Wahlkampf zur Bundestagswahl:Trügerische Langeweile

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Wahlkampf Peer Steinbrück

Ein abgerissenes Steinbrück-Wahlplakat in Stuttgart.

(Foto: dpa)

"Yes, we gähn" - so hieß es in Anspielung auf einen Obama-Slogan über den Wahlkampf von 2009. Die Artikel von damals kann man jetzt wieder drucken, man muss nur den Namen Steinmeier durch Steinbrück ersetzen. Trotzdem sehen sich 18 Millionen Menschen das TV-Duell an. Vielleicht, weil sie spüren: Die Langweiligkeit des Wahlkampfs ist nur eine Kulisse, hinter der es brodelt.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Es ist schön, wenn sich die Menschen so einig sind: Einigkeit macht stark. Die Deutschen sind sich einig darin, dass nichts auf der ganzen Welt so langweilig sei wie dieser Bundestagswahlkampf.

Beinah kokett wird über diese Langweiligkeit gelästert. Bisweilen kann man den Eindruck haben, dass dabei nicht nur Herablassung mitschwingt über die Unfähigkeit der Politik, Wahlkampf zu führen, sondern auch Stolz auf den, der der Politik diese Unfähigkeit attestieren muss - Stolz also auf sich selbst, den Bürger. Gewiss: Zwar habe man einerseits einen Anspruch darauf, im Wahlkampf von der Politik auch mit Wahlkampf bedient zu werden. Andererseits aber sei man demokratisch reif genug, derlei nicht unbedingt nötig zu haben. Dünkelhafte Langeweile ist gefährlich; man wiegt sich gelangweilt in einer Sicherheit, die nicht existiert.

Wer vier Jahre zurückblättert, dem fällt auf, dass die Klage über die Langeweile des Wahlkampfs zwar laut, aber nicht neu ist. In jenem Bundestagswahlkampf wurde diese Klage genauso geführt wie heute. "Yes, we gähn" lautete der Kalauer nach dem damaligen TV-Duell zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier im September 2009.

Die Artikel von damals kann man 2013 wieder drucken; man muss nur den Namen Steinmeier durch Steinbrück ersetzen. Und an der Beschreibung von Merkel, damals noch Kanzlerin einer großen Koalition, muss man praktisch gar nichts ändern. Man kann die Wörter von 2009 abpflücken und wieder verwenden: Ohne Schwung/Ohne Kontrast/Null Vision/Inhaltsleere/Schlaf der Demokratie.

Als seien die Wahlplakate mit Chloroform getränkt worden

Das kann ein Zufall sein; es ist aber keiner. Dem Wahlkampf 2009 war die große Banken- und Finanzkrise vorausgegangen. Rettungsschirme aus Steuergeldern waren aufgespannt worden. Der Staat hatte mit Milliardensummen die Banken gestützt. Jeder Bundesbürger haftete mit mehr als tausend Euro allein für die Hypo Real Estate Bank.

Wie sehr das Vertrauen ins politische und wirtschaftliche System gestört war, konnte man in jeder Diskussion zu fast jedem Thema hören: Ob es um die verschimmelten Wände im Klo des Kindergartens ging oder darum, dass Lehrer fehlen - immer gab es wilden Beifall, wenn einer bloß "500 Milliarden" sagte, "500 Milliarden für die Banken, aber nur ein paar Knöpfe Sozialgeld für Kinder von Langzeitarbeitslosen". Die große Frage lautete: Wie soll der Finanzkapitalismus gebändigt werden? Die Frage fand im Wahlkampf nicht nur keine Antwort; sie wurde gar nicht richtig gestellt. Es war, als seien die Wahlplakate mit Chloroform getränkt worden. Nach erregenden Monaten legte sich übers Land Langeweile.

