bedeckt München

Weltweite Proteste:Aufstand der jungen Generation

In Rio, Sofia, Istanbul und Madrid sind Zehntausende auf die Straße gegangen, um gegen korrupte Systeme und autoritäre Regime zu protestieren. Viele Demonstranten sind jung und gut ausgebildet, sie gehören zur Mittelschicht - und sie wehren sich dagegen, keine Perspektive zu haben.

Von Jana Stegemann

1 / 9

Weltweite Proteste:Brasilien

Rio de Janeiro protests

Quelle: dpa

Sie sind jung, gut ausgebildet - und sie ziehen zu Tausenden auf die Straße. Oft hat sich ihr Protest an der ökonomisch bedingten Perspektivlosigkeit entzündet. Doch es geht um mehr: In Rio oder Sofia, Istanbul oder Madrid stemmen sich junge Menschen aus der Mittelschicht gegen korrupte Systeme und Regierungen, die als autoritär empfunden werden.

Fifa-Präsident Joseph Blatter war sich sicher, dass es schon aufhören würde mit diesen Protesten, sobald der Ball rollt. Doch er irrte sich. Und so gingen im Juni etwa 50.000 Demonstranten in Belo Horizonte auf die Straße, dort, wo Brasilien im Halbfinale des Confed-Cups Uruguay besiegte. Ein Großteil der Brasilianer wollte friedlich seinen Ärger über Korruption, soziale Missstände und die hohen Ausgaben für die Fußball-WM kundtun, doch einige Randalierer lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei.

Die Brasilianer lieben Fußball, aber doch nicht so sehr, dass ihnen alle anderen Probleme im Land egal wären. Der Großteil der Bevölkerung will auch die WM, aber nicht wenn gleichzeitig Grundbedürfnisse nach Bildung, Nahverkehr und Gesundheit auf der Strecke bleiben. Angefangen hatten die Proteste auf den Straßen Rios und Sao Paulos nach der Erhöhung  der Busfahrpreise um 20 brasilianische Centavaos (umgerechnet acht Euro-Cent). Tausende junge Menschen machten wochenlang ihrem Ärger über die Politik von Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff Luft. Es war vor allem die Mittelschicht, die auf den Straßen des südamerikanischen Landes zu finden ist, denn der wirtschaftliche Erfolg des Schwellenlandes hat die Lebensqualität der Einwohner bisher nicht verbessert.

2 / 9

Weltweite Proteste:Bulgarien

Protesters shout anti-government slogans during a demonstration in central Sofia

Quelle: REUTERS

Erst seit Ende Mai 2013 ist Plamen Orescharski im Amt. Viele junge Bulgaren würden den Ministerpräsident am liebsten schon wieder absetzen. Der Grund: Orescharski kündigte nach ein paar Tagen in seiner neuen Position an, dass doch kein Spielraum existiere für eine Anhebung des Mindestlohns. Zuschüsse für Schulkinder und mehr Mutterschaftsgeld würde es leider auch nicht geben - entgegen seiner Wahlversprechen. Dann ließ der Premier auch noch in einer Eilabstimmung vom Parlament einen neuen Chef für den Geheimdienst abnicken: einen Medienmogul mit angeblich besten Mafia-Kontakten. Die Bulgaren sind sauer. Aus Wut über die wirtschaftliche Misere des Landes und die grassierende Korruption protestieren seit Wochen jeden Tag Tausende auf den Straßen der Hauptstadt Sofia.

Schon die Vorgängerregierung hatte im Februar nach tagelangen Protesten unter anderem gegen die soziale Ungerechtigkeit im Land zurücktreten müssen. Auf Orescharski ruhten damals alle Hoffnungen. Bis zu seiner Wahl hatte er einen untadeligen Ruf als Finanzfachmann, jetzt gilt er als Marionette der Oligarchen des Landes. Der nominierte Medienmogul verzichtete dann übrigens auf seinen Posten und Ministerpräsident Orescharski entschuldigte sich. Rücktrittsforderungen weist er jedoch nach wie vor zurück.

3 / 9

Weltweite Proteste:Ägypten

Egypt opposition protest on revolt second anniversary

Quelle: dpa

Islamisten gegen Militärs gegen Demokratiebewegte - wohin Ägypten steuert, ist völlig offen. Das Land steckt in einem tiefgreifenden Wandlungsprozess, der von ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen getragen wird. Doch am Anfang dieser Entwicklung spielten auch in Ägypten junge Menschen aus der Mittelschicht eine entscheidende Rolle, die sich in verschiedenen Online-Aktionsbündnissen organisiert hatten. Eines der wichtigsten war die "Jugendbewegung des 6. April", ein von Aktivisten und Bloggern initiiertes Facebook-Bündnis, das mit zu den Massenprotesten auf dem Kairorer Tahrir-Platz und anderswo aufrief. Es mobilisierte 2011 Hunderttausende Demonstranten, die schließlich das Mubarak-Regimes stürzte. Erklärtes Ziel der Gruppierung war die Demokratie in ihrem Land.

