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Unruhen in Libyen:Das Land steht an einem Scheideweg

In seinem Fernsehauftritt betonte Gaddafi junior, sein Vater sei guten Mutes und führe das Kommando. Die Armee stehe auf seiner Seite, obgleich einige ihrer Einrichtungen sowie Panzer und andere Waffen in die Hände der Aufständischen gefallen seien. Gleichwohl versuchte Saif al-Islam, sich als neue Kraft in Szene zu setzen, indem er schon für die kommenden Tage tiefgreifende Reformen ankündigte. Eine Reihe von Strafgesetzen und die Regelungen, denen die Medien unterworfen seien, sollten geändert werden. Die Diskussion über eine Verfassung - die Saif schon seit Jahren vergeblich forderte - könne nun beginnen.

"Ich spreche zu euch zum letzten Mal, bevor die Waffen sprechen", sagte Gaddafi junior, denn Libyen stehe an einem Scheideweg. Die wahre Zahl der Opfer der Unruhen gab er mit 84 an. "Entweder wir einigen uns heute auf Reformen, oder wir werden nicht nur sie beweinen, sondern Tausende. Ströme des Blutes werden dann in ganz Libyen fließen." Hinter den Unruhen stünden nicht allein Libyer, sondern auch ausländische Elemente. Sie wollten die Einheit des Landes zerstören und "eine islamische Republik errichten". Das abgenutzte Argument, das Regime sei der einzige Schutzwall gegen den Islamismus, dürfte allerdings selbst in Libyen niemand mehr überzeugen.

Auch Premierminister Al-Baghdadi Ali al-Mahmudi betonte, Libyen habe das Recht, alle Mittel einzusetzen, um die Einheit des Landes zu wahren. Die Rebellen wiederum werfen Gaddafi vor, er benutze afrikanische Söldner, um den Aufstand niederzuschlagen.

Libyens Vertreter bei der Arabischen Liga, Abdel-Moneim el Honi, hat seinen Posten niedergelegt. Er protestiere mit seinem Schritt gegen die von der Regierung angewendete Gewalt und erklärte, er schließe sich "der Revolution" an. Auch Justizminister Mustafa Mohamed Abud Al Jeleil soll aus diesem Grund seinen Rücktritt erklärt haben, ebenso ein Angehöriger der libyschen Botschaft in Peking, Hussein Sadik al-Musrati. Dieser forderte alle libyschen Diplomaten auf, es ihm gleichzutun. Nach seinen Informationen soll Gaddafi bereits das Land verlassen haben, nachdem seine Söhne dem Revolutionsführer mit der Waffe entgegengetreten seien.

Über die Vorgänge in Libyen ist vor allem die britische Öffentlichkeit bestürzt. Denn Gaddafis Armee ist zum großen Teil britisch ausgerüstet, und der ehemalige Premierminister Tony Blair trug wesentlich dazu bei, Gaddafi den Weg aus internationaler Ächtung zurück in die internationale Gemeinschaft zu ebnen. Ausländische Missbilligung dürfte heute den Revolutionsführer weit weniger beeindrucken als gestern die Präsidenten Tunesiens und Ägyptens. Er ist es gewöhnt, ein Paria zu sein.

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