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Vorwahlen der Republikaner:Wie sich Rick Santorum ins Abseits bowlt

Nimmt der Wahnsinn bei den Republikanern denn überhaupt kein Ende? Rick Santorum will immer noch Präsident werden und könnte auch bei der wichtigen Vorwahl in Wisconsin Favorit Mitt Romney ärgern. Dabei ist der erzkonservative Hardliner unwählbar. Viele Republikaner haben das mittlerweile gemerkt - die Ego-Maschine Santorum nicht.

Sebastian Gierke

GOP Presidential Candidate Rick Santorum Campaigns In Wisconsin

Rick Santorum wird wohl nicht für die US-Republikaner gegen Barack Obama antreten können.

(Foto: AFP)

Als Beobachter des US-Vorwahlkampfes der Grand Old Party habe ich mich in den vergangenen Wochen auf absurde Art und Weise ziemlich gut unterhalten gefühlt. Ist das die gleiche Art Unterhaltung wie beim Trash-Fernsehen? Wohliges, überlegenes Fremdschämen? Ich habe "Bauer sucht Frau" noch nie gesehen (wirklich!). Aber ich habe diesen Artikel darüber gelesen. Selbst die mit eindimensionalen Adjektiven vorgenommene Kategorisierung ähnelt sich: Der attraktive Schweinebauer hier, der erzkonservative Menschenfänger (Santorum) oder der moderate Mormone (Romney) dort.

Immer wieder habe ich mich aber vor allem bei Rick Santorum auch gefragt: Spinnt der? Nimmt der Wahnsinn in einer - zugegeben - zum Wahnsinn neigenden Partei denn überhaupt kein Ende?

Das Ende kommt. Versprochen.

Vielleicht noch nicht in den nächsten Tagen, aber wenn nicht noch ein politisches Wunder geschieht, wird Mitt Romney Präsidentschaftskandidat der Republikaner. Die nächsten Vorwahlen am Dienstag in Maryland und im District of Columbia wird Romney aller Voraussicht nach für sich entscheiden, auch in Wisconsin liegt er vorne, außerdem haben sich in den vergangenen Wochen und Tagen immer mehr Republikaner für den Ex-Gouverneur ausgesprochen.

Und selbst Santorum deutete mit Blick auf die nötigen 1144 Delegiertenstimmen für den Nominierungsparteitag - zumindest indirekt - seinen Rückzug an: "Wenn Gouverneur Romney die benötigte Zahl von Stimmen bekommt, dann werden wir, daran gibt es keinen Zweifel, zur Seite treten."

Santorum, der fest daran glaubt, dass sich Gott seine Kandidatur wünscht, hat sich in den vergangenen in den Augen vieler liberaler Amerikaner selbst zur unwählbaren Witzfigur degradiert. Viele Republikaner haben das mittlerweile erkannt. Er wird irgendwann seine Niederlage eingestehen müssen.

Doch noch ist es nicht soweit, noch fehlen Romney viele Stimmen - und das Ego-Spektakel geht weiter. Bevor er allerdings von der Bildfläche verschwindet, hier nochmal beispielhaft einige wenige Stationen des Weges, der die Denunziationsmaschine Rick Santorum in den vergangenen Jahren und Wochen ins Abseits geführt hat.

Mindestens abschreckend sind Santorums Thesen zur Homosexualität: Aus einem Interview, das er schon im Jahr 2003 der Nachrichtenagentur AP gab, wurde jetzt im Wahlkampf wieder oft zitiert, um seine Ansichten deutlich zu machen: "Nach meiner Kenntnis hat in keiner Gesellschaft jemals die Definition von Ehe auch Homosexualität beinhaltet. Das sage ich nicht, um auf Homosexualität rumzuhacken. Darum geht es nicht, wissen Sie, Männer mit Kindern, Männer mit Hunden, oder was immer es sonst gibt, es ist alles eine Sache."

Auch beim Thema Verhütung hat Santorum eine sehr dezidierte Meinung, die zwar bei einer sehr konservativen Klientel gut ankommt, in den USA allerdings nicht mehrheitsfähig ist: "Eine der Sachen, über die ich reden werde, über die noch kein Präsident zuvor geredet hat, sind, denke ich, die Gefahren der Verhütung in diesem Land", hat er im Oktober 2011 gesagt. "Viele Anhänger des christlichen Glaubens haben gesagt, nun, das ist okay, Verhütung ist okay. Es ist nicht okay. Es ist eine Lizenz, um im sexuellen Bereich Dinge zu tun, die dem völlig entgegenstehen, wie die Dinge sein sollten."

Zum Thema Bildung erklärte Santorum vor Tea-Party-Anhängern in Michigan: "Präsident Obama will, dass alle in Amerika auf ein College gehen. Was für ein Snob! Oh, ich verstehe, warum er will, dass Ihr alle aufs College geht: Er will Euch nach seinem Vorbild formen." Seine Frau Karen unterrichtet die sieben Kinder des Paares jedenfalls zu Hause.

Inhaltlich mit weniger bedeutsam, aber genauso verstörend: Der Kandidat lässt tatsächlich Anti-Obama-Grusel-Videos anfertigen. Was ein Schocker! Außerdem beschimpft er Reporter und findet nichts dabei, lässt sich dafür sogar feiern.

Selbst beim Bowling - und das kann Santorum - kommt er noch ins Straucheln. Der in den USA ungemein beliebte Sport ist eine gute Möglichkeit, sich als volksnah und bodenständig zu präsentieren. Schon einige US-Präsidentschaftsbewerber haben versucht, auf der Bowling-Bahn Wähler für sich zu gewinnen. Nicht alle mit Erfolg. Barack Obama schaffte 2008 in sieben Durchgängen nur extrem magere 37 Punkte. Hohn und Spott im ganzen Land waren ihm sicher. Dabei geht es noch schlimmer: George H.W. Bush stolperte und stürzte bei einem Wahlkampftermin hinter dem Ball die Bahn hinunter.

Rick Santorum räumte bei einem Wahlkampfauftritt in Sheboygan, Wisconsin, auf der Bowling-Bahn zwar drei Mal hintereinander ab. Doch nur wenige Tage später brachte er es sogar fertig, sich beim Bowling daneben zu benehmen: Er erklärte einem jungen Kerl, dieser solle doch bitte als Mann keinen pinken Ball benutzen. Ein Reuters-Reporter machte das über Twitter öffentlich ("Friends don't let friends use pink balls") und prompt meldete sich eine Gruppe, die für die Rechte Homosexueller kämpft - und nannte Santorum "intolerant".

Bauer sucht Frau mit Santorum?

Und dann ist da noch die Sache mit dem N-Wort. Während einer Wahlkampfrede in Janesville, Wisconsin, sagte Santorum vor einigen Tagen in Richtung Obama, dieser sein ein "anti-war, gouvernment nig..." Santorum stutzte, sprach nicht weiter, stolperte über seine eigenen Worte. Seitdem rätselt Amerika, was Santorum da eigentlich sagen wollte. Hat er sich einfach nur verhaspelt oder hätte er Obama wirklich beinahe rassistisch beleidigt? Eine solche Dummheit ist eigentlich kaum vorstellbar. Wobei: 2011 sagte er mit Blick auf Obama zum Thema Abtreibung - beispielsweise: "Ich finde es nahezu bemerkenswert für einen schwarzen Mann, zu sagen: Wir werden jetzt entscheiden, wer ein Mensch ist und wer nicht."

Doch der Wahnsinn, er hat auch in der Grand Old Party seine Grenzen. Santorum, der so tut, als wären seine Gewohnheiten die Grundregeln der Welt, hat sich mit seinen Ansichten ins Abseits manövriert. Er wird sich vielleicht noch ein paar Wochen lang zur Witzfigur machen, er kann nicht anders. Doch schon bald wird sich niemand mehr fragen müssen, wie einer wie er so lange ganz vorne mitmischen kann, im amerikanischen Politgeschäft. Und dann? Gibt es eigentlich so etwas wie "Bauer sucht Frau" in Amerika? Mit Santorum würde ich es gucken.

© Süddeutsche.de/mikö
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