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Venezuela:Die Rollfelder leeren sich

People congregate in front of counters of Avianca airline at the Simon Bolivar airport in Caracas

Die kolumbianische Avancia - hier ein Schalter am Simón-Bolívar-Flughafen in Caracas - hat sich Ende Juli zurückgezogen, nach mehr als 60 Jahren.

(Foto: Marco Bello/Reuters)

Viele internationale Fluglinien meiden das Land - wegen der politischen Krise und der Gewalt, aber auch wegen kaputter Landebahnen.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Venezuelas Staatspräsident Nicolás Maduro, immer für eine Überraschung gut, möchte sich gerne mit seinem Kollegen Donald Trump unterhalten. "Hier ist meine Hand", sagte er am Donnerstag in einer Rede in Caracas. Gesprächsbedarf gäbe es genug, nachdem die beiden in den vergangenen Tagen allerlei öffentlich Unfreundlichkeiten ausgetauscht hatten. "De-facto-Diktator" hieß es von der einen, "Mr. Imperator" von der anderen Seite. Ob solch ein Treffen tatsächlich zustande kommt, darf man bezweifeln. Theoretisch wäre es aber immerhin möglich, die Begegnung relativ unkompliziert zu organisieren. Weder Maduro noch Trump ist auf Linienflüge angewiesen.

Wer das Terminal verlässt, begibt sich in Lebensgefahr - Überfälle gehören zum Alltag

Normalsterbliche haben inzwischen deutlich größere Schwierigkeiten, von Venezuela in die Vereinigten Staaten zu reisen oder umgekehrt. Die US-amerikanische Fluggesellschaft United Airlines hat im Juli alle Verbindungen nach Caracas eingestellt, auch Delta kündigte an, Venezuela nicht mehr anzufliegen. Direktverbindungen zwischen den beiden Ländern werden derzeit nur noch von American Airlines angeboten, zweimal pro Tag von Miami aus. Alle anderen Flüge wurden ebenfalls gestrichen.

Venezuela versinkt gerade in der Isolation, nicht nur politisch, sondern ganz konkret. Nirgendwo ist das besser zu beobachten als am internationalen Flughafen "Simon Bolívar" von Maiquetía, knapp 15 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Caracas. In den Duty-Free-Shops langweilen sich die Verkäuferinnen, an den Kofferbändern geht es zu wie in einer militärischen Besatzungszone. Geisterhaft ist die Stimmung, mitunter auch mörderisch: Am Dienstag wurde ein Reisender an einem Ticketschalter erschossen, bei dem Opfer handelte es sich offenbar um einen Anwalt aus der Dominikanischen Republik. Und wer das Terminal verlässt, begibt sich erst recht in Lebensgefahr. Die steile Landstraße vom Küstenort Maiquetía hinauf nach Caracas ist berüchtigt für ihre Raubüberfälle. Auch ein Bus, der Crew-Mitglieder einer kolumbianischen Avianca-Maschine zum Hotel brachte, soll dort schon beschossen worden sein. Muss man sich da noch wundern über den Exodus der Airlines?

Avianca zog sich Ende Juli aus Venezuela zurück, nach mehr als 60 Jahren. In dieser Woche strich Aerolineas Argentinas die letzte Verbindung aus Buenos Aires nach Caracas. Auch vom eigenen Sub-Kontinent ist Venezuela damit weitgehend abgeschnitten. Flugreisende aus anderen Ländern Südamerikas kommen praktisch nur noch über das zentralamerikanische Panama ins Land, beziehungsweise hinaus. Der Tourismus, einstmals ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, ist ohnehin komplett zusammengebrochen.

Gut ein Dutzend Airlines aus der Region und aus aller Welt haben ihre Flüge nach Caracas inzwischen komplett gecancelt oder drastisch reduziert. In einer ersten Welle hatten bereits im vergangenen Jahr mehrere große Fluggesellschaften den Betrieb eingestellt, darunter die Lufthansa, Alitalia und die brasilianische Gol. Ein Lufthansa-Sprecher begründete diesen Schritt mit der "schwierigen wirtschaftlichen Lage" sowie mit dem Wechselkurs-System. Ein großes Problem der Airlines war schon damals, dass sie ihre lokalen Währungsbestände im grotesk überbewerteten Bolivar fuerte nicht mehr in Devisen konvertieren und außer Landes bringen konnten.

Die Fluglinien, die Caracas trotzdem noch angesteuert haben und jetzt aufgeben, führen vor allem Sicherheitsbedenken an. Neben dem allgemeinen Chaos, den Schüssen, den Überfällen und dem ständig verschwindenden Gepäck geht es dabei offenbar auch um die Flugsicherheit selbst. Der Sicherheits-Chef der kolumbianischen Pilotenvereinigung sagte der Agentur Bloomberg: "Alle Teile der Infrastruktur des Flughafens werden zunehmend vernachlässigt." Er klagte auch über eine mangelhafte Wartung der Landebahn sowie über kontaminierten Treibstoff beim Auftanken in Caracas.

Die panamaische Copa, eine der letzten Airlines, die Venezuela noch ansteuert, dementierte in dieser Woche Gerüchte, wonach auch sie aufgeben wolle. Diese "logistischen Herausforderung" stehe aber ständig auf dem Prüfstand, hieß es aus Panama.

© SZ vom 12.08.2017
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