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Urwahlforum der Grünen:Die Amateure sorgen für grüne Folklore

Grüne Ideen haben die Neulinge mitgebracht. Aber wie man grüne Politik macht, wie man in der Politik auftritt und die Basis bearbeitet, darin erteilen ihnen die Veteranen im Lauf des Abends eine Lehrstunde. Einige Lektionen können sie mit nach Hause nehmen.

Lektion eins: Der erste Satz einer Rede muss knallen. Trittin macht es vor: "Ich bin der Darth Vader aus der heute show, bei der CSU nennen sie mich Öko-Terrorist, aber eigentlich bin ich nur der Jürgen." Das sitzt. Der Fraktionschef wird seinem Favoritenstatus gerecht. Er hält an diesem Abend die beste Rede.

Lektion zwei: Griffige Attacken auf den politischen Gegner, die Medien leicht aufgreifen können. "Drosselbart" nennt Claudia Roth den Umweltminister Peter Altmaier, weil der die Energiewende drossele. Sie wiederum könnte von Trittin lernen, wie man das noch einen Tick schärfer hinkriegt: Bei ihm wird Angela Merkel zur "Gurkenkönigin" (weil ihre Minister "Gurken" seien), Altmaier zum "Airbag" (warum auch immer). Roth profiliert sich inhaltlich mit ihrem Lieblingsthema Menschenrechte: Keine Panzerlieferungen nach Saudi-Arabien, mehr Rechte für Flüchtlinge. Man merkt ihr bei jeder Antwort an, dass sie sehr gerne sehr viel länger reden würde.

Lektion drei: Erfahrung und Status demonstrieren, am besten durch Namedropping. So nennen Amerikaner die beiläufige Erwähnung bekannter Persönlichkeiten, mit denen man Kontakt hatte. Göring-Eckardt weiß, wie es geht: Sie habe ja letzthin den Benedikt XVI. getroffen, erzählt sie - und ihm in Sachen Homo-Rechte mal ihre Meinung gesagt. Dafür gibt es Applaus. Ansonsten unterscheidet sich ihr Programm kaum von dem Renate Künasts.

Die leistet sich einen Schnitzer. Nach ihrer verlorenen Berlin-Wahl steht Künast unter besonderer Beobachtung. Als sie über die Brutalität der Tiermast sprechen will, beginnt sie einen Satz mit: "Hier in Nordrhein-Westfalen ...". Das niedersächsische Publikum stöhnt auf.

Doch Künast punktet kurz darauf, indem sie Lektion vier beachtet: Gib dem Affen Zucker. Auf die Publikumsfrage, ob sie denn tatsächlich gegen ein "Recht auf Rausch" sei, wie sie einmal in einem Interview behauptet hat, beweist sie ihre Expertise in der Sachen Drogen: "Ich hab ja früher auch geraucht und andere Sachen. Da hab ich bunte Drachen gesehen." So holt man sich grünen Applaus. Um sich nicht zu vergaloppieren, weist sie dann aber noch auf die Zerstörungskraft des internationalen Drogenhandels hin.

Die Grünen im Saal hören auch den chancenlosen Kandidaten konzentriert zu. Trittin, Künast und Roth nehmen den Termin ernst. "Das ist wohl unser Demokratieverständnis, dass auch die Erfahrenen Respekt vor der Basis haben", sagt die niedersächsische Landesvorsitzende Anja Piel. Das sollte sie mal Volker Beck erzählen. Der Parlamentarische Geschäftsführer hatte im Vorfeld des Forums im NDR gesagt, die elf Mitbewerber müsse man nicht ernst nehmen. In der Urwahl sähen manche Leute die Möglichkeit, "mal mitzureden" und "vielleicht ein bisschen bekannt oder berühmt zu werden".

Auch Franz Spitzenberger redet mit. Der Speditionskaufmann ist in einer Fahrgemeinschaft mit Werner Winkler aus Schwaben gekommen. Spitzenberger gibt nicht nur den Romney - er wirbt mit seiner Managementerfahrung - er hält auch der Partei den Spiegel vor: "Wir werden immer noch als Protestpartei wahrgenommen."

Mit dem gleichen Personal, das seit Jahren die Partei präge, könnten die Grünen jenseits der Stammwähler keine Stimmen hinzugewinnen. Er fordert den Saal zur Revolution auf: "Lasst uns die Erneuerung der Partei beginnen." Tatsächlich ist die Frage, warum niemand aus dem grünen Mittelbau der um die 40-Jährigen in gehobenen Positionen kandidiert. Ob der 64-jährige Spitzenberger im richtigen Alter ist, um den Neuanfang loszutreten?

Die Profis machen Politik, die Amateure sorgen für grüne Folklore. Doch so ganz ungefährlich ist diese Basisdemokratie zumindest für Trittin nicht. Sollte etwa Winkler mit seiner idealistischen Art oder der junge Patrick Held mit seinem rhetorischen Talent aus Sympathie mehr Stimmen als erwartet sammeln, könnte der Fraktionschef auf dem dritten Platz hinter zwei Frauen landen. Denn das grüne Verfahren diskriminiert nur in eine Richtung: Zwei Männer an der Spitze sind nicht möglich, zwei Frauen dagegen schon. Wenn die Außenseiter sich an die Lektionen der Parteielite halten, können sie Trittin vielleicht noch richtig ärgern.

© Süddeutsche.de/fran, luk
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