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Wahlerfolg der AfD:Alte Ressentiments statt neuer Ideen

Hamburg Holds State Elections

Anhänger der Alternative für Deutschland (AfD) reagieren auf die Hochrechnungen in Hamburg

(Foto: Getty Images)

Der Aufstieg der AfD erinnert an den der Piraten. In drei wesentlichen Punkten unterscheiden sich die beiden Parteien jedoch.

  • Die Piraten waren in Politik und Öffentlichkeit Anfänger, die Chefs der AfD haben Erfahrung und den Willen zur Macht.
  • Die Piraten versprachen eine basisdemokratische Partei neuen Typs, die AfD ist auf die Führung ausgerichtet.
  • Die Piraten suchten (vergeblich) neue Themen, die AfD bedient Ressentiments, die bereits vorhanden sind.

Von Hannah Beitzer, Hamburg

Um 18 Uhr: Jubel, lauter Applaus, lachende Männer fallen sich um den Hals. In vier Landtagen ist diese neue Partei nun! Sonderbar, wie sehr sich die Szenen ähneln: 2012 waren es die Piraten, vorwiegend junge Männer mit teils verwegenen Frisuren, die eine Wahl nach der anderen gewannen, jubelten, applaudierten, lachten. Heute sind es halt ältere Herren in Hemd und Anzug: die AfD. In Hamburg gelingt ihr der Einzug in die Bürgerschaft mit 6,1 Prozent. Im Herbst schaffte sie es in Brandenburg, Thüringen und Sachsen. Die Hamburger Bürgerschaft ist nun das erste westdeutsche Länderparlament, in dem die Partei sitzen wird.

Auch sonst hat die AfD mit den Piraten einiges gemeinsam: Ihr Führungspersonal streitet sich mit in der Parteienlandschaft seltener Offenheit - oder zumindest gelangen wie von Zauberhand immer wieder gegenseitige Beschimpfungen an die Medien. Ihre Parteitage münden wie einst bei den Piraten in Geschäftsordnungsschlachten und bürokratischen Streitigkeiten. Die versprochene Basisdemokratie lockt Querulanten, schräge Vögel und Besserwisser an.

Wird die AfD sich also wie die Piraten früher oder später selbst zerlegen, scheitern an einer aufmüpfigen Basis und überforderten Vorständen? Auf den ersten Blick sind sich die Parteien tatsächlich ähnlich. Doch es gibt drei wesentliche Punkte, in denen sich die AfD von den Piraten unterscheidet. Und die sind für den Erfolg der Partei ausschlaggebend.

1. Die Piraten waren Anfänger, die Chefs der AfD haben Erfahrung und den Willen zur Macht

Die Piraten waren Neulinge in der Politik und in der Öffentlichkeit, das war kaum zu übersehen. Sie lieferten sich legendäre öffentliche Flügelkämpfe, ihre Führung trug Streitigkeiten manchmal lustvoll, manchmal verzweifelt auf Twitter und in Blogbeiträgen aus und die selbstbewusste Basis trieb die Chefs mit öffentlicher Dauerkritik vor sich her. Streit gibt es auch bei der AfD. Ob nun ein Piraten-Abgeordneter einem Vorstandsmitglied per SMS schreibt: "Wenn Du bis morgen 12.00 Uhr nicht zurück getreten bist knallt es ganz gewaltig", oder ein prominenter AfDler einem seiner Chefs: "Ein Drama! Ich hoffe, der letzte Akt wird bald aufgeführt und Sie treten von der Bühne", unterscheidet sich das allenfalls im Sprachstil.

Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied. Während sich in der Führung der Piraten lauter Anfänger kloppten, die keinerlei Erfahrung im Umgang mit Machtgerangel und Öffentlichkeit hatten, sind die Chefs der AfD auch schon vor ihrer Parteizeit auf die eine oder andere Art Chefs gewesen. Es sind Professoren (Bernd Lucke, Jörn Kruse), gut vernetzte Publizisten (Konrad Adam, Alexander Gauland), einige von ihnen mit jahrzehntelanger Erfahrung in anderen Parteien, andere mit Talkshow-Dauerkarte (Hans-Olaf Henkel). Kurz: Menschen, die sich mit Macht und ihren Spielarten, größtenteils auch mit Medien und Öffentlichkeit, auskennen und die dazugehörigen Mechanismen besser zu bedienen wissen als die arglosen Piraten.

Einigen Piraten war zwar Machtstreben nicht grundsätzlich fremd - doch die Erfahrung, die Abgebrühtheit und das Selbstbewusstsein eines Alexander Gauland oder eines Hans-Olaf Henkel fehlten ihnen.

