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Wahl in Israel:Püppchen gegen Platzhirsch

Isaac Herzog war in diesem Wahlkampf als klassischer Underdog angetreten. Nun liegt seine linke Wahlliste "Zionistische Union" in Umfragen in Führung.

(Foto: AFP)

Isaac Herzog startete als Underdog, doch am Wahltag in Israel liegt sein Mitte-links-Bündnis in Umfragen vor dem Likud von Premier Benjamin Netanjahu. Herzog kommt sein Ruf als Anti-Bibi zugute - und seine Familiengeschichte.

Von Peter Münch, Jerusalem

Isaac Herzog, Chef der israelischen Arbeitspartei, ist ein Mann, den viele loben. "Klug", "effizient" und "nett" sei er, das sagen alle. Wenn man ihn eine Weile begleitet, kann man überdies entdecken, dass dahinter noch ein solider Durchhaltewille steckt. Und natürlich darf man einen 54-jährigen Politiker, der in seiner Karriere schon mehrere Ministerposten innehatte, auch "verantwortungsvoll und reif" nennen.

Aber als "Manhig", wie es im Hebräischen heißt, als zupackenden Anführer, hat ihn noch keiner gesehen. Er ist so schmächtig und jungenhaft, dass an ihm jeder Anzug und jeder Hemdkragen zu groß erscheinen. Und auch als charismatischer Redner ist er noch nicht aufgefallen.

Dazu kommt sein Spitzname: Buji. Das klingt bis heute so putzig, wie es Herzogs Mutter einst gemeint haben muss, als sie ihrem Kleinen den Kosenamen verpasste. "Als ich geboren wurde, war ich sehr süß", sagt Herzog tapfer, wenn er auf seinen Spitznamen angesprochen wird. "Buba scheli" habe ihn seine Mutter deshalb genannt, "mein Püppchen", und weil ihre Muttersprache das Französische war, wurde daraus Buji.

Anders sieht es bei Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu aus, den Herzog bei den Parlamentswahlen nun herausfordert. Bibi, der polternde Platzhirsch, der mit allen Wassern gewaschene Frontmann der Rechten, hat seinen Spitznamen längst zum Markenzeichen gemacht. Bibi, den Mann mit der eisernen Faust, kennt inzwischen jeder.

Minus und Minus ergibt Plus

Doch Herzog hat intensiv daran gearbeitet, das Bild zu ändern, das die Bevölkerung von ihm hat. Die Umfragen weisen inzwischen sogar eine Führung für Herzogs Partei aus. Das darf als Erfolg gelten für den Neuen.

Isaac Herzog kam in diesem Wahlkampf von ziemlich weit hinten, als klassischer Underdog. Die überraschend große Zustimmung hat wohl etwas mit einem Phänomen zu tun, das als 1. Merkelsches Gesetz in die Geschichte der Machtpolitik eingehen könnte: Minus und Minus ergibt Plus, wenig Charisma plus Zögerlichkeit können durchaus zum Erfolg führen.

Auf israelische Verhältnisse übersetzt, bedeutet dies, dass Herzog sich in der Rolle des Anti-Bibi profiliert, weil viele Wähler der ständigen Finten und Fallen ihres Regierungschefs überdrüssig sind. Es gibt eine Sehnsucht nach Ruhe, Klarheit und Normalität nach den Jahren des immerwährenden Bibi-Alarmismus'.

Herzog setzt auf diese Wechselstimmung - und ist peinlichst darauf bedacht, niemanden zu verprellen durch allzu konkrete politische Festlegungen. Er verspricht, für soziale Gerechtigkeit und billigen Wohnraum zu sorgen und das Verhältnis zu den USA, das durch Netanjahus Rambo-Politik beschädigt wurde, wieder zu reparieren. Auch im Friedensprozess mit den Palästinensern kündigte er einen neuen Anlauf an - "ohne 100 Prozent Erfolgsgarantie, aber mit 100 Prozent Anstrengung".

Doch für beide Politiker hängt alles von den Koalitionsmöglichkeiten ab. Deshalb buhlt Herzog um die Rechten genauso wie um die Religiösen. Links will er schon lange nicht mehr sein, denn der Ausdruck "Linker" ist fast zum Schimpfwort geworden in Israels politischer Arena.

Eine Werbetafel mit Wahlplakaten wechselt zwischen Bildern von Benjamin Netanjahu (rechts) und Isaac Herzog. Findet auch ein Wechsel des Ministerpräsidenten statt?

(Foto: AP)

Mit der kleinen Hatnuah-Liste von Tzipi Livni hat sich die Arbeitspartei bereits zusammengeschlossen und ist so ins politische Zentrum gerückt. "Zionistische Union" nennt sich das Bündnis, mit dem Herzog die rechten Nationalisten ablösen will. So hat er das Fundament gelegt.

Um auch den Aufstieg zu schaffen, hat er kurz vor der Wahl noch Reuven Adler zum Chefstrategen gemacht. Ein Paukenschlag: Der Mann ist eine Legende als Wahlkämpfer. Er präsentiert Herzog nun als Führungspersönlichkeit. Mit Fotos, auf denen er "mehr wie ein Filmstar" aussieht, sagt Adler.

Familiengeschichte als Wahlhilfe

Große Hoffnung setzen Herzogs Wahlkämpfer auch in die Tatsache, dass dessen Familie seit drei Generationen die Geschicke des Landes mitprägt. Großvater Isaac Halevi Herzog war Israels erster aschkenasischer Chefrabbiner. Vater Chaim Herzog war in den Jahren 1983 bis 1993 Präsident. Der legendäre Außenminister Abba Eban ist Herzogs angeheirateter Onkel. Und ein weiterer Onkel, Jakov Herzog, gehörte zu den engsten Beratern des Premiers Levi Eschkol.

Während Amtsinhaber Netanjahu mit dem IS, der Hamas, der Hisbollah und der iranischen Bombe auf die Angst vor der Zukunft setzt, steht Herzog für die Sehnsucht nach der guten, zumindest übersichtlicheren alten Zeit. Schließlich hat er schon bei Ben Gurion auf dem Schoß gesessen.

© SZ.de/mcs/rus
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