4 / 9

Weltweite Proteste:Türkei

People stand during a silent protest at Taksim Square in Istanbul

Quelle: Reuters

Stein des Anstoßes war ein geplantes Bauprojekt auf dem Gelände des Gezi-Parks. Auf der Grünfläche im Herzen Istanbuls sollte eine Shopping-Mall entstehen. Dagegen demonstrierten Umweltschützer. Nach einer gewaltsamen Polizeiaktion auf dem angrenzenden Taksim-Platz im Mai 2013 eskalierte die Situation zwischen Einsatzkräften und Demonstranten. Schnell breiteten sich die Proteste auf das ganze Land aus. Bald ging es nicht mehr nur um den Gezi-Park. Er wurde vielmehr zu einem Symbol zivilgesellschaftlichen Widerstands gegen das autoritäre Regierungssystem von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und der islamisch-konservativen Regierungspartei sowie gegen staatlich angeordnete Polizeigewalt.

Ein Protest, der sich auch im Netz unter dem Hashtag #occupygezi verbreitete, denn in anderen Medien kam er zunächst kaum vor. Während es auf dem Taksim-Platz zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam, unterhielt der TV-Sender CNN Türk sein Publikum mit kleinen Pinguinen, die durch die Antarktis watscheln. Die Protestler warfen den landeseigenen Medien Zensur vor - und verließen sich lieber auf soziale Netzwerke und Blogs. Im Zuge der Proteste entwickelte der türkische Künstler Duran Adam (im Bild) eine neue Form des Protests: Er stellte sich einfach auf den Taksim-Platz und starrte vor sich hin, stundenlang. Zahlreiche Menschen folgten seinem Beispiel und protestierten in Istanbul und an anderen Orten mit dem "Standing man" gegen staatliche Willkür und gegen die als autoritär empfundene Regierung. 

5 / 9

Weltweite Proteste:Spanien

-

Quelle: AFP

Am 15. Mai 2011 bleibt eine Gruppe junger Menschen nach einer Demonstration einfach auf der Puerta del Sol. Über Nacht und über Wochen campieren sie auf dem Platz im Zentrum Madrids. Die Movimiento 15M ist entstanden. Dort und in anderen Städten Spaniens demonstrieren die "indignados", wie sie sich selbst unter Berufung auf Stéphane Hessels Aufsatz "Empört Euch!" nennen, gegen die Auswirkungen der Finanzkrise und den Umgang der Regierung damit.  Es sind meist gut ausgebildete junge Menschen, die in Spanien auf die Straße gehen. Sie eint die Wut über ein korruptes politisches System, von dem sie sich nicht vertreten fühlen, und das ihnen über einen immer strikter werdenden Sparkurs die Zukunft verbaut. Nach offizieller Statistik ist inzwischen mehr als jeder zweite Spanier unter 25 Jahren arbeitslos.

Aus der allgemeinen Protestbewegung heraus entwickeln sich auch konkretere Initiativen: eine gegen Zwangsräumungen von Hypothekenopfern, die "Grüne Flut" gegen Stellenabbau im Bildungssystem und die "Weiße Flut" gegen Einsparungen und die Privatisierung des Gesundheitssystems. In jüngster Zeit treibt die jungen Spanier vor allem wieder der Ärger über die mutmaßliche Korruptheit der regierenden Volkspartei die jungen Spanier auf die Straßen. 

6 / 9

Weltweite Proteste:Portugal

A girl and two protestors wearing masks of Guy Fawkes, march in Lisbon during the Portuguese general strike

Quelle: REUTERS

Durch einen Aufruf im sozialen Netzwerk Facebook wird in Portugal die Protestbewegung "Geração à Rasca" (in etwa: Verlorene Generation) in Gang gesetzt. Hier wird zu einer Demonstration in Lissabon am 12. März 2011 aufgerufen. Hunderttausende Portugiesen folgen an diesem Tag dem Appell, weshalb die Protestbewegung auch M12M (Movimento 12 de Março) genannt wird. Es ist der größte Massenprotest im Land seit dem Sturz des Diktators António de Oliveira Salazar im Jahr 1974. 

Mit der "Geração à Rasca"  wehren sich junge Angehörige der Mittelschicht gegen die Folgen der Finanzkrise in ihrem Land und die damit einhergehenden einschneidenden Sparprogramme. Außerdem erstrebt die Bewegung, "aus jedem Bürger einen Politiker zu machen" (in Anlehnung an ein Zitat von Nobelpreisträger José Saramago). Die "Geração à Rasca" ist eine basisdemokratische Bewegung, sie betont ihre völlige Unabhängigkeit von Parteien, Gewerkschaften oder anderen Institutionen. Die Gewerkschaften CGTP und UGT stützen jedoch die Proteste, immer wieder kommt es zu Generalstreiks. Eine Besonderheit der portugiesischen Bewegung ist, dass hier symbolträchtige Protestsongs genutzt werden, um friedlich, aber eindrucksvoll Unzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen.

