Washington:Wie ein Eindringling ins Weiße Haus gelangte

Der Secret Service hat versagt: Nicht am Zaun, nicht auf dem Rasen, erst im Weißen Haus gelang es den Sicherheitskräften, einen bewaffneten Mann zu stoppen. Ein Untersuchungsbericht rekonstruiert den Vorfall von September - und kommt zu einem vernichtenden Ergebnis.

Von Robert Gast

Der Mann kletterte über den Zaun, rannte über den Rasen, schlüpfte durch einen Busch - und drang in die Residenz von US-Präsident Obama ein. Dort rempelte er eine Wachfrau nieder, die statt zu ihrer Waffe zur Taschenlampe griff. Bewaffnet mit einem Messer konnte der Mann tief in die Schaltzentrale der USA eindringen. Nun ist ein Untersuchungsbericht zu dem Vorfall im September erschienen. Mit vernichtendem Urteil: Der Mann mit dem Messer konnte demnach ins Weiße Haus eindringen, weil die Sicherheitskräfte auf ganzer Linie versagten. Das berichtet die New York Times, die den vom Heimatschutzministerium verfassten Bericht einsehen konnte.

Demnach hätten mehrere Mitarbeiter des Secret Service den Eindringling stoppen können, noch bevor er ins Innere des Weißen Hauses vordrang. Doch die Agenten sahen den Mann nicht, als er über den Zaun kletterte. Ein Mitarbeiter des Dienstes saß dem Bericht zufolge in seinem Auto und telefonierte auf seinem Privattelefon, den Funkknopf in seinem Ohr hatte er ausgestöpselt. Und bei einem Wachmann mit Hund funktionierte das Funkgerät offenbar nicht richtig. Auch nahmen er und sein Hund den Eindringling zu spät wahr, weil Büsche den Blick versperrten.

Am Eingang des Gebäudes, das Präsident Obama wenige Minuten zuvor verlassen hatte, setzte sich die Pannenserie fort. Ein Sicherheitsmann zog zwar seine Waffe und forderte den Mann auf, stehenzubleiben. Er ging jedoch davon aus, dass der Eindringling unbewaffnet war, verzichtete darauf, zu schießen - und ließ ihn ins Gebäude eindringen. Eine Tür, die verschlossen sein sollte, ließ sich offenbar problemlos öffnen. Und das Alarmsystem war dem Bericht zufolge auf stumm geschaltet. Eine Agentin versuchte, den Eindringling zu stoppen, wurde aber niedergerempelt. Erst nachdem der Mann den luxuriösen Ostraum des Weißen Hauses durchquert hatte, konnten ihn vier Agenten des Secret Service überwältigen.

Pikant: Der Zaunkletterer war den Sicherheitskräften schon in den Monaten zuvor aufgefallen. Bereits im Juli wurde der in Puerto Rico geborene Mann im US-Bundesstaat Virginia wegen Waffenbesitzes verhaftet, berichtet NBC News. Einen Monat später wurde er von Wachleuten vor dem Weißen Haus festgesetzt, weil er eine Machete bei sich trug. Daraufhin sei er aber nicht gründlich genug durchleuchtet worden, kritisiert der Untersuchungsbericht. So weckte er am 19. September nicht die Aufmerksamkeit des Sicherheitsdienstes, als er sich erneut vor dem Zaun des Weißen Hauses aufhielt.

Dem Bericht zufolge leidet der Secret Service an Personalmangel, weshalb Mitarbeiter Aufgaben übernehmen mussten, für die sie nicht ausreichend trainiert waren. Die ehemalige Chefin des Secret Service war bereits im September zurückgetreten.

Der Bericht wurde der New York Times zufolge an den neuen Chef der Behörde übergeben. Bisher wurden aber offenbar keine der beteiligten Secret-Service-Mitarbeiter suspendiert.

© SZ.de/mcs
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