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Demografie und Sicherheit:Schrumpfkur für Europa

In Europa leben immer mehr ältere Menschen, die Bevölkerungen schrumpfen

Illustration: Stefan Dimitrov

(Foto: SZ-Grafik)

Der Kontinent leidet unter Bevölkerungsschwund. Das destabilisiert ganze Regionen und führt zunehmend in eine Schieflage. Es eröffnet aber auch Chancen.

Alter ist, nun ja, eine sehr abstrakte Angelegenheit. Als die Sängerin Cher einmal gefragt wurde, ob sie zu alt für Rockmusik sei, gab sie lakonisch zurück: "Das müssen Sie Mick Jagger fragen." Cher war damals zarte 50 Jahre alt, Jagger drei Jahre älter.

In Kroatien hingegen scheinen die Menschen recht genau zu wissen, wann die magische Grenze überschritten ist. 2019 unterzeichneten mehrere Hunderttausend unter der Parole "67 ist zu alt!" eine Petition gegen die geplante Erhöhung des Rentenalters von 65 auf 67 Jahre. Der Protest der Bevölkerung war so groß, dass Premierminister Andrej Plenković seine Pläne für die Reform zurücknehmen musste. Kroatien und das Alter - das ist ein hochsensibles Thema für das Land.

Plenković musste einen Rückschlag hinnehmen, und das mitten in einem Kampf gegen den Bevölkerungsschwund, der in Kroatien die Schlagzeilen bestimmt. Abwanderung, oft ausgerechnet der Jungen, und eine rapide Alterung der Gesellschaft durch eine niedrige Geburtenrate - Plenković zufolge sterben in Kroatien jedes Jahr etwa 15 000 Menschen mehr, als geboren werden. Hatte Kroatien 1991 noch etwa 4,7 Millionen Einwohner, sind es jetzt nur noch etwa vier Millionen. Die Anhebung des Rentenalters hätte an dem diesem Trend zwar nichts geändert - aber zumindest den Pensionskassen geholfen. "Wir tun, was wir können", sagte der konservative Regierungschef vor einigen Wochen der Financial Times. "Aber ich finde, wir sollten auch auf europäischer Ebene etwas unternehmen."

Seine Bitte dürfte in Brüssel auf offene Ohren stoßen. Denn viele der Probleme, die der demografische Wandel Kroatien bereitet, kennt man auch in anderen Ländern. So ist die Lebenserwartung in der EU seit den Sechzigerjahren um gut zehn Jahre gestiegen; auf jetzt 82,6 Jahre für Frauen und 77,1 Jahre für Männer. Gleichzeitig ist die Geburtenrate in keinem Land der EU hoch genug, um die Bevölkerungszahl auch nur konstant zu halten. Wissenschaftler sagen, es brauche im Durchschnitt 2,1 Kinder pro Frau, um dies zu erreichen.

Frankreich kommt diesem Wert mit 1,88 Kindern pro Frau zwar noch relativ nahe, aber südeuropäische Länder wie Italien, Spanien oder Portugal verzeichnen dem Statistikamt Eurostat zufolge einen Durchschnitt von kaum 1,4 Kindern. Am niedrigsten ist die Geburtenrate in der Gegend um das griechische Delphi mit 0,8 Kindern pro Frau, der EU-Durchschnitt liegt bei 1,56 Kindern. Langfristig werden also weniger Arbeitskräfte für die Alters- und Gesundheitsversorgung von immer mehr alten Menschen aufkommen müssen - ganz egal, wie man dieses "Alter" definieren will.

Neu sind diese Erkenntnisse nicht. Neu ist aber die Dringlichkeit, mit der die Politik nun beginnt, sich diesem Thema zu widmen. Der demografische Wandel "verändert unsere Gesellschaften und unseren Lebensstil. Dies sorgt bei den Menschen in vielen Gesellschaften und Gemeinschaften Europas für Unbehagen und Ängste", schreibt Ursula von der Leyen in ihren politischen Leitlinien. Die Präsidentin der EU-Kommission weiß, dass der demografische Wandel nicht nur die Wirtschaftskraft Europas verändern wird. Wenn ganzen Gegenden die Menschen abhandenkommen, kann das auch zu einem politischen Problem werden. Gesellschaften könnten sich radikalisieren, wenn es an der gewohnten Versorgung mangelt. Populisten bekommen Zulauf, wenn die Bürger den Staat vermissen. Schon kommt es in vielen Staaten der EU zu Engpässen bei den Dienstleistungen - oder gar in der Verteidigungsfähigkeit, wenn Streitkräften wie in Belgien oder Österreich der Nachwuchs ausbleibt.

In Dubravka Šuica gibt es in der EU-Kommission erstmals eine Kommissarin, die speziell mit diesem Thema betraut ist. Voraussichtlich Anfang April will sie einen Bericht zu den Folgen des demografischen Wandels vorlegen. "Er wird die Grundlage für unsere künftige Arbeit sein", sagt Šuica, die wie Plenković aus Kroatien stammt. Noch vor Jahresende soll ein Grünbuch über das Altern folgen; etwas später eine "Vision" für jene Regionen, die am stärksten von "rascher Entvölkerung" betroffen sind, wie Šuica es nennt.

Denn der Wandel macht sich nicht überall gleich stark bemerkbar. Er wird durch drei Formen der Wanderungsbewegung verstärkt - oder abgemildert. So zieht es überall in der EU die Menschen in die Städte. Wien zum Beispiel ist in den vergangenen Jahren jünger geworden, während Österreich insgesamt im Durchschnitt altert. Je mehr Menschen in die Städte ziehen, umso weniger Einwohner und Arbeitskräfte bleiben aber auf dem Land zurück. Das hat gravierende Folgen für die Infrastruktur in den ländlichen Regionen, was wiederum den Wegzug der verbliebenen jungen Leute beschleunigt. Manche Gegenden drohten in eine regelrechte "Abwärtsspirale" zu geraten, heißt es in einer Untersuchung des Europaparlaments.

Die zweite Art von Migration macht gerade Kroatien und anderen Ländern in Osteuropa zu schaffen: Die unter EU-Mitgliedern gewährte Freizügigkeit erlaubt es jedem Bürger, anderswo in der Union sein Glück zu suchen. Der Thinktank der EU-Kommission zitiert eine Studie mit beeindruckenden Zahlen: Nahezu zwei Prozent der Bevölkerung der zehn Beitrittsländer von 2004 sind in den ersten fünf Jahren nach der Erweiterung in eines der "alten" EU-Länder umgezogen. In Bulgarien und Rumänien, die drei Jahre später beitraten, waren es sogar gut vier Prozent.

Oft sind es junge, gut ausgebildete Menschen, die ihre Heimat verlassen. Insofern ähnelt das Phänomen der Tendenz, vom Land in die Stadt umzuziehen - mit einem gravierenden Unterschied, den Mikkel Barslund vom Center for European Policy Studies erklärt: "In Mitgliedstaaten gibt es Ausgleichszahlungen von den Städten in die ländlichen Regionen. Auf EU-Ebene gibt es solche Transfers nicht." Die osteuropäischen Länder bekämen also keinen Ausgleich dafür, dass die jungen Einwohner nach Westeuropa ziehen.

Wenn junge Menschen in die Pensionskassen ihrer neuen Arbeitsheimat einzahlen, gehen die Beiträge dem eigentlichen Heimatland verloren. Die EU schaut zu, das Gefälle wächst. "Das ist eine Frage, über die bislang kaum ernsthaft diskutiert wird", sagt Barslund, dabei habe das Thema durchaus politische Sprengkraft: "Wenn sich in Osteuropa die Auffassung breitmacht, einen Ausgleich für die Migrationsbewegungen der vergangenen zehn Jahre zu fordern, könnte das die Zusammenarbeit in der EU stark beeinflussen."

Politisch spielt dieses Argument auch mit dem ökonomischen Gefälle, das zwischen Deutschland als prosperierendem Zentrum der EU und seinen Nachbarn entstanden ist. Deutschland deckt seinen Arbeitskräftebedarf nicht zuletzt mit den Arbeitsmigranten. Die ökonomischen Probleme, die das gerade in Südosteuropa verursacht, interessieren Berlin scheinbar wenig. Offen ausgetragen wird dieser Konflikt bislang nicht.

Der dritte Faktor ist die "klassische" Migration, der Zuzug von Menschen aus Drittstaaten. Betroffen sind Arbeitsmigranten und Flüchtlinge gleichermaßen. 2017 waren mehr als 80 Prozent der Asylbewerber jünger als 35 Jahre. Wenn es gelänge, diese Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, könnten sie die sozialen Sicherungssysteme in den EU-Ländern langfristig unterstützen, heißt es in der Untersuchung des EU-Parlaments. Die Beschäftigungsraten von Migranten ließen aber zu wünschen übrig. Und auch für die Integration von Flüchtlingen oder Arbeitsmigranten braucht es funktionierende Infrastruktur nicht nur in den Städten.

"Wir müssen eine Vielzahl von Herausforderungen angehen", sagt Kommissarin Dubravka Šuica. "Lassen Sie uns erst die Fakten sammeln." Danach könne man auf allen Ebenen darüber diskutieren, "wie wir diese Herausforderung in eine Chance verwandeln".

Das klingt nach Pathos, eröffnet aber eine Perspektive, die Demografieexperten oft vermissen. "Viele Menschen denken, dass etwas Schlimmes passiert, wenn die Bevölkerung schrumpft. Dabei kann weniger in vielerlei Hinsicht auch mehr sein", sagt etwa Mikko Myrskyla, der Direktor des Rostocker Max-Planck-Instituts für demografische Forschung. So bedeute eine geringere Geburtenrate letztlich auch, dass mehr Ressourcen für die schrumpfende Bevölkerung zur Verfügung stünden; eine kleinere, hoch gebildete Erwerbsbevölkerung sei für eine moderne Gesellschaft letztlich besser als eine große Zahl weniger gut ausgebildeter Menschen.

Myrskylas schlägt vor, mit frischem Blick auf das Altern zu schauen. Ab wann jemand in der Statistik als alt gilt, das sollte gewissermaßen von hinten beantwortet werden, also abhängig von der verbleibenden Lebenserwartung. Dann würde sich diese Grenze langsam nach hinten verschieben. "Unsere Altersgrenzen stammen aus einer anderen Zeit, damals war man mit 65 tatsächlich alt. Heute machen diese Kategorien überhaupt keinen Sinn mehr." Cher würde ihm da kaum widersprechen.

© SZ vom 13.02.2020
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