7 / 9

Weltweite Proteste:Italien

-

Quelle: AFP

Den Italienern reicht's: Korruption, Mafia und ein Ministerpräsident, der vor allem mit Bunga-Bunga-Partys Schlagzeilen machte. Die Zeiten nach Silvio Berlusconi sollten sich dringend ändern und da kam Beppo Grillo wie gerufen. Der ehemalige Komiker rief 2007 eine politische Protestbewegung ins Leben, an der sich zwei Millionen Bürger beteiligten. Mittlerweile hat sich die "Movimento Cinque Stelle" (Fünf-Sterne-Bewegung, kurz M5S) in der italienischen Parteienlandschaft etabliert. 8,7 Millionen Stimmen erhielt die Protestbewegung bei der diesjährigen Parlamentswahl und entsendet somit 162 "Grillini" in die beiden Parlamentskammern - sehr zur Freude junger politikverdrossener Italiener, die nach dem Politik-Showmaster Berlusconi unter dem harten Spardiktat der Nachfolgeregierung von Mario Monti und einer Jugendarbeitslosigkeit von fast 40 Prozent litten.

Gegen die Wiederwahl des mittlerweile 88-jährigen Georgio Napolitanos zum italienischen Staatspräsidenten demonstrierten die Anhänger Grillos heftig. Grillo selbst wünscht sich, was sich mit ihm Millionen junger Italiener wünschen: das Ende der etablierten Parteien mit ihren verknöchertem Polit-Establishment, das die Postenvergabe in Hinterzimmern aushandelt und am Ende doch nur die alten Gesichter anbietet. Eine seiner Hauptforderungen ist ein Referendum über den Austritt des Landes aus der Euro-Zone.

8 / 9

Weltweite Proteste:Israel

Israeli Demonstration For Social Equalities Escalates in Wake Of Protestor Setting Fire To Himself

Quelle: Getty Images

Am Anfang war der Boykott von Hüttenkäse. In sozialen Netzwerken riefen junge Israelis im Juli 2011 angesichts des Preisanstiegs von Grundnahrungsmitteln zum Boykott des Marktführers bei den Milchprodukten auf. 100.000 Israelis folgten dem Aufruf, das boykottierte Unternehmen senkte seine Preise. Wenig später verbreitet sich in rasender Geschwindigkeit die Geschichte einer Studentin im Netz, die ihre Wohnung in Tel Aviv nicht mehr bezahlen konnte und daher auf dem Rotschild-Boulevard inmitten der Stadt zeltete. Dafné Leef rief alle, die über die hohen Mietpreise in Israels Hauptstadt verärgert waren, zu einer Protestkundgebung auf. Die Weltpresse wurde aufmerksam, ein Großteil der israelischen Bevölkerung unterstützte die Bewegung, es kam zu friedlichen Kundgebungen in Tel Aviv, Haifa und Jerusalem. Insgesamt waren 450.000 Menschen auf den Straßen.  

Die Demonstranten forderten eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft. Sie forderten, dass der Staat sich der Wohnungsproblematik, des Bildungs- und Gesundheitssystems annimmt. Kritisiert wurden die horrenden Summen, die in Armee und Siedlungen gepumpt werden. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verspottet die Demonstranten und Zeltenden auf dem Rothschild-Boulevard als "Shisha-Raucher, Sushi-Esser und Gitarrenspieler". Doch angesichts der größten Proteste für Wirtschafts-und Sozialreformen in der Geschichte Israels versprach der konservative Politiker wenig später Reformen.

9 / 9

Weltweite Proteste:USA

An Occupy Wall Street campaign protester sleeps on the sidewalk in Zuccotti Park

Quelle: REUTERS

"Seid ihr bereit für einen Tahrir-Moment? Kommt am 17. September nach Lower Manhattan, baut Zelte, Küchen, friedliche Barrikaden und besetzt die Wall Street." - Mit diesen Worten kündigten die Initiatoren eine Protestbewegung an, die weltweite Aufmerksamkeit erhalten sollte und zum Vorbild für ähnliche Protestaktionen in vielen Ländern wurde, unter anderem auch in Deutschland und Österreich. Im Zuccotti Park, in Sichtweite zum Finanzzentrum Wall Street, wurde 2011 eine Zeltstadt aufgebaut, explizit mit Bezug auf die Besetzung des Tahrir-Platzes in Ägypten während des Arabischen Frühlings. Manche Demonstranten übernachteten aber auch einfach direkt unter freiem Himmel.

Zwei Monate lang harrten die Demonstranten in dem Park im Herzen von New York aus, um auf soziale Ungleichheit und die Dominanz der Finanzmärkte aufmerksam zu machen. Als die Polizei das Camp räumte, kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten, Einsatzkräften und Journalisten. Die New Yorker Stadtverwaltung hat vor kurzem angekündigt, den Mitgliedern der Protestbewegung Occupy Wall Street mehr als 100.000 Dollar (etwa 78.000 Euro) Schadenersatz für Gegenstände, die bei der Zwangsräumung des Camps zerstört wurden, zahlen zu wollen.  

© Süddeutsche.de/gal/bavo

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite