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Unruhen in Libyen:"Gaddafi, du bist kein Bruder mehr"

In Libyen eskaliert die Gewalt. Einflussreiche Stämme revoltieren gegen den Machthaber. Das Parlamentsgebäude brennt nieder. Dutzende Menschen sterben - und Gaddafis Sohn droht mit weiterer Gewalt.

Rudolph Chimelli, Tunis

In Libyen hat sich der Aufstand gegen das Regime von Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi in der Nacht zum Montag auf die Hauptstadt Tripolis ausgedehnt. Während mehrerer Stunden waren Schüsse zu hören, auch aus der Gegend des Grünen Platzes, des historischen Zentrums der Stadt. Nach unbestätigten Berichten verschiedener Quellen sollen dabei mehr als 60 Menschen ums Leben gekommen sein.

Nach Protesten in Libyen stehen Regierungsgebäude in Flammen. Saif al-Islam, der Sohn von Machthaber al-Gaddafi droht: "Ich spreche zu euch zum letzten Mal, bevor die Waffen sprechen."

(Foto: AP)

In einer dramatischen Wendung der Krise trat nach Mitternacht Saif al-Islam al-Gaddafi, ein Sohn des Revolutionsführers, vor die Kameras des Staatsfernsehens und kündigte Widerstand des Regimes "bis zum letzten Mann, bis zur letzten Frau, bis zur letzten Kugel, bis zur letzten Minute" an. "Wir sind nicht Tunesien und nicht Ägypten."

Tausend Kilometer weiter östlich, in Bengasi und Beida, wo die Revolte schon seit fünf Tagen andauert, liegt die Zahl der Opfer inzwischen nach diversen Berichten weit über 200. Wie es heißt, beschossen regimetreue Truppen am Sonntag in Bengasi Trauerprozessionen mit Maschinengewehren. Andererseits soll jedoch eine Einheit der Armee, die sogenannte "Donnerschlag-Brigade", auf die Seite der Aufständischen übergelaufen sein und eine Eliteformation Gaddafis niedergekämpft haben.

Für den Revolutionsführer ist es eine gefährliche Entwicklung, dass mehrere Stammesverbände sich von ihm abwenden. Scheich Faradsch al-Suwai, das Oberhaupt der südlich von Bengasi siedelnden Suwaia-Stämme, drohte damit, die Erdölexporte in den Westen würden binnen 24 Stunden unterbrochen, wenn die Regierung die Massaker nicht beende. In der östlichen Region der Cyrenaika bestanden immer Widerstände gegen das Revolutionsregime.

Die Monarchie von König Idris hatte dort ihren Schwerpunkt. Später war sie ein Hort der von Gaddafi unterdrückten Islamisten. Die meisten Häftlinge des berüchtigten Abu-Dschamal-Gefängnisses von Tripolis, in dem bei einer Revolte vor 15 Jahren mehr als 1200 Insassen getötet wurden, stammen von dort.

Doch auch der Chef des mächtigen Warfalla-Stammes, der südlich der Hauptstadt siedelt, Akram al-Warfalli, meldete sich mit der ernsten Warnung: "Wir sagen zu Bruder Gaddafi, du bist kein Bruder mehr. Wir sagen, du sollst das Land verlassen." In Tripolis wurden während der Nacht laut Berichten des saudischen Nachrichtensenders al-Arabija zwei der Regierung gehörende TV-Stationen von Demonstranten gestürmt. Eine Reihe von öffentlichen Gebäuden, darunter der Sitz des Volkskongresses, wurden in Brand gesteckt. Saudi-Arabien ist mit Gaddafi bitter verfeindet. Vor einigen Jahren war der heutige saudische König Abdullah das Ziel eines libyschen Mordkomplotts.

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