Genau das wiederholt sich 2013. Dabei waren die nun zu Ende gehenden Jahre der schwarz-gelben Koalition noch viel turbulenter - nicht nur wegen der FDP, die erst an Größenwahnsinn, dann an Dilettantismus litt: Es gab eine Energiewende, den Abschied von der Wehrpflicht, die Guttenbergiade und die Wulffiade; es gab die Armuts- und Reichtumsberichte, die eine höchst bedenkliche Entwicklung der deutschen Gesellschaft aufzeigten; es gab die furchtbaren Erkenntnisse über das Versagen der Sicherheitsbehörden gegen den mörderischen Rechtsextremismus. Und es gab die alles beherrschende Fortsetzung der Finanzkrise in Gestalt der Euro-Krise und des Absturzes der EU-Südländer. Es wuchs die Furcht, dass in Europa das Soziale unter die Räder gerät. Es wuchs das Missverhältnis zwischen der Hektik der Spardiktate, die über die Südländer der EU verhängt wurden und der politischen Lustlosigkeit, wenn es um die Regulierung der Bankenkrise ging: Gerettet wurden nicht Menschen. Gerettet wurden Schuldverhältnisse, Finanzbeziehungen, Wirtschaftssysteme.

Langeweile wiegt die Bürger in Sicherheit

Langeweile? Die angebliche Langeweile ist eine Reaktion auf die Undurchschaubarkeit der Finanz- und Euro-Krise: Die Menschen versuchen, dieser Krise aus dem Weg zu gehen, obwohl sie wissen, dass sie ihre Zukunft betrifft. Die Langeweile ist also Ergebnis eines Annäherungs-Vermeidungs-Konflikts. Die Langeweile und das Lamento darüber suggerieren Ruhe und Gefahrlosigkeit: Langeweile herrscht, wenn nichts Aufregendes passiert. Langeweile blüht nur auf in Sicherheit; Langeweile ist geradezu ein Symbol von Sicherheit. Deswegen ist das Gefühl der Langeweile in gefährlichen Zeiten willkommen. Es wiegt in Sicherheit. Es handelt sich um trügerische Langeweile.

Weil sie das ahnen, haben fast 18 Millionen Menschen das TV-Duell zwischen Merkel und Steinbrück verfolgt; das ist spektakulär. Die Zuschauerzahlen bei anderen Streitgesprächen sind ebenso bemerkenswert. Das mag mit der Spektakelhaftigkeit zu tun haben, mit der das alles inszeniert wird.

Vor allem aber hat es damit zu tun, dass die Leute spüren: Die Langweiligkeit des Wahlkampfs ist nur eine Kulisse, hinter der es brodelt. Sie wollen wissen, wie die Politiker nach dem Wegräumen der Kulisse agieren werden. Wenn die Leute erleben, dass die Politiker es nicht sagen, weil sie es selber nicht wissen oder wollen: Dann lullen sich die Leute wieder ein in der Pseudosicherheit der Langeweile. Einigkeit macht stark? Die deutsche Einigkeit in der Langeweile macht Merkel stark und die SPD schwach.

Steinbrück - von aussichtslos zu etwas weniger aussichtslos

Aber: Gar nichts ist langweilig. Langweilig ist nur das Gerede darüber. Schon gar nicht langweilig ist die SPD; deren Schicksal ist spektakulär. Sie hat es mit dem ordentlichen Auftritt von Peer Steinbrück beim TV-Duell geschafft, aus der Defensive zu kommen. Steinbrück hat es mit dem Duell von einer aussichtslosen auf eine etwas weniger aussichtslose Position gebracht. Er hat auch seine persönliche Ehre wieder hergestellt:

Es war ja schon so getan worden, als habe der Mann nicht alle Tassen im Schrank. Zwei Wochen vor der Wahl muss man sich vor Augen halten, welche Dramatik sich da binnen eines Jahres entwickelt hat: Als der damals überall hochgelobte Steinbrück am 1. Oktober 2012 als Kandidat nominiert wurde, stand die SPD gut da, lag Rot-Grün in Griffweite: Die SPD legte in den Umfragen auf 31 Punkte zu, in der allgemeinen Zustimmung lag sie mit 36 Prozent nur noch wenig hinter der Union. Dann nahm die SPD-Tragödie ihren Lauf.

Ein Spitzenkandidat soll strahlender Mittler sein zwischen Partei und Wähler; mit Steinbrück hat die Vermittlung nicht funktioniert. Stünde er am Ende des Wahlkampfs mit der SPD wenigstens wieder da, wo die Partei vor einem Jahr stand - es wäre eine Sensation. Wenn diese nicht eintritt, dann deswegen, weil sich die SPD nicht an den Rat von Willy Brandt aus dem Jahr 1964 gehalten hat: "Langeweile gehört ebenso wenig zur Demokratie wie deutsche Niederlagen zur Olympiade. Beides lässt sich ändern. Und beides werden wir ändern." Die SPD hat es nicht getan.

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