22. Juli nicht nur die eigene Beteiligung am Attentat. Er wies auch auf Canaris als "geistigen Treiber".

Am 23. Juni wurde Canaris verhaftet und gemeinsam mit anderen verdächtigen Offizieren in Fürstenberg an der Havel festgehalten. Und obwohl sich der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine Karl Dönitz für ihn einsetzte, war sein Schicksal besiegelt: Im September 1944 wurden Durchschläge von Canaris' Tagebuch aus den Jahren 1938 bis 1940 entdeckt, in denen seine Überlegungen zu einem Umsturz enthalten waren.

Canaris versuchte, sich herauszureden, doch am 5. Februar 1945 wurde er in das KZ Flossenbürg verlegt. Als Anfang April sein Tagebuch entdeckt wurde, wurde es Hitler selbst vorgelegt. Er befahl die sofortige Vernichtung der Verschwörer.

Ein Standgericht der SS verurteilte Canaris zum Tode. Bis zum letzten Augenblick bestand er darauf, kein Landesverräter gewesen zu sein, sondern "als Deutscher meine Pflicht" getan zu haben.