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Vorgehen gegen Muslimbrüder in Ägypten:Verbot ohne Vernunft

Die Bärte in Ägypten sind ab, Islamismus ist zum Schimpfwort geworden. Nun hat die Regierung die Muslimbruderschaft auch noch verboten. Dabei war der Islamismus entzaubert, politisch besiegt. Das war eine Chance. Nun taugt er wieder für Legenden.

Für Ägyptens Agnostiker, und selbst für die Atheisten, sind dies goldene Tage. Ihre Zweifel an der Allgegenwart des Islam, ja sogar am Koran, hätten sie noch vor Kurzem vor Gericht gebracht. Heute ballen fromme Zuhörer die Faust in der Tasche und schweigen: Nur nicht als islamistischer Eiferer gelten.

Der Bart ist ab, überall. Man sieht viele frisch Rasierte. Unternehmen leugnen ihre Verbindungen zu den Religiösen, weil sie den Boykott fürchten. Kaufhäuser mit allzu frommen Eigentümern stehen leer. Islamismus ist zum Schimpfwort geworden, zum justiziablen Tatbestand. Hunderte Anhänger der Muslimbrüder wurden umgebracht, Tausende sind im Gefängnis. Ihr Hauptquartier wurde abgefackelt, das Vermögen der Anführer eingefroren. Nun wurde die Muslimbruderschaft - oder zumindest ihre registrierte Organisation - auch noch verboten. Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten, vielleicht sogar ihre Partei könnten illegal werden. Und das ist nur eines von vielen Verfahren.

Es ist nicht das erste Mal, trösten sich einige und warnen andere. Schon der König und später Gamal Abdel Nasser ließen die Muslimbrüder verbieten. Aber die Wucht und das Tempo ihrer Gegner in Armee, Regierung und Justiz legen nahe, dass es nach dem Ende der katastrophalen Präsidentschaft des Islamisten Mohammed Mursi nicht um Schwächung oder Kontrolle geht. Die älteste Organisation des politischen Islam soll zerschmettert werden.

Als wolle Ägypten einen Teil seiner selbst zerstören

Hinter den Kulissen mag über einen Kompromiss zwischen Regierung und Islamisten verhandelt werden. Auf öffentlicher Bühne aber steigern sich Armee, Intellektuelle und selbst ehemalige Wähler in einen "Kampf gegen den Terrorismus", der jederzeit ausgeweitet werden kann: gegen Aktivisten, Bürgerrechtler, Journalisten. Die Medien assistieren mit angsteinflößenden Bildern. Das Ganze trägt Züge von Selbstbestrafung - als wolle Ägypten einen Teil seiner selbst zerstören, als könne man Millionen Ägypter verdrängen, ausmerzen, wegmachen.

Natürlich geht das weder in Ägypten noch in Libyen, Syrien, Jordanien oder Tunesien. Millionen Menschen im Nahen Osten sehen ihr Heil in einem religiösen Staat. Weil sie nie die Sicherheit eines säkularen Rechtsstaats kennengelernt haben. Weil Demokratie für sie Chaos bedeutet. Weil sie in Saudi-Arabien gearbeitet haben, wo ein luxuriöser Steinzeit-Islamismus Staatsdoktrin ist. Weil die Krankenhäuser der Muslimbrüder praktizierten, wo sonst kein Arzt war. Weil es Mode ist.

Ein kleiner Teil dieser Menschen ist militant, in Ägypten womöglich bald ein größerer. Das Scheitern des demokratischen Experiments und die anschließende Verhaftungswelle werden manche radikalisieren. Die neue Verfassung soll Parteien auf religiöser Grundlage verbieten, was begrüßenswert wäre, wenn es um Ägyptens Tradition der Toleranz ginge und nicht darum, dem politischen Gegner auch diese Tür zu versperren. Der Islamismus war entzaubert, politisch besiegt. Das war eine Chance. Nun taugt er wieder für Legenden.