Vizekanzler Sigmar Gabriel - als wäre er noch Vorsitzender

Mediale Dauerpräsenz: Sigmar Gabriel geißelt seine SPD in Zeitschriftenartikeln, kreist im Hubschrauber über Kabul und lässt keine Möglichkeit aus, sich öffentlich zu äußern.

(Foto: dpa)

Kaum ein Politiker ist derzeit in den Medien so präsent wie der Vizekanzler und geschäftsführende Außenminister - fast so, als wäre er noch Parteichef. Doch seine Zukunft hängt von Martin Schulz ab.

Von Nico Fried, Berlin

Sigmar Gabriel tippt mit zehn Fingern. So kann er schnell schreiben. Gabriel hat das noch in der Schule gelernt, auf einer Kugelkopfschreibmaschine. Während seiner Studentenzeit jobbte er als Nachtportier und formulierte in einsamen Stunden Seminararbeiten und politische Traktate. Letztere verfasst er bis heute - mit dem Unterschied, dass er sie nicht mehr selbst kopieren und verbreiten muss.

Seit dem Herbst 2015 hat Gabriel allein im Spiegel fünf Gastbeiträge veröffentlicht. Für Spiegel Online kamen noch drei dazu. Wohl kein anderer Politiker ist so ein fleißiger Mitarbeiter des Nachrichtenmagazins, womöglich hat der SPD-Mann sogar mehr Texte im Blatt als mancher Redakteur. Für einen wie Gabriel, der zu Journalisten ein, gelinde gesagt, ambivalentes Verhältnis hat, ist der Gastbeitrag gerade im Vergleich zum Interview auch eine besonders angenehme Form: Niemand quatscht ihm dazwischen.

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Mitte Dezember schrieb Gabriel zwei Seiten voll, in denen er die SPD für Fehler geißelte, die er als früherer Parteichef teilweise mit zu verantworten hatte. Der Text erregte Aufsehen, rief Kritik hervor, aber auch Zustimmung. Damit hätte sich Gabriel in die Weihnachtsferien verabschieden können. Doch das Gegenteil geschah: Der Essay war kein Schlusspunkt, sondern der Auftakt einer medialen Dauerpräsenz, die Gabriel seit Tagen fast zum politischen Alleinunterhalter macht.

Gabriel treibt auch die Sorge um, die SPD könnte in der Opposition zerrieben werden

Gabriel war letztlich immer dafür, erneut eine große Koalition anzustreben. Natürlich denkt er dabei auch an sich. Regieren macht ihm Spaß und das Außenministerium ganz besonders. Er kenne "keinen Minister, der nicht gerne Minister bleiben möchte", hat er jüngst in kleiner Runde gesagt. Man sei doch überzeugt von der eigenen Arbeit. Gabriel treibt aber auch die Sorge um, die SPD könnte in der Opposition zwischen Linken und AfD zerrieben werden. Und in einer Minderheitsregierung von Angela Merkel säße die SPD endgültig zwischen allen Stühlen.

Seine Ein-Mann-Show dient deshalb auch dazu, in der verzagten SPD neue Lust am Regieren zu wecken. Manche seiner Auftritte und Reisen gehören zwar zum üblichen Geschäft eines Außenministers. Doch Gabriel, der nach der Schlappe der SPD bei der Bundestagswahl damit rechnen musste, die längste Zeit Minister gewesen zu sein, nutzt die überraschende Fristverlängerung durch die schleppende Koalitionsbildung wie kein zweiter geschäftsführender SPD-Ressortchef, um seiner Partei zu demonstrieren, welche Möglichkeiten ein Ministeramt bietet.

Gabriel flog zum Weihnachtsbesuch nach Afghanistan, einen Tag nach Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, aber dafür inklusive Termin beim Staatspräsidenten in Kabul und bildstarkem Fernsehinterview im Hubschrauber. Gabriel äußerte sich zu den Freilassungen deutscher Staatsbürger aus türkischer Untersuchungshaft, die er nicht zuletzt als Erfolg seiner diplomatischen Bemühungen betrachten kann.

Am 22. Dezember brachte es Gabriel dann sogar fertig, erst im Bericht des ZDF-"Heute-Journals" über einen Überraschungsbesuch bei einer Berliner Initiative gegen Antisemitismus aufzutreten - und kurz darauf in den ARD-"Tagesthemen' mit einem Statement, in dem er die Entscheidung seines Ministeriums begründete, nicht mehr gegen ein Urteil vorzugehen, das einem 16-jährigen, offenbar traumatisierten Flüchtling den Nachzug seiner Familie gestattet.

Schulz müsste entscheiden, ob Gabriel Minister bleibt - ihr Verhältnis gilt als angeschlagen

Kurz vor Weihnachten gab Gabriel auch noch zwei Interviews, die seit Tagen in Form von Agenturmeldungen in die Nachrichtenlandschaft sickern. Das eine führte er mit der Funke-Mediengruppe. Darin sprach er über die Türkei und die europäischen Reformvorhaben des französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Er forderte, der Bund solle Kommunen nicht nur die Integrationskosten für Flüchtlinge erstatten, sondern denselben Betrag noch mal obendrauf legen, "für ihre Bürger".

Ein zweites Gespräch mit der Bild-Zeitung handelte vom transatlantischen Verhältnis und von Gabriels Sicht auf die Welt insgesamt, aber auch vom Unterschied zwischen gesetzlich und privat versicherten Patienten im deutschen Gesundheitssystem. Es gibt kein Thema, zu dem Gabriel derzeit nichts zu sagen wüsste, und schon gar keines, bei dem er mangels Zuständigkeit einfach mal die Klappe halten würde: Alles muss raus. Gerade so, als wäre er noch SPD-Vorsitzender.

Das aber ist noch immer Martin Schulz. Der war zuletzt vor allem dabei zu sehen, wie er eher wortkarg zu Treffen mit Angela Merkel und Horst Seehofer kam und irgendwann wieder ging. Schulz muss bei der Union ein Angebot für eine große Koalition herausholen, das die SPD nicht abschlagen kann. Er muss das schaffen, was Gabriel als Parteichef 2013 gelungen ist - nur dass der Weg diesmal weiter und die Stimmung in der Partei mieser ist. Wenn Schulz trotzdem Erfolg hat, entscheidet er, ob Gabriel wieder Minister wird. Das Verhältnis der beiden gilt als angeschlagen. Aber natürlich hat sich Gabriel zuletzt auch dazu geäußert: Schulz sei "ein großartiger Mensch und Politiker - mit viel Herzblut und großem Engagement".

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