Wahl in Großbritannien Der Wähler spricht - doch was?

Dass es keinen eindeutigen Wahlsieger gibt, verwirrt die Briten. Trotzdem reden sich die Parteien das Ergebnis schön - nur die Liberalen zeigen sich enttäuscht und deuten Verhandlungsbereitschaft auch mit den Tories an.

Der britische Wähler hat gesprochen - und die Politiker rätseln noch, was er ihnen sagen wollte. Zum ersten Mal seit 1974 ging in Großbritannien keine Partei als klarer Sieger aus der Wahl hervor. Dennoch versuchen sowohl regierende Labour-Partei als auch konservative Tories, den Wählerwillen für sich zu interpretieren. Nur die Liberaldemokraten zeigen sich offen enttäuscht.

Wahlhelfer in Kirkcaldy, dem Wahlkreis des Premierministers Gordon Brown

(Foto: Foto: dpa)

Für die Opposition scheint die Botschaft klar: Angesichts der deutlichen Stimmenverluste seiner Partei sollte Premierminister Gordon Brown zurücktreten. "Die Labour-Regierung hat ihr Mandat verloren, Großbritannien zu regieren", sagte David Cameron noch am Donnerstagabend. Nach den ersten Auszählungen wurden die oppositionellen Konservativen stärkste Kraft, sie schafften aber nicht die zur Regierungsbildung notwendige absolute Mehrheit.

So verwundert es nicht, dass der Tory-Chef im Wahlergebnis den Wunsch des Wählers nach einem Wandel sieht. "Und der Wandel erfordert eine neue Führung", sagte Spitzenkandidat Cameron. Schließlich hätte seine Partei mehr Sitze gewonnen "als bei jeder anderen Wahl seit vielleicht 80 Jahren". Ken Clarke schlägt in dieselbe Kerbe. "Eine Sache ist klar: Gordon Brown kann auf keinen Fall als Premierminister weitermachen", sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der Konservativen. "Er hat alle Autorität zum Regieren verloren."

Gordon Brown, der das Amt des Premierministers 2007 von Tony Blair übernommen hat, sieht das natürlich anders. Noch am Wahlabend machte er deutlich, dass er nicht an einen Rückzug denkt, ganz im Gegenteil. "Meine Pflicht gegenüber diesem Land wird es nach der Wahl sein, meinen Teil dazu beizutragen, dass Großbritannien eine starke, stabile und richtungsweisende Regierung hat", sagte der Premier in seinem Wahlkreis Kirkcaldy & Cowdenbeath.

Auch der britische Wirtschaftsminister interpretiert den Wählerwillen auf seine ganz eigene Art: "Wir sehen, dass die Menschen für einen Wandel gestimmt haben", sagte Peter Mandelson. "Aber sie sind sich nicht absolut sicher, was für einen Wandel sie wollen. Sie sind nicht sicher, dass sie einen Wechsel zu einer konservativen Regierung wollen."

"Wir haben einfach nicht das erreicht, was wir uns erhofft haben"

Dass die Liberaldemokraten die plötzliche Beliebtheit ihres Parteichef Nick Clegg nach drei TV-Duellen nicht in Sitze umwandeln konnten, empfanden sie als niederschmetternd. "Das war eine enttäuschende Nacht", sagte Clegg. "Wir haben einfach nicht das erreicht, was wir uns erhofft haben."

Die Libdems haben angedeutet, dass sie nach der Patt-Wahl für Gespräche mit den Konservativen zur Verfügung stehen. Clegg bekräftigte am Freitag seine Position, dass die Partei mit den meisten Stimmen und den meisten Sitzen das erste Recht habe, die Regierung zu bilden. "Es sieht so aus, als seien dies die Konservativen." Die Tories müssten nun beweisen, dass sie "fähig sind, eine Regierung im nationalen Interesse zu bilden".

Nun ist der Machtpoker eröffnet: Bei einem Parlament mit unklaren Mehrheiten kommt es auf das Verhandlungsgeschick der Kandidaten an. Stimmen die Prognosen, könnte David Cameron eine Minderheitsregierung bilden. Allerdings hat Gordon Brown als Amtsinhaber das Recht, als Erster zu versuchen, eine neue Regierung zu bilden.

Führende Kabinettsmitglieder der Labour-Partei zeigten sich bereits offen für ein Bündnis mit den Liberaldemokraten - falls beide Parteien gemeinsam auf die absolute Mehrheit kommen. Als Wirtschaftsminister Peter Mandelson vom Sender Sky News darauf angesprochen wurde, sagte er: "Sie müssen nicht ganz so entsetzt klingen. Offensichtlich wären wir bereit, das zu prüfen." Auch Energieminister Ed Miliband und Innenminister Alan Johnson schlossen diese Möglichkeit nicht aus.

Dass nun erst einmal verhandelt werden muss, scheint so manchem Politiker nicht ganz geheuer zu sein. "Wenn keine Partei eine absolute Mehrheit hat, dann hat keine Partei das moralische Recht auf ein Macht-Monopoly", warnte Außenminister David Miliband von der Labour-Partei schon einmal vorsorglich. Die linksliberale Tageszeitung The Guardian erwartet dennoch ein "Tauziehen um Nr. 10". In der Downing Street Nummer 10 wohnt der britische Premier.

"Das Durcheinander geht weiter", kommentiert The Guardian am Freitagvormittag und zeigt damit auch die Aufregung der britischen Medien über das Patt und die nötig gewordenen Koalitionsverhandlungen. Normalerweise wählen die Briten am Donnerstag und haben am Freitag eine neue Regierung.

"Labour versucht sich mit Hilfe der Liberalen an die Macht zu klammern", interpretiert die Webseite der konservativen Zeitung The Daily Telegraph die Situation. Die Financial Times sieht in Gordon Browns Auftritt vom Wahlabend bereits den Anfang vom Ende des aktuellen Premierministers.

Und Nick Clegg, dem ein für die LibDems außergewöhlich gutes Wahlergebnis vorausgesagt worden war? "Er musste zusehen, wie der Rummel um seine Person genauso schnell verflog, wie sie aus dem Boden geschossen war", urteilt der Guardian mit leisem Bedauern.

Doch glaubt man Nick Robinson, dem politischen Blogger der BBC, dann könnte der einzige einsichtige Verlierer des Wahltages doch noch zum Gewinner werden: "Ironischerweise könnte Nick Clegg, der angesichts der riesigen Erwartungen der Liberaldemokraten komplett gescheitert ist, letztendlich die Rolle des Königsmachers spielen."

Großbritannien

Impressionen eines Wahlkrimis