bedeckt München

Widerstand gegen Flughafen in Nantes:Revolution auf dem Weizenfeld

Ein Hauch von Stuttgart 21 weht durch die Bretagne. Bei Nantes demonstrieren Tausende gegen den geplanten Flughafen. Nicht nur das Bauprojekt macht die Demonstranten wütend.

Von Lilith Volkert

Bescheiden sind sie nicht gerade. Als Ausdruck ihres Ärgers haben die Demonstranten gleich den Himmel besetzt. Hunderte bunte Lenkdrachen flattern dort, wo in ein paar Jahren Flugzeuge starten und landen sollen.

Auf einem gemähten Weizenfeld bei Notre-Dame-des-Landes, zwanzig Kilometer nördlich von Nantes, kamen am Wochenende um die 10.000 Gegner des geplanten Aéroport Grand Ouest zusammen. Sie feierten, trafen sich zu Diskussionen, bekannte Rockbands gaben Gratiskonzerte. Das Ziel: 1650 Hektar Land vor der "Betonierung" zu retten. Ein Hauch von Stuttgart 21 weht durch die Bretagne.

Proteste gegen Flughafen bei Nantes, Frankreich

Internationaler Protest in Notre-Dame-des-Landes: Tausende Franzosen demonstrieren gegen den geplanten Flughafenbau.

(Foto: AFP)

Der bisherige Flughafen der Regionalhauptstadt sei fast vollständig ausgelastet und demnächst zu klein, heißt es von offizieller Seite. Seit fast fünzig Jahren wird über einen neuen Flughafen in der Region nachgedacht - unter anderem um Platz für die Concorde zu schaffen. Nun soll hier einmal der Megaliner A380 landen, seit gut zehn Jahren gibt es konkrete Pläne.

Genau so lange wird auch dagegen protestiert. Inzwischen gehen nicht nur Anwohner und von der Enteignung bedrohte Bauern, sondern auch Globalisierungsgegner und Antikapitalisten gegen das Bauprojekt auf die Straße, aufs Feld, in den Wald. Sie fürchten Fluglärm und Umweltzerstörung - und bezweifeln, dass es wirklich bei den veranschlagten Kosten von 556 Millionen Euro bleibt.

Seit 2009 besetzt eine zunehmende Anzahl junger Leute einen Teil des für den Neubau vorgesehenen Gebiets. Im vergangenen November räumten 500 Polizisten vorübergehend das Protestcamp, es gab um die Hundert Verletzte. Inzwischen lebt noch ein Dutzend Flughafengegner in der zone d'aménagement différé ("Bau-Erwartungsland", Abkürzung ZAD), die sie in zone à défendre ("Verteidigungszone", ebenfalls ZAD abgekürzt) umbenannt haben. Die Bauarbeiten, die Anfang des Jahres hätten beginnen sollen, wurden vorerst verschoben.

Gegen den Flughafen - und die Globalisierung

Die Sozialisten wie auch die größte Oppositionspartei UMP befürworten den Bau, die an der Regierung beteiligten Grünen sind dagegen. Premierminister Jean-Marc Ayrault liegt der neue Flughafen besonders am Herzen: Er war 22 Jahre lang Bürgermeister von Nantes. Nach den Unruhen im Herbst hat er einen Runden Tisch eingerichtet. Weil an diesem aber nicht ergebnisoffen diskutiert werden durfte, nahm nur ein kleiner Teil der Flughafengegner daran teil.

Für viele Kritiker ist das Projekt inzwischen Symbol für die abgehobene Politik einer Regierung, der die Bedürfnisse der Bevölkerung egal sind. Bei den Demonstrationen äußert sich auch - ähnlich wie bei den Protesten gegen die Homo-Ehe in den vergangenen Monaten - der allgemeine Frust über die sozialistische Regierung, die seit 15 Monaten im Amt ist und einen Großteil ihrer Wähler bitter enttäuscht hat.

Die gemeinsame Ablehnung der Baupläne kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Projektgegner unterschiedliche Ziele verfolgen. Den Anwohnern, die seit 13 Jahren regelmäßig zum Protest zusammenkommen und immer wieder vor Gericht ziehen, geht es vor allem um die Verhinderung des Flughafens.

Eine radikale Randgruppe, zu der auch die ZAD-Besetzer gehören, hat nicht weniger als den Kampf gegen die Globalisierung und die Macht von Banken und Unternehmen im Blick. Das führt gelegentlich zu Spannungen. Um die Situation zu entschärfen, hat der Bürgermeister die fürs Wochenende geplante Veranstaltung der Besetzer inklusive Punkkonzert wenige Tage zuvor verboten.

Ob der Aéroport Grand Ouest gebaut wird oder nicht, wird vermutlich auch nicht auf dem Weizenfeld entschieden. Zunächst folgt die Regierung der Empfehlung eines Gutachtens, das sie im Frühjahr in Auftrag gegeben hat. Zunächst soll geprüft werden, ob der bestehende Flughafen von Nantes nicht doch vergrößert werden kann.

© Süddeutsche.de/mcs/bavo

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite