USA: Neuer Stabschef William Daley:Manager der Mächtigen

Lesezeit: 3 min

Ein millionenschwerer Manager wird Barack Obamas neuer Stabschef im Weißen Haus: William Daley gilt den Liberalen als Inbegriff des Establishments, "verstörend" sei dessen Berufung. Der Präsident überhört es - er orientiert sich an einem erfolgreichen Vorbild.

Michael König

William Daley verschlechtert sich: Sein Gehalt sinkt von kolportierten drei bis fünf Millionen auf 170.000 Dollar im Jahr. Aber was bedeutet schon Geld, wenn man mehr Macht bekommen kann? Hier verbessert sich William Daley: Der derzeitige Manager der Großbank JP Morgen Chase wird neuer Stabschef im Weißen Haus. Er entscheidet zukünftig, was auf dem Schreibtisch von Präsident Barack Obama landet. Er verwaltet dessen Kalender und ist einer der wichtigsten Berater. Der Stabschef gilt vielen als zweitmächtigster Mann im Weißen Haus. Er ist der Manager des Präsidenten.

Barack Obama, William Daley

US-Präsident Barack Obama (rechts) bei der Vorstellung William Daleys im Weißen Haus: Der Manager einer Großbank wird neuer Stabschef.

(Foto: AP)

Für Daley ist das ein großer Schritt auf der Karriereleiter - aber wahrlich nicht der erste. Für Obama ist es ein Schritt in Richtung politischer Mitte und womöglich eine Annäherung an die Republikaner, die ihm im Repräsentantenhaus die Mehrheit abgenommen haben. Die Kommentatoren der amerikanischen Presse sind größtenteils der Meinung, Obama handle klug und reiche der Wirtschaft die Hand. Dem linken Flügel geht das gegen den Strich.

Frühe Kontakte zu Clinton

In ihren Augen ist Daley das personifizierte politische Establishment - und, noch schlimmer: Auch der Inbegriff eines Wirtschaftslobbyisten. Beides ist schwer von der Hand zu weisen: Der 62 Jahre alte Jurist springt seit den späten siebziger Jahren munter zwischen Geschäftswelt und Politik hin und her, von einer Top-Position zur anderen, immer in Kontakt mit der Clique der Mächtigen.

Der Sohn des langjährigen Chicagoer Bürgermeisters Richard Daley wird nach seinem Jura-Studium 1976 Berater von Präsident Jimmy Carter. Für den amtierenden Vizepräsidenten Joe Biden organisiert er 1987 den Wahlkampf - Biden kandidiert als Präsidentschaftskandidat, zieht seine Bewerbung jedoch zurück. Daley schadet das nicht, im Gegenteil.

Früh knüpft er Kontakte zu Bill Clinton, für den er 1993 als Sonderberater das nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta durchboxt - gegen viele Widerstände. Zum Dank macht Präsident Clinton ihn 1997 zum Handelsminister der USA. Er bleibt bis 2000 auf diesem Posten und leitet anschließend die Präsidentschaftskampagne von Al Gore, der George W. Bush knapp unterliegt.

"Ein echter Fehler"

Die politische Karriere Daleys verläuft nicht stringent, immer wieder wechselt er in die Wirtschaft: Etwa als Präsident des Telekommunikationsunternehmen SBC oder der Amalgamated Bank of Chicago. 2004 heuert Daley bei JPMorgen Chase an und wird Verantwortlicher für die Geschäfte im Mittleren Westen der USA. Beim Rüstungshersteller Boeing und dem Pharmakonzern Merck & Co. sitzt er im Verwaltungsrat.

Den Liberalen ist Daley damit nur schwer zu vermitteln. Justin Ruben von der Kampagnengruppe MoveOn.org kritisierte die Wahl scharf: "Während die Wall Street Rekordprofite meldet und die amerikanische Mittelschicht weiter mit einer tiefen Rezession kämpft, ist diese Ankündigung verstörend und sendet das falsche Signal an das amerikanische Volk." Auch das Progressive Chance Campaign Committee reagierte ablehnend: Die Wahl Daley sei ein "echter Fehler" und werde bei der Wahl 2012 zu einem "desaströsen Ergebnis" der Demokraten führen, sagte Mitgründer Adam Green.

Verdacht auf Kumpanei

Obama ist offenbar anderer Meinung. Bei der Vorstellung Daleys im Weißen Haus rühmte er dessen Routine und zitierte gar aus dem Lebenslauf Daleys. Wenige Amerikaner könnten eine derartige Erfahrung vorweisen, schwärmte Obama. Er sei überzeugt, dass Daley helfen werde, die Wirtschaft anzukurbeln und Amerika voranzubringen. Die US-Handelskammer applaudierte prompt: Daley verfüge über "außergewöhnliche Erfahrung", sagte der Vorsitzende Thomas Donohue. Er war zuvor nicht mit allzu positiven Bemerkungen über Obama aufgefallen.

Dass sich der Präsident für den wirtschaftsnahen Daley entschieden hat, schlägt in Washington Wellen - ganz überraschend kam die Personalentscheidung aber nicht. Obamas bisheriger Stabschef Rahm Emanuel verabschiedet sich aus dem Weißen Haus nach Chicago, wo er Oberbürgermeister werden möchte. Dass Obama nun Daley zum neuen Stabschef beruft, sehen viele Kommentatoren als Pflege des Chicagoer Establishments. Schließlich hat Präsident Obama selbst lange in der Stadt an den Großen Seen gelebt und startete dort seine politische Karriere.

Zurück auf Null

Kritiker sprechen nun von Kumpanei - dabei ist Daley offenbar kein enger Freund des Präsidenten. "Obwohl sich beide seit langem kennen, besteht keine besondere Beziehung zwischen den beiden", schreibt die Washington Post. Daley sei ein ganz anderer Typ als die übrigen Berater Obamas, die derzeit nach und nach ausgetauscht werden. Er bringe deshalb die Fähigkeit mit, die bisherige Präsidentschaft neutral zu bewerten. Und er sei mehr als alle anderen in der Lage, mit den erstarkten Republikanern fertig zu werden - so wie einst unter Bill Clinton.

Dass sich Obama stärker an dem einstigen Präsidenten (1993 bis 2001) orientieren will, wird immer offensichtlicher. Auch bei der Wahl des Nachfolgers von Lawrence Summers als Chef des im Weißen Haus angesiedelten Nationalen Wirtschaftsrates (National Economic Council) setzt Obama auf einen Veteranen aus der Clinton-Zeit: Gene Sperling, den er voraussichtlich am Freitag auf den Posten setzen wird, hatte dieses Amt bereits damals inne.

Auch Clinton sah sich nach einem Jahr im Amt einer republikanischen Mehrheit im Kongress ausgesetzt - und schaffte dennoch die Wiederwahl, weil er Kompromisse einging. Im Hinblick auf die Wahl 2012 fahre Obama nun einen ähnlichen Kurs, analysiert die New York Times: "Anstatt den Republikanern und der Wirtschaft den Krieg zu erklären, beabsichtigt Mister Obama, die Beziehung zu beiden auf Null zu stellen."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB