Vergewaltigung in Indien:"Rückfall ins Mittelalter"

Vergewaltigung in Indien: An diesem Baum soll sich das Verbrechen ereignet haben

An diesem Baum soll sich das Verbrechen ereignet haben

(Foto: AP)

Grausame Morde an zwei Mädchen schockieren Indien. Jetzt erhebt der Vater der Opfer schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Sie soll sich wegen seiner Kaste geweigert haben zu ermitteln.

Von Tobias Matern

Wenn in Indien eine Frau vergewaltigt wurde, berichteten Zeitungen früher kurz auf einer hinteren Seite über die Verbrechen. Zumindest bis zum Dezember 2012 war das so, als sechs Männer eine Studentin in Delhi brutal misshandelten und sie später an ihren Verletzungen starb. Wie nie zuvor protestierte die indische Mittelschicht anschließend, schließlich war das Opfer eine der Ihren. Das Schicksal der jungen Frau berührte das Land, die Täter wurden in einem beschleunigten Verfahren zum Tode verurteilt.

In der vergangenen Woche hat sich im Bundesstaat Uttar Pradesh ein "Rückfall ins Mittelalter" ereignet, wie es die Times of India nennt. Mehrere Männer haben in einem entlegenen Dorf im Distrikt Badaun zwei Cousinen vergewaltigt, die Angaben über das Alter der Mädchen gehen auseinander, sie sollen 14 und 15 Jahre alt gewesen sein. Nach der Vergewaltigung hängten die Täter sie bei lebendigem Leib an einem Mangobaum auf.

Die Mädchen starben, aber der Skandal ist nicht ausschließlich die Gräueltat: Denn als ihre Familien sie vermisst melden wollten, reagierte die Polizei darauf zunächst nicht. Erst als die Leichen an den Bäumen gefunden wurden, begannen die Ermittlungen. Der Vater eines Mädchens berichtete voller Verzweiflung, wie herablassend er auf der Wache behandelt worden sei. "Warum werde ich nach meiner Kaste gefragt, wenn ich zur Polizei gehe - bin ich denn kein Bürger", fragte er nach Angaben des Senders NDTV. Die Familie gehört zu den Dalits, die früher abwertend "Unberührbare" genannt wurden und in Indien noch immer am unteren Ende der gesellschaftlichen Hierarchie stehen. Offiziell ist das Kastenwesen zwar abgeschafft, im Alltag spielt es aber nach wie vor eine große Rolle.

Wutwelle in den Städten

Drei mutmaßliche Täter sind inzwischen verhaftet worden, sie hielten aber noch Details zurück und hätten angedeutet, dass es weitere Beteiligte gegeben habe, hieß es. Auch zwei Polizisten sollen sich in Gewahrsam der Behörden befinden. Die Familie der Opfer verlangt, dass die Bundespolizei (CBI) die Ermittlungen leitet - schließlich sei ihr Vertrauen in die örtliche Polizei zerstört. Der Ministerpräsident von Uttar Pradesh, Akhilesh Yadav, will die Forderung unterstützen. Auch kündigte er an, die Familien der Opfer sollten ein Schmerzensgeld in Höhe von 500 000 Rupien erhalten (etwa 6200 Euro). Ein Vater der Mädchen wies das Angebot aber umgehend zurück. "Ich brauche kein Schmerzensgeld, ich möchte Gerechtigkeit für meine Tochter erfahren" , sagte er.

Hat sich in Indien also für Frauen nichts verändert seit die Massenvergewaltigung und der Tod der Studentin im Jahr 2012 das Land in Aufruhr versetzten? Belästigungen und Verbrechen gegen Frauen erfahren zumindest mehr Aufmerksamkeit in den Medien, auch wurden einige Gesetze reformiert. Doch man müsse zwischen den urbanen Zentren und dem Hinterland unterscheiden, sagt Pranay Sharma, der Auslandschef des Nachrichtenmagazins Outlook. Damals habe eine Wutwelle das Land erfasst - allerdings nur in den großen Städten. Seither werde im Fernsehen und in sozialen Netzwerken deutlich mehr über diese Verbrechen berichtet. Auch trauten sich die Opfer nun eher, die Taten zur Anzeige zu bringen.

Doch für Dalits und andere niedrige Kasten gelte dies nur eingeschränkt. "Ich bin mir nicht sicher, ob das Land jetzt ähnlich reagieren würde, wenn die Mädchen nicht erhängt worden wären", sagt Sharma über das aktuelle Verbrechen. Es sei der grausame Mordhergang, der Aufmerksamkeit errege. "Leider wäre es sonst wohl nur als ein Vorfall unter vielen wahrgenommen worden", sagt Sharma.

© SZ vom 02.06.2014/chrb
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