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Was Attentäter antreibt:Erfüllt von Eifer, getrieben von Wahn

Weltgeschichte des Irrsinns: Manche morden für den eigenen Nachruhm, andere wollen angeblich die Welt verbessern. Anders Behring Breivik ist nicht der erste Attentäter, den Ideologie und Ruhmsucht beherrschen. Schon vor mehr als 2000 Jahren wollte sich ein Wahnsinniger buchstäblich in die Geschichte einbrennen.

Nietzsche hat seine eigenen Bücher als "Attentate" bezeichnet. Seine Texte hatten die geistige Kraft, die Welt zu verändern. Das glaubte er, das wusste er, das war so. Leute wie Anders Breivik trauen der Kraft ihrer Texte nicht. Für sie sind Mord und Massenmord zum einen ihre blutige Form der Mitteilung an die Welt, zum anderen das Mittel und die Methode, auf sich und auf ihre schriftlichen Ergüsse aufmerksam zu machen. Breiviks 1500-seitiges Internet-Machwerk ist eine wahnhafte Rechtfertigung der Attentate; und die Attentate sind zugleich eine monströse Werbeaktion für sein Internet-Machwerk.

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Breiviks 1500-seitiges Internet-Machwerk ist eine wahnhafte Rechtfertigung der Attentate von Oslo und Utoya.

(Foto: AFP)

Breivik ist nicht der erste einzelgängerische Attentäter, der ein Weltverbesserungs-Manifest hinterlassen hat. Er geriert sich darin als abstruser Geschichtsphilosoph, er stilisiert sein Verbrechen zu einer Weltverbesserungstat, zu einer Nothilfe-Aktion, die den Gang der Weltgeschichte korrigieren soll. Solche Manifeste sind keine Erscheinung des Internet-Zeitalters.

Schon viel früher haben andere fanatische Attentäter solch wirre Manifeste hinterlassen: Beispielsweise Charlotte Corday, die 1793 den Jakobinerführer Jean Paul Marat erstach; oder der Burschenschaftler Karl Ludwig Sand, der 1817 den reaktionären Publizisten August von Kotzebue, den meistgespielten Theaterautor jener Zeit, ermordete. Beide aber haben einen Repräsentanten der verhassten Ideologie treffen wollen; sie haben nicht wahllos gemordet wie Breivik im Jugendlager.

Wenn man Breiviks Tat in die Weltgeschichte der Attentate einreiht, muss man in der Antike beginnen - bei Herostrat. Herostrat war ein ionischer Hirte, der im Jahr 356 vor Christus den Artemis-Tempel in Ephesos in Brand setzte und zerstörte; der Tempel wurde später zu einem der sieben Weltwunder erklärt. Herostrat wollte mit seiner Tat nicht einen König zu einer andern Politik bewegen, auch nicht einen Krieg verhindern oder einen auslösen, ihn trieb kein religiöser Fanatismus und keine Ideologie - er wolle einfach unsterblichen Ruhm erringen, sich also (wie später Nero) buchstäblich in die Weltgeschichte einbrennen.

Herostrat war nicht, wie viele Attentäter später, von einem Übermaß an Glaubenseifer getrieben und der Gewissheit, die Wahrheit zu besitzen und ihr zum "Recht" verhelfen zu müssen. Er handelte aus nackter Ruhmsucht. Seine Tat steht aber für das narzisstische Element, das viele Attentäter umtreibt, die sich für einzigartig und auserwählt halten, die geliebt, bewundert oder gefürchtet werden wollen. Auch die Reaktion der antiken Politiker auf die Zerstörung des berühmten Tempels ist noch heute interessant.

Getrieben von der Geschichte - und inneren Stimmen

Sie hat etwas zu tun mit den durchaus berechtigten Warnungen, die es heute, nach dem norwegischen Attentat, gibt: Man solle, so lauten die Mahnungen, bei der publizistischen Darstellung des Großverbrechens der Ruhmsucht des Attentäters nicht auf den Leim gehen, der Eitelkeit des Attentäters nicht zu viel Raum geben und über dessen Hirngespinste nicht ernsthaft diskutieren. Diese Zurückhaltung soll verhindern, dass sich Nachahmungstäter animiert fühlen.

Die Politiker haben damals, vor fast zweieinhalbtausend Jahren, aus ähnlichen Gründen verboten, den Namen des Brandstifters zu nennen. Sie wollten seinen Namen ausradieren - aber es gelang nicht, viele antike Autoren nennen Herostrat und seine Tat.

In Colley Cibbers Bearbeitung von Shakespeares Richard III. heißt es daher: "Der ehrgeizige Jüngling, der den Tempel von Ephesus in Brand setzte, überlebte mit seinem Ruhm den frommen Dummkopf, der ihn errichtet hat". Als Herostrat wird bis heute ein Mensch bezeichnet, der Untaten allein deswegen begeht, um berühmt zu werden. Der Kulturhistoriker Alexander Demandt hat das in einem Vierzeiler so formuliert: "Richtig rechnet Herostrat / mit dem Ruhm für seine Tat. / Jedem gibt man seinen Namen, / der versucht, ihn nachzuahmen".

Etwas von dieser Zufriedenheit mit dem "Ruhm für seine Tat" sieht man im Gesicht von Breivik auf der Fahrt ins Untersuchungsgefängnis. Seine Tat basiert freilich auf mehr als Ruhmsucht - er will in die Geschichte eingreifen und glaubt, das geschafft zu haben, so wie vor mehr als 200 Jahren Charlotte Corday, die Tochter eines Landadeligen aus der Normandie, die Marat in der Badewanne erstach; und so wie Karl Ludwig Sand, der nach seinem Mord am Schriftsteller Kotzebue niederkniete und rief: "Ich danke Dir Gott für diesen Sieg". In Sands Manifesten stehen Appelle, dass "jeder Einzelne auf eigene Faust ... jedwedem Unreinen" entgegentreten solle. Erleuchtete hätten das Recht, ja die Pflicht, der Verderbnis mit allen Mitteln zu wehren.

In gewissem Sinne sind viele dieser Attentäter und Präsidentenkiller Auftragsmörder: Sie werden aber nicht gedungen von einem Finanzier, einem Täter hinter dem Täter, sondern fühlen sich gedungen von der "Geschichte" und von einer Stimme in ihnen, die immer wieder sagt: "Tu es!", so wie dies der John-Lennon-Attentäter Marc Chapmann berichtet hat.

Beglückungsideologien gibt es bei Einzel- und bei Gruppentätern

Das Wahnhafte der Tat scheint dann, wenn innere Stimmen im Spiel sind, augenscheinlicher zu sein als dann, wenn einer, wie Breivik, ein "Manifest" hinterlässt - da gemahnt schon dieses Wort an ernsthafte Politik. Bei einer Attentäterin wie Adelheid Streidel, die 1990 dem SPD-Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine ein Messer in den Hals gestochen hat, war die Paranoia manifest: Sie hatte schon lange vor der Tat Flugblätter verteilt, in denen sie vor den "Menschentötungsfabriken der Regierung" warnte, in denen aus Menschen Konserven hergestellt würden. Sie wurde für den Mordversuch an Lafontaine strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen. Sie sei "aufgrund ihrer Krankheit schuldunfähig", sagte das psychiatrische Gutachten. Sie wurde in einer psychiatrischen Klinik untergebracht.

Anders als die Attentäter von 9/11 und die RAF-Täter sind die Genannten, auch Breivik, Einzeltäter, stützen sich nicht auf die Logistik einer Organisation, fühlen sich aber oft wie die Mitglieder einer terroristischen Gruppe, getragen von einer Mission. Beglückungsideologien gibt es bei Einzel- wie bei Gruppentätern. Ob die "Mission" der Attentäter auf krankhaftem Wahn beruht, darüber entscheiden Gutachter.

Wie immer die entscheiden: Die Namen der Täter bleiben bisweilen länger in Erinnerung als die der Opfer. John Bellingham erschoss vor 200 Jahren den britischen Premier Spencer Perceval, den heute keiner mehr kennt. Jeder britische Jurist aber kennt Bellingham. Er wurde, trotz seiner geistigen Verwirrung, hingerichtet. Sein Fall wird daher bis heute zitiert, wenn es darum geht, wie der Staat auf Verbrechen reagiert. Kranke dürfen in einem aufgeklärten Rechtssystem nicht bestraft werden. Sie müssen in die Psychiatrische Klinik eingewiesen werden. Manche sagen, das mache keinen großen Unterschied.

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