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Wahl in Großbritannien:Warten ja, wählen nein

Die älteste Demokratie der Welt zeigt Schwächen: Massiver Ärger über zu wenige Stimmzettel überschattet die Wahl. Nicht alle, die wählen wollten, konnten auch wählen.

Mit Stolz und nicht ohne Grund erklären sich die Briten zur ältesten Demokratie der Welt. Doch was sich am Wahlabend an manchen Wahllokalen abspielte, hätte man eher in einem nichtdemokratischen Entwicklungsland erwartet

Unterhauswahl in Großbritannien, AP

Wahlstimmenauszählung im schottischen Kirkcaldy: Nicht überall in Großbritannien konnten alle wählen, die auch wählen wollten.

(Foto: Foto: AP)

Die Unterhauswahl verlief in vielen Orten alles andere als reibungslos. Schwere Pannen haben zahlreiche Wähler daran gehindert, ihre Stimme abzugeben. In einigen Wahlkreisen in London, Manchester, Liverpool, Newcastle und an anderen Orten konnten Hunderte Wähler nicht mehr in die Wahllokale.

Als diese um 22 Uhr die Türen schlossen, wurden viele Leute weggeschickt, obschon sie rechtzeitig gekommen und lange Schlange gestanden hatten. Die Enttäuschung brachte einige in Rage, manche ungewollte Nichtwähler probten den Aufstand: In London musste die Polizei anrücken, weil 300 Menschen verlangten, auch nach dem offiziellen Schluss ihre Stimme abzugeben.

James Lang aus Sheffield Hallam, dem besonders betroffenen Wahlkreis von LibDem-Kandidat Nick Clegg, sagte zur BBC: "Ich erlebte drei beschämende Stunden in Sheffield Hallam. An die 500 Wähler wurden außen vor gelassen und durften nicht ihre Stimme abgeben. Das ist kein guter Tag für die Demokratie." Tatsächlich wurde die Wahl in Sheffield Hallam zum Fiasko, weil das dortige Wahllokal offensichtlich nicht mit so vielen wahlwilligen Studenten gerechnet hatte. Schließlich musste die Polizei eingreifen. Von den 500 verhinderten Wählern harrten etwa 100 aus Protest so lange aus, bis sie von den Einsatzkräften weggebracht werden mussten.

Auch Samantha Shore aus London verstand die Welt nicht mehr: "Ich bin entsetzt, und ich kann nicht verstehen, wie so etwas passieren kann. Wir kamen um 20:30 Uhr ins Wahllokal. Und nachdem wir eineinhalb Stunden in der Schlange standen, wurden wir weggeschickt. Vor mir waren nur noch drei Leute. Wir blieben bis 23 Uhr und immer mehr Polizisten tauchten auf. Ich kann nicht glauben, dass in einem angeblich zivilisierten und demokratischen Land es möglich ist, einen Bürger davon abzuhalten, sein Wahlrecht in Anspruch zu nehmen."

Dass mehrere hundert Stimmen tatsächlich einen Einfluss auf den Wahlausgang haben könnten, zeigte sich in Chester. Dort verteidigte die Labour-Partei ihren Sitz mit einem Vorsprung von etwa 900 Stimmen. Doch mindestens 600 Bürger durften nicht abstimmen.

Andere Wahllokale wie etwa in Liverpool waren mit einem anderen, ungewöhnlichen Problem konfrontiert: Ihnen gingen wegen des Andrangs die Stimmzettel aus. Sie hatten mit weit weniger Wählern gerechnet. Die Beteiligung bei dieser Wahl dürfte bei etwa 64 Prozent liegen - bei der letzten Wahl 2005 hatten 61,4 Prozent der wahlberechtigten Briten von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht.

Diese Pannen dürften Folgen haben, ein juristisches Nachspiel bahnt sich an. Die offizielle Wahlkommission äußerte "schwere Bedenken" und teilte mit, die Vorfälle würden gründlich untersucht.

Auch in Nordirland war die Wahl überschattet - von einem weitaus gefährlicheren Problem: Vor einem Wahlbüro wurde ein Fahrzeug mit einer Autobombe gefunden. In dem geklauten Auto vor dem Templemore-Freizeitzentrum in Londonderry, der zweitgrößten Stadt Nordirlands, habe sich ein funktionsfähiger Sprengsatz befunden, teilte die Polizei mit.

Das Freizeitzentrum, in dem die Stimmen der Wahlkreise Foyle und East Londonderry für das neue britische Unterhaus ausgezählt wurden, seien daher evakuiert worden. Die Wahlhelfer sowie Unterstützer verschiedener Parteien hätten das Gebäude verlassen müssen. Die Auszählung sei danach fortgesetzt worden.

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