Wahlkreis-Atlas:Dem Durchschnitt auf der Spur

Hier ist die politische Stimmung der Bundesrepublik wie in einem Brennglas zu erleben: SZ.de zeigt in einem interaktiven Atlas die durchschnittlichsten Wahlkreise der Republik - und Regionen, wo die Bürger am extremsten wählen. Am mittelmäßigsten ist die Südpfalz, am krassesten der Kontrast in Berlin.

Von Stefan Plöchinger

Wer wissen will, wo sich Deutschlands politische Mitte befindet, muss Excel öffnen und Zehntausende Zahlen durchkämmen. Subtrahieren, summieren, teilen, Durchschnitte bilden - bis nach einigen Stunden klar wird, wo der Durchschnittsbürger lebt: in der Südpfalz. In Münster. Und in einem Straßenzug in Berlin-West.

SZ.de hat die Wahlergebnisse von 2009 nach einem simplen Raster analysiert. Für jeden Wahlkreis Deutschlands haben wir ausgerechnet, inwieweit die Wähler dort Union, SPD, FDP, Grünen oder Linken mehr oder weniger Stimmen gegeben haben als im Bundesergebnis der Zweitstimmen. Diese Abweichungen haben wir addiert, dann den Mittelwert und den sogenannten Median gebildet (eine Art Durchschnittswert, der weniger sensibel gegenüber Ausreißern ist, siehe hier), und plötzlich war ein Atlas der politischen Konformität entstanden.

Die Deutschland-Karte zeigt Ihnen in heller Farbe jene Wahlkreise, die im Median 2009 geringe Abweichungen vom Bundesergebnis hatten - wo die Bürger also tendenziell gewählt haben wie die gesamte Bundesrepublik. Je mehr Abweichungen es gibt, desto dunkler wird der Wahlkreis. Der Osten Deutschlands ist wegen der vielen Linken-Wähler dunkel, der Osten Bayerns wegen der vielen Stimmen für die CSU, und die Insel Cloppenburg/Vechta in Niedersachsen wegen der CDU. Hohe SPD-Werte lassen die Karte zum Beispiel in Emden und im Ruhrgebiet dunkler aussehen.

Klicken Sie sich durch die 299 Wahlkreise, Sie werden interessante Details herausfinden - unter anderem über die Wahlkreise, die man "Bundesrepublik im Brennglas" titulieren könnte. Die Südpfalz zum Beispiel; nur um 0,5 Prozentpunkte weichen die Parteienergebnisse hier im Median vom Bund ab. In Münster als mittelmäßigstem städtischem Wahlkreis sind es 0,7, in Berlin-Spandau/Charlottenburg-Nord als durchschnittlichstem Metropolen-Wahlkreis 1,6. Was für ein Kontrast: Direkt nebenan liegen die Extrem-Wahlkreise Lichtenberg (8,0), Pankow (9,1) und als Schlusslicht Friedrichshain/Kreuzberg/Prenzlauer Berg (13,1), wo so abweichend gewählt wird wie sonst nirgends in der Republik. Berlin, die polarisierte Hauptstadt.

SZ.de ist noch tiefer ins Detail gegangen. Im Wahlkreis Südpfalz etwa ist wiederum der Ort Annweiler am Trifels der mittelmäßigste, haben wir herausgefunden. Von dort können Sie eine Reportage auf unserer Seite lesen. In Münster ist es der Stimmkreis "166 Marderweg", in Berlin der Wahlbezirk "Spandau 312", ein Wohnviertel im Westen. Sie können unsere Auswertungen in dieser Tabelle im Detail nachlesen, und noch mehr: Wenn Sie oben in der Grafik die Liste links durchklicken, sehen Sie für jede Partei außerdem eine Karte, wo diese besonders stark oder schwach abgeschnitten hat. Je röter zum Beispiel ein Wahlkreis auf der SPD-Karte, desto stärker war die SPD dort; analog funktioniert das für die anderen Parteien.

Dort, wo unser Wahlkreis-Atlas richtig dunkel ist, wollen wir uns in den kommenden Wochen bis zur Wahl auch noch umsehen. Wir werden in diesen Extrem-Wahlkreisen Menschen treffen, die uns den Zustand der Republik aus Sicht ihrer Region erklären - und wollen auf diese Weise erklären, aus welch unterschiedlichen Motiven die Bundestagswahl in anderthalb Monaten entschieden werden dürfte, denn Durchschnittsdeutschland ist eben nicht überall.

Wobei: Vielleicht wählt in anderthalb Monaten ein ganz anderer Landstrich so durchschnittlich, dass sich die politische Mitte der Republik um ein paar hundert Kilometer verschiebt?

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