bedeckt München

Venezuela:Koryphäe im Kochtopf

Warum der Tod eines Rennpferdes Empörung auslöst.

Von Christoph Gurk

Ocean Bay war geboren, um ein Sieger zu sein. Der hellbraune Hengst wurde schon als Fohlen als Star gehandelt, später gewann er dann die wichtigsten Rennen in seiner Heimat Venezuela. Nun, im Ruhestand, sollte er sein Talent noch als Deckhengst vererben. Doch so glanzvoll Ocean Bays Leben lange war, so tragisch endete es vermutlich: in einem Kochtopf.

Etwas mehr als eine Woche ist vergangen, seit ein Angestellter des Gestüts Alegría, etwa 130 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Caracas, an einem Montagmorgen die leere Box des Hengstes fand. Wer Ocean Bay entführt hat, ist bis heute nicht geklärt. Sicher ist nur, dass der Champion nicht mehr lebt. Ein paar Stunden nach seinem Verschwinden fand man den abgehackten Kopf des Pferdes mit der charakteristischen, diamantförmigen weißen Stelle auf der Stirn, dazu noch sein Skelett. Mehr war nicht mehr übrig. Den Dieben ging es nicht um das Renntalent des Hengstes, sondern um sein Fleisch. Der Hunger, er macht in Venezuela auch vor dessen Helden nicht halt.

Der einst so reiche Karibikstaat steckt seit mehr als einem halben Jahrzehnt in einer schweren Krise. In der Politik tobt ein Machtkampf zwischen Regierung und Opposition. Kritiker werden unterdrückt, vergangenes Jahr legte ein Bericht der Vereinten Nationen schwere Menschenrechtsverbrechen offen. Dazu ist die Wirtschaft kollabiert, schuld sei das Wirtschaftsembargo der USA, sagt Präsident Nicolás Maduro. Andere machen dagegen Korruption und Missmanagement verantwortlich für die Misere.

Die Inflation jedenfalls ist die höchste der Welt, die Ölproduktion ist eingebrochen, Fabriken stehen still, Felder liegen brach. Fünf Millionen Venezolaner sind bereits geflohen, und denen, die geblieben sind, fehlt es an allem: Strom, Wasser, Medikamenten, Benzin und eben auch an Essen.

Der Hunger ist so groß, dass Wilderer zunehmend Jagd machen auf Delfine, Wildesel oder Schildkröten. Und schon in den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Viehdiebstählen: Kühe und Pferde verschwanden aus einer tierärztlichen Fakultät. Schafe und Ziegen wurden aus Streichelzoos geklaut, und im Tierpark von Maracaibo zerlegten die Täter einen Büffel noch vor Ort. Dazu nahmen sie auch gleich noch Tapire und Nabelschweine mit. Nun hat das Coronavirus die Situation noch einmal verschärft. Die Vereinten Nationen warnen sogar vor einer Hungersnot. So werden auch Pferde immer häufiger zur Beute. Ein paar Monate bevor Ocean Bay verschwand, waren von dem gleichen Gestüt schon einmal ein halbes Dutzend Pferde gestohlen worden, darunter auch die Mutter des berühmten Hengstes. Im ganzen Land seien ihm mehrere Hundert Fälle von Diebstählen auf Gestüten bekannt, sagt Christian Hurtado, der Besitzer von Ocean Bay.

Wegen der Berühmtheit des Rennpferdes löste sein Tod einen Aufschrei der Empörung aus. Polizei und Staatsanwaltschaft haben Untersuchungen eingeleitet. Die Diebe, glauben Ermittler, könnten aus einer kriminellen Bande stammen. Sie hätten Ocean Bay am Ende vielleicht gar nicht selbst gegessen, sondern sein Fleisch vermutlich verkauft - getarnt als Rindfleisch. Geboren als Sieger, geendet als Steak.

© SZ vom 23.06.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema