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Weltbevölkerung und Klimawandel:"Die Corona-Krise wäre eine Chance, unseren Lebensstil umzugestalten"

Babyboom in Berlin

Auf der Erde leben 7,8 Milliarden Menschen und es werden immer mehr.

(Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa)

Auf der Erde leben immer mehr Menschen - aber nicht zu viele, findet Shalini Randeria. Die Soziologin erklärt, warum eine Kombination aus mehr Menschen und mehr Wohlstand nicht unbedingt dem Klima schaden muss.

Interview von Gabriel Kroher

Der Weltbevölkerungstag an diesem Samstag soll auf die Probleme der wachsenden Anzahl von Menschen aufmerksam machen. Die Soziologin Shalini Randeria erklärt, warum sie die damit zusammenhängenden Debatten oft kritisch sieht.

SZ: Frau Randeria, bei der Etablierung des Weltbevölkerungstages durch die UN 1989 lebten etwas mehr als fünf Milliarden Menschen auf der Erde. 2020 sind es schon etwa 7,8 Milliarden. Welche Faktoren sorgen für dieses immer noch stärkere Wachstum?

Shalini Randeria: Zunächst ist es wichtig anzumerken, dass die Weltbevölkerung heute schon wesentlich langsamer wächst als noch vor 30 Jahren. Dabei fällt die Entwicklung der Bevölkerung regional wie national sehr unterschiedlich aus. Das subsaharische Afrika etwa macht schon die Hälfte des künftigen globalen Wachstums bis zum Jahr 2050 aus. In Indien bewegen wir uns inzwischen Richtung "Replacement-Level Fertility", das heißt, es sterben ungefähr so viele Menschen, wie geboren werden. Grundsätzlich hängt die Höhe des Bevölkerungswachstums eines Landes von drei Faktoren ab: der Sterbe- und Geburtenrate sowie der Migrationsbewegungen.

Das klingt soweit logisch. Warum aber werden wir Menschen immer mehr?

Obwohl Geburtenraten überall auf der Welt stetig sinken, wird die Weltbevölkerung wachsen. Dies hängt mit der Altersstruktur der Bevölkerung in denjenigen Regionen zusammen, in denen gegenwärtig relativ hohe Geburtenraten zu verzeichnen sind, wie im Nahen Osten oder in Teilen Afrikas. In diesen Gesellschaften ist der Anteil an jüngeren Menschen im gebärfähigen Alter hoch. Allgemein hat aber auch eine niedrigere Sterberate und längere Lebenserwartung aufgrund besserer Versorgung mit Medizin und Nahrungsmitteln im 20. Jahrhundert für einen Anstieg der Weltpopulation gesorgt.

Was sind die Gründe für diese starken globalen Unterschiede?

Es ist eine komplexe Verkettung verschiedener Faktoren, die oft sehr spezifisch für einzelne Regionen und Gesellschaften sind. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte beobachten wir niedrige Geburtenraten, die nicht wie in der Vergangenheit durch Kriege und Hungersnöte zu erklären sind, sondern mit bewussten individuellen Entscheidungen gegen Kinderreichtum, wie zum Beispiel in Japan, Europa oder Nordamerika.

Shalini Randeria

Shalini Randeria ist Rektorin des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien sowie Professorin der Anthropologie und Soziologie am Graduate Institute of International Studies (IHEID) in Genf.

(Foto: Klaus Ranger; IWM Klaus Ranger)

Das Schrumpfen der Familiengröße kann dabei auf vielfältige kulturelle und sozio-ökonomische Gründe zurückgeführt werden. Etwa die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die vergleichsweise niedrigeren Arbeitsmarktchancen von Frauen mit Kindern sowie mangelnde staatliche Unterstützung für junge Familien. In China dagegen hat der Staat die Bevölkerungszahl durch eine radikale Ein-Kind-Politik sehr direkt gesteuert, bei deren Umsetzung Millionen von Frauen zur Abtreibung gezwungen wurden.

Gerade der Begriff "Überbevölkerung" taucht in Debatten zu China und Indien immer wieder auf. Was halten Sie von der Formulierung?

Ich finde den Begriff irreführend, denn es gibt keinen absoluten Maßstab für eine optimale Bevölkerungsgröße. Er ist ein Kampfbegriff, der anti-natalistische bevölkerungspolitische Interventionen seitens des Staates oder internationaler Organisationen legitimiert. Zudem werden damit Ängste und Ressentiments geschürt. Es ist stets jemand anders, der zu viel ist, eine andere ethnische Gruppe, Angehörige einer anderen Religion oder Minderheiten im eigenen Land.

Die Frage der Anzahl von Menschen wurde historisch meist mit eugenischen Gesichtspunkten verknüpft, denn der Deckmantel der "Überbevölkerung" führt automatisch zu einer Stigmatisierung von bestimmten Gruppen. Indem in diesem Analyserahmen die Frage von fairer Verteilung und nachhaltigem Konsum von Ressourcen ausgeblendet wird, verleitet sie zu einer Politisierung von Bevölkerungszahlen.

Welche Perspektive würden Sie bevorzugen?

Setzte man bei der Ressourcenfrage an, würden wir uns stattdessen über den Zugang zu Nahrungsmitteln oder über unseren eigenen übermäßigen Konsum und Energieverbrauch Gedanken machen müssen. Es ist daher wichtig, den ökologischen Fußabdruck zu betonen, den wir durch den Import von Nahrungsmitteln und unseren Energieverbrauch hinterlassen. Die Stadt New York etwa verbraucht an einem Tag so viel Strom wie der gesamte subsaharische Raum! Im globalen Norden zeigen wir mahnend auf die Familiengröße einer Frau in Bangladesch oder Benin, anstatt uns kritisch mit dem eigenen Besitz von Autos und Wünschen nach Flugreisen zu fernen Zielen auseinanderzusetzen.

Aber würde sich etwa der globale CO₂-Ausstoß nicht noch einmal empfindlich erhöhen, wenn Länder wie Bangladesch zu mehr Wohlstand gelangen würden?

Das wäre nur dann ein Problem für das Klima, wenn Wohlstand mit Überkonsum gleichgesetzt und ein westlicher Lebensstil Schule machen würde, wie es bei der wohlhabenden Mittel- und Oberschicht in den Ländern des globalen Südens der Fall ist. Die anhaltende Corona-Krise wäre eine Chance, unseren Lebensstil nachhaltig umzugestalten, statt sich wieder das Konsumniveau von vor der Krise so zurückzuwünschen, und das schnellstmöglich. Es wäre auch eine Möglichkeit, gemeinsam über andere Vorstellungen eines guten Lebens nachzudenken. Umfragen zeigen, dass viele Europäer zwar nun bereit wären, einer Ökosteuer zuzustimmen, die wenigsten von ihnen jedoch wollen ihr eigenes Konsumverhalten nachhaltig ändern.

Das Problem ist also mehr als das globale Nord-Süd-Gefälle?

Der Klimawandel wird zum Großteil durch die Industrieländer verursacht, während seine Auswirkungen überproportional stärker in den ärmeren Ländern des globalen Südens spürbar sind. Aber es ist eben nicht nur ein geografisches Gefälle. Der Überkonsum ist nicht nur eine Frage der Geografie, sondern eher eine Frage der Ungleichheit in jedem Land. In Neu-Delhi etwa dürfen zur Verringerung der Luftverschmutzung durch Abgase an manchen Tagen im Winter nur Autos mit geraden Zahlen auf dem Nummernschild fahren. Die Reichen haben aber mindestens zwei Autos, eines mit geraden und eines mit ungeraden Zahlen auf dem Nummernschild.

Welche Zukunft sehen Sie für die häufig sehr polarisiert geführte Debatte über die Weltpopulation?

Ich befürchte, dass die Obsession für Bevölkerungszahlen uns noch lange begleiten wird. Denn während der öffentliche Diskurs und die Regierungspolitik in Indien nach wie vor von der Angst vor dem Kinderreichtum muslimischer Familien geprägt ist, mischt sich in den Diskurs zu Migration in Europa die Angst, den demographischen Wettlauf zu verlieren. Zwar wird diese Angst oft in Diskursen über die scheinbare kulturelle Unvereinbarkeit vom Islam mit abendländischen Werten in Europa ausgedrückt, aber das demographische Argument schwingt stets mit. In vielen osteuropäischen Gesellschaften wird vor der Entvölkerung des Landes aufgrund der hohen Auswanderung, gepaart mit den niedrigen Geburtenraten, gewarnt.

Der Trend hin zu einem Diskurs von "demographischer Sicherheit" wird von immer stärker werdenden ethno-nationalistischen und populistischen Tendenzen genährt. Damit gehen oft auch die Beschneidung von Frauenrechten und reproduktiver Freiheit einher, die zwangsläufig in bevölkerungspolitischen Zwängen münden. Frauen sind die Leidtragenden dieser Politik.

Welche Rolle spielen hier politische Institutionen wie etwa die Vereinten Nationen?

Die Vereinten Nationen und insbesondere der Welternährungsfonds müssen nicht nur verstärkt solchen Entwicklungen entgegenwirken, sondern auch an ihren eigenen Zielen festhalten, die etwa auf der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo 1994 beschlossen wurden. Dort wurde unter anderem die Rolle von Frauenrechten und reproduktiven Rechten ins Zentrum einer selbstbestimmten Geburten- und Familienplanung gestellt. Das schließt auch eine Gleichstellung der Geschlechter bei der Bildung und Erwerbsarbeit ein, sowie die Gewährleistung einer guten staatlichen Gesundheitsfürsorge. Denn Frauenbildung und Geschlechtergleichheit stellen Schlüsselfaktoren bei der Beeinflussung von Kinderwünschen und damit für die künftige Weltbevölkerungsentwicklung dar.

© SZ.de/jael/jsa
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