Unabhängigkeit des Südsudan:Fehl-Staat

Am Samstag erklärt Südsudan seine Unabhängigkeit, belastet von ungezählten Problemen: Das Land wird noch Jahrzehnte brauchen, um zu einem Staat im eigentlichen Sinne heranzureifen - und über all den schönen Aufbauplänen schwebt noch immer die Gefahr des großen Krieges.

Arne Perras

Noch nie haben die Menschen in Südsudan einen Tag so sehr herbeigesehnt wie den 9. Juli des Jahres 2011. Am Samstag rufen sie in Juba ihre eigene Republik aus. Sie wird der 54. souveräne Staat Afrikas und jüngstes Mitglied im Kreise der Vereinten Nationen sein. Überall wird nun aufmerksam verfolgt, was dies bedeutet: Wird sich die große Wunde im Nordosten Afrikas irgendwann schließen? Nach mehr als zwei Millionen Toten in fünf kriegerischen Jahrzehnten ersehnen die meisten Menschen in Sudan nichts mehr als Ruhe und Frieden. Oder kommt es wieder zu einem großen Krieg?

Southern Sudan Independence Preparation

Südsudanesische Soldaten bei einer Militärparade.

(Foto: AP)

Prognosen sind schwierig in dieser Region, in der so viele Konflikte schwelen, die alle ineinandergreifen. Aber die Unabhängigkeit Jubas gerät in jedem Falle zu einem waghalsigen politischen Experiment, das schwer beherrschbar sein wird. Der Neuling auf der politischen Landkarte Afrikas dürfte die Völkerfamilie deshalb noch oft beschäftigen, besonders den UN-Sicherheitsrat, der über den Weltfrieden wachen muss.

Südsudan wird noch Jahrzehnte brauchen, um zu einem Staat im eigentlichen Sinne heranzureifen. Was sich jetzt in Juba für unabhängig erklärt, ist ein kompliziertes, aber keineswegs stabiles Gebilde. Wenn es in dieser Vielvölkergemeinschaft jemals einen Grund gab, der die Südsudanesen zusammenführte, dann war es die gemeinsame Feindschaft gegen Khartum. Dort herrschen seit langem islamische Regime, die den Süden stets ausgebeutet, geknechtet und bevormundet haben. Seither verteufeln die afrikanischen Völker am Gazellenfluss und am Weißen Nil pauschal die "Araber" des Nordens (auch wenn das Feindbild nach einer sehr groben Schablone funktioniert, mit der die wahren Verhältnisse nur unzureichend gezeichnet werden können). Von den nördlichen, östlichen und westlichen Regionen Sudans spaltet sich nun also der rohstoffreiche Süden als eigenständiger Staat ab, ohne dass eine übergreifende, gemeinschaftsstiftende Idee die Menschen zusammenführen würde. Das ist eine große Gefahr für die neue Republik.

In einer Welt, die arm und sehr wenig erschlossen ist, in der ethnische Rivalitäten schwelen und Menschen um die großen Schätze des Landes konkurrieren, ist es schwer, alle auf eine Nation einzuschwören. Die Loyalität seines Staatsvolkes muss sich die Regierung in Juba erst noch hart erarbeiten, vor allem in Regionen, die alte Rechnungen offen haben mit Führern vom Volk der Dinka, die viel Macht an sich gezogen haben.

Hinzu kommen die herkulischen Aufbauarbeiten. Nirgendwo auf der Welt finden sich ähnlich schwierige Lebensverhältnisse wie in Südsudan. Sieht man einmal von den eisigen Polkappen ab, so finden sich heute die entlegensten und am wenigsten entwickelten Gebiete der Welt in den feucht-heißen Sümpfen und Savannen am Weißen Nil. Um sie zu entwickeln, muss der neue Staat seine Einnahmen aus dem Ölgeschäft gerecht und klug verteilen, und er muss korrupte Geschäfte eindämmen. Alleine wird er das nicht schaffen. Auch die Weltgemeinschaft muss den fragilen neuen Staat stützen. Mit Geld, aber vor allem auch mit technischer Expertise. Anders kommt diese Region nicht voran, in der neben dem Dollar vor allem Millionen Kühe als bevorzugte Währung dienen.

Über allen schönen Aufbauplänen schwebt noch immer die Gefahr des großen Krieges. Der Präsident des Nordens, Omar al-Bashir, kann nicht mehr verhindern, dass sich der Süden lossagt von seinen früheren Peinigern. Aber existenzielle Fragen wie die Aufteilung der Ölmilliarden und der Grenzverlauf sind ungeklärt. Und das einen Tag vor der Unabhängigkeit. Wenn nun weiter verhandelt wird, dann handelt es sich nicht mehr um Streitereien im Innern eines Staates, sondern um einen Konflikt zweier Länder. Das alles trübt den Jubel von Juba, der vielleicht doch nur von kurzer Dauer sein wird.

© SZ vom 08.07.2011/bön
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