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UN-Bericht zu Guinea:Der "deutsche Putsch" und das Stadion-Massaker

Die UN stellen fest: Das Massaker im September in Guinea wurde systematisch vorbereitet. Derjenige, der es befahl, wurde in Deutschland ausgebildet.

Am 28. September 2009 umstellen Soldaten der Leibgarde des Präsidenten das Stadion von Conakry, der Hauptstadt Guineas. In dem Fußballstadion protestieren an diesem Tag Tausende Menschen gegen Präsident Moussa Dadis Camara, der ein Jahr zuvor die Macht im Land an sich gerissen hat.

Hauptmann Moussa Dadis Camara - mit seinem den deutschen Fallschirmjägern nachempfundenen Barett - gutgelaunt zwei Tage nach dem Stadion-Massaker, das er befohlen haben soll.

(Foto: Foto: AFP)

Die Soldaten wissen, was sie zu tun haben. Eine Einheit versperrt die Ausgänge des Stadions mit elektrisch geladenem Stacheldraht. Eine andere dringt ins Innere vor und schießt auf die versammelten Menschen, bis die Munition alle ist. Dann machen die Soldaten mit Bayonetten, Dolchen und Knüppeln weiter.

So beschreibt ein Bericht der Vereinten Nationen den Tathergang, den die Zeitung Le Monde in Auszügen veröffentlicht hat. Der Bericht stützt sich auf die Aussagen von 700 Zeugen und beschreibt detailliert die Brutalität der Soldaten. Frauen unter den Demonstranten werden mehrfach vergewaltigt, manche anschließend mit einem eingeführten Gewehr erschossen.

Der Bericht geht von mehr als 150 Toten aus. Wahrscheinlich sei die Zahl jedoch deutlich höher, da viele Opfer schnell in Massengräbern verscharrt worden seien, heißt es in dem Bericht. Er kommt zu dem Ergebnis, dass das Massaker systematisch vorbereitet wurde. Es sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewesen. Präsident Moussa Dadis Camara trage dafür die direkte Verantwortung.

Gründlich vorbereitet - so kennen die Guineaner Camara. Als im Dezember 2008 Präsident Lansana Conté stirbt, dauert es nur wenige Stunden, