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WG-Zimmer:Teurer denn je

Am schwarzen Brett in der LMU in der Leopoldstraße hängen viele Gesuche - und manch teures Angebot.

(Foto: Catherina Hess)

Studentenbuden kosten immer mehr - doch in diesem Jahr steigen die Preise vor allem da, wo man es nicht erwartet. Ursache ist die Pandemie

Von Paul Munzinger, München

Während über die Schulen in der Pandemie im ganzen Land leidenschaftlich diskutiert wird, ist es um die Hochschulen vergleichsweise still. Dabei schränkt Corona auch das Studentenleben massiv ein. Lehrveranstaltungen finden fast ausnahmslos online statt. Alles, was das Studium jenseits des Lernens ausmacht - Leute kennenlernen, Erstsemesterpartys, Grundsatzdiskussionen im Café - fällt völlig flach. Und viele klassische Studentenjobs wie das Kellnern gibt es zur Zeit einfach nicht, die Überbrückungshilfen aus der Politik helfen oft nur bedingt.

Nun könnte man denken, dass die Pandemie den Studierenden wenigstens bei den Mieten etwas Erleichterung verschafft - schließlich bleiben die meisten Kommilitonen aus dem Ausland weg, und wer online studiert, muss ja nicht unbedingt ausziehen. Doch auch diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Die Preise für ein WG-Zimmer sind 2020 weiter gestiegen, wie das Berliner Moses-Mendelssohn-Institut (MMI) errechnet hat. Im Schnitt kostet es jetzt 400 Euro, 2019 waren es 389 Euro. Das geht aus Zahlen der Online-Plattform "WG-gesucht" hervor, die die Forscher ausgewertet haben. Ein Anstieg trotz Corona? Nein, deswegen, sagt Institutsleiter Stefan Brauckmann.

Effekte, die den Mietmarkt in der Pandemie für Studierende entspannen könnten, haben Brauckmann und seine Kollegen durchaus gefunden. In Hochschulstädten, wo normalerweise überdurchschnittlich viele junge Leute aus dem Ausland studieren, haben die Preise für ein WG-Zimmer kaum zugelegt, im Schnitt um einen Euro. Das zeigt sich etwa in München, wo die durchschnittliche Monatsmiete 2020 zum ersten Mal seit 2014 nicht gestiegen ist. Mit 650 Euro führt die bayerische Landeshauptstadt die Rangliste trotzdem unangefochten an, vor Frankfurt mit 520 Euro und Berlin mit 500 Euro.

Wie ist die ungewöhnliche Preisentwicklung zu erklären?

Dass Studierende fürs Wohnen im Bundesdurchschnitt dennoch mehr bezahlen müssen als im Vorjahr, liegt an kleineren, weniger internationalen Hochschulstädten. In Lüneburg zum Beispiel kletterten die Preise von 350 auf 385 Euro, in Kempten von 330 auf 370 Euro, in Koblenz von 310 auf 350 Euro. Diese Preisanstiege wiegen die Stagnation in Städten wie München statistisch gesehen mehr als auf. Wie sind sie zu erklären?

Brauckmann führt sie darauf zurück, dass die Nachfrage nach Studentenwohnungen anders als erwartet steige - weil es mehr Studierende aus dem Inland gibt. Den Schulabsolventen fehle es aufgrund der Pandemie an "planbaren Alternativen". Auslandsaufenthalte - praktisch unmöglich. Praktika - sehr schwierig zu bekommen. Ausbildungsstellen - ebenfalls schwierig zu bekommen, in manchen Branchen aber derzeit auch keine verlockende Option, im Hotel- und Gaststättengewerbe zum Beispiel. Offizielle Studierendenstatistiken für das laufende Semester gibt es noch nicht. Brauckmann verweist aber darauf, dass viele Universitäten besonders hohe Bewerberzahlen verzeichnet hätten. Die TU München etwa meldete Ende Oktober 14 000 Einschreibungen - so viele wie nie zuvor.

Die WG ist mittlerweile die beliebteste Form des studentischen Wohnens, vor der eigenen Wohnung, dem Zimmer bei den Eltern und dem Wohnheim. Die Preise für WG-Zimmer sind deshalb laut MMI ein wichtiger Indikator dafür, wie angespannt der Mietmarkt für Studierende ist. Im Schnitt stiegen sie allein seit 2013 um 76 Euro; mehr als ein Viertel der Studierenden lebt heute in Städten, wo sie für die Miete mit mindestens 500 Euro im Monat rechnen müssen. Die Grünen im Bundestag erneuerten am Montag ihre Forderung an Bund und Länder, eine Offensive für studentisches Wohnen aufzulegen.

© SZ/skle
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