2. Die Piraten versprachen eine Partei neuen Typs, die AfD ist auf die Führung ausgerichtet

Das führt zu einem weiteren Unterschied: Machtbewusste Profis wie Gauland oder Henkel wären in der Piratenpartei ohnehin unerwünscht gewesen. Die Piraten wollten eine Partei neuen Typs sein, basisdemokratisch, transparent - und Inhalte gemeinsam über Online-Beteiligung finden. Viele Wähler entschieden sich in den Jahren 2011 und 2012 für die Piraten, gerade weil sie keine vorgefertigten Meinungen und dominanten Führungsfiguren hatten. Sondern weil sie ein neues Betriebssystem für das politische System versprachen, das ihre Sympathisanten als intransparent und undurchlässig empfanden. Bei der AfD liegt die Sache ein wenig anders. Auch sie trat zwar an mit dem Versprechen "Basisdemokratie", jeder konnte zu Parteitagen kommen und mitreden - weswegen das Chaos nicht ausblieb.

Doch gleichzeitig dominierten von Anfang an einige Personen die Partei, allen voran Parteigründer Bernd Lucke. Die AfD-Basis ist zwar einerseits selbstbewusst bis hin zum Querulantentum, doch auf der anderen Seite sind die Mitglieder auch stolz auf die vielen Professoren und Doktoren an ihrer Spitze. Die Mitglieder wissen, dass der Erfolg der Partei maßgeblich auch von deren Führung abhängt - vor allem davon, dass sie aus einem Haufen gut vernetzter und prominenter Konservativer besteht.

Und so gibt es zwar hin und wieder Gemurre gegen Parteichef Lucke. Doch letztlich konnte er sich damit durchsetzen, was er als Professionalisierung der Partei versteht. So wird es demnächst statt drei nur noch einen Parteichef geben, höchstwahrscheinlich ihn selbst. Und die Parteitage werden zukünftig von Delegierten bestritten, gegen das Chaos. Ganz wie bei den Altparteien.

Die AfD bedient geschickt Vorurteile

3. Die Piraten suchten (vergeblich) neue Themen, die AfD bedient Ressentiments, die bereits vorhanden sind

Die Führung der AfD hat richtig erkannt, dass das Versprechen, eine Partei neuen Typs zu sein, für dauerhafte Wahlerfolge nicht ausreichend ist. Es gelang den Piraten nie, überzeugende Inhalte zu entwickeln, die mehr Wähler als nur ihr Stammpublikum überzeugten.

Die AfD hingegen greift geschickt Ressentiments und gesellschaftliche Strömungen auf, die es in Deutschland bereits gibt und die in der derzeitigen Parteienlandschaft wenig Platz finden: als Islamkritik getarnte Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit, die Wut über vermeintlich faule Südländer, die sich auf Kosten deutscher Steuerzahler ein gemütliches Leben machen, die Angst davor, eine wie auch immer geartete deutsche Identität zu verlieren, die pauschale Ablehnung von etablierten Politikern und Medien.

Mit Themen wie diesen ziehen rechtspopulistische Parteien seit Jahren in ganz Europa in Parlamente ein, da schien es fast verwunderlich, dass sich in Deutschland rechts von der Union keine ernstzunehmende Partei fand. Denn es gab ja auf der anderen Seite bereits die sagenhaften Bucherfolge eines Thilo Sarrazins, der all diese Ressentiments unter dem Deckmantel vermeintlich wissenschaftlicher Beweise, Zahlen und Fakten mit großem Erfolg bedient.

Die Vorgehensweise Sarrazins, Menschen in nützlich und weniger nützlich einzuteilen und nebenbei die Angst vor dem Fremden zu schüren, findet nun ihre Fortsetzung im kühl kalkulierenden Wirtschaftsliberalismus und der Islamkritik der AfD. Dazu inszeniert sich die Partei als Bewahrerin deutscher Traditionen, als natürlicher Verbündeter von Bewegungen wie Pegida und fügt zur Abrundung ein wenig Kritik an der deutschen Russland-Politik und der "Lügenpresse" hinzu.

Das Wählerpotenzial der AfD geht damit nach Ansicht von Experten weit über die Abgehängten der Gesellschaft hinaus, die als typische rechte Wähler gelten. Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer sprach bereits 2010 von einem "verrohten Bürgertum", das hauptsächlich auf den eigenen Vorteil bedacht sei und die Solidarität zu schwächeren Bevölkerungsgruppen aufkündige - seien das nun Flüchtlinge, Hartz-IV-Empfänger oder die angeblich faulen Griechen.

Was die AfD erfolgreicher macht als zum Beispiel die NPD, ist, dass sie zwar an ihrer Basis die krudesten Thesen toleriert, ja, ihren Sympathisanten und Mitgliedern das Gefühl gibt, endlich mal alles sagen zu dürfen und auch noch gehört zu werden. Dass aber ihre Sprecher sich in der Öffentlichkeit nie allzu weit von Positionen entfernen, wie sie auch vom rechten Flügel der CSU kommen könnten. Die AfD gibt so rechtspopulistischem Gedankengut einen bürgerlichen Anstrich - etwas, das der NPD mit ihrem Neonazi-Image nie gelang.

Die Inhalte, die den Piraten fehlten, liegen für die AfD auf der Straße. Ihre Führungspersönlichkeiten müssen sie nur noch aufheben, ohne dabei selbst allzu schmutzige Hände zu kriegen.

© Süddeutsche.de/dd/mcs
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