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Volker Kauder: Atomdebatte:Im Zentrum aller Turbulenzen

Volker Kauder war in der Union die treibende Kraft für eine drastische Verlängerung der Atomlaufzeiten. Jetzt könnte ausgerechnet Kauders politische Heimat, Baden-Württemberg, aufgrund der Atomdebatte in sich zusammenbrechen.

Stefan Braun

Rein äußerlich hat sich Volker Kauder nicht verändert. Er bleibt ein Kämpfer, daran hat sich seit seinen Uni-Tagen nichts geändert. Wenn jemand ihn oder seine CDU angreift, stellt sich der Unionsfraktionschef gerade, zieht das Jackett glatt - und verteidigt alles, was entschieden und getan wurde. Genau so auch wehrt er sich am Donnerstag in der Bild gegen den Vorwurf, die Kanzlerin fahre Zickzack. Kauders Replik: Beim Atom habe sich eben "die Wirklichkeit geändert"; und den Anwurf mangelnder Bündnistreue im Umgang mit Libyen lasse er auch nicht gelten. Viel eher hätte mancher Partner "gut daran getan, sich vorher mit der Bundesregierung abzustimmen". Wer Kauder Fehler vorwirft, hört: "Das sehe ich anders."

Klausur Unionsfraktion - Kauder

Volker Kauder war in der Union die treibende Kraft für eine drastische Verlängerung der Atomlaufzeiten.

(Foto: dpa)

Dieser Satz allerdings hat seit zwei Wochen für den 61-jährigen Christdemokraten noch eine andere, völlig unerwartete Note bekommen. Denn kaum jemanden hat der Atomunfall von Japan so in seinen politischen Überzeugungen getroffen wie den Fraktionschef. In ihm, dem Konservativen in der CDU-Spitze, bündelt sich, was in den vergangenen Monaten mit der Atompolitik der Union passiert ist. Lange glaubte er an die Kernenergie. Doch mit Fukushima wurde der Glaube zutiefst erschüttert. So tief übrigens, dass er auch mit den sogenannten Atomexperten nichts mehr zu tun haben möchte. Intern soll er schon die Losung ausgegeben haben, mit denen, die deutsche Atomkraftwerke für sicher erklärten, solle ihm niemand mehr kommen.

Kauder nämlich ist es gewesen, der - gestützt auf den Rat eben dieser Experten - einflussreiche Mitglieder der Fraktion im Sommer 2010 für eine üppige Laufzeitverlängerung mobilisiert hatte. Teils half er Mitstreitern wie Michael Fuchs, dem für Wirtschaft zuständigen Fraktionsvize; teils war er es selbst, der andere anspornte, sich in das Gefecht mit Bundesumweltminister Norbert Röttgen zu stürzen. Wären seine Pläne Wirklichkeit geworden, hätte die Regierung die Laufzeiten über das beschlossene Ausmaß hinaus verlängert. Er war eine treibende Kraft; mancher in der Unionsführung sagt sogar, er sei die mächtigste unter den treibenden Kräften gewesen.

Motive dafür gab es mehrere, vorneweg seine Überzeugung, dass so etwas wie in Tschernobyl hierzulande einfach nicht passieren könne. Ähnlich wichtig war Kauders gewachsener Ärger über Röttgen, der 2009 selbst gern Fraktionschef geworden wäre. Und dann passte der Kurs auch noch in die allgemeine Stimmung, brauchte die schwarz-gelbe Koalition im Sommer 2010 doch dringend ein identitätsstiftendes Thema.Auch dazu diente die Laufzeitverlängerung, die jetzt politisch so weh tut.

Dabei würde Kauder selbst von "weh tun" natürlich nicht reden, öffentlich schon gar nicht. Öffentlich sagt er, man möge sich doch bitte daran erinnern, dass im Zuge der Laufzeitverlängerung immer von der Brückentechnologie und vom Ausstieg gesprochen worden sei. "Das ist nicht so dahergeredet gewesen." Doch trotz des Hinweises - wer genau zuhört, spürt, wie sehr das Unglück von Japan und die damit verbundene Botschaft gerade ihn verändert. Er sagt, er habe sich so was in einem Hochtechnologieland nicht vorstellen können. Das verändere das Leben und damit auch die Lage "umfassend". Wie sehr das Kauder getroffen hat, berichten Mitstreiter, die ihn täglich erleben. "Der Schock sitzt tief", sagt einer von denen, "er hat aufgehört, den Versicherungen der Betreiber und der Experten Glauben zu schenken." Zeiten der Desillusionierung eben.

Kauder hat also viel zu verdauen. Und dabei könnte es sein, dass das noch nicht alles ist, was auf ihn zukommt. Denn die Atomdebatte könnte auch an anderer Stelle seine Welt auf den Kopf stellen. Sollte die CDU in Baden-Württemberg tatsächlich stürzen, dann bricht da auch Kauders politische Heimat in sich zusammen. Dort ist er groß geworden, dort ist er 14 Jahre lang Generalsekretär gewesen. Er hat dort gerungen und gerackert, damit die CDU an der Macht bleiben konnte. Jetzt könnte ausgerechnet das Thema Atom das alles beenden.

© SZ vom 25.03.2011/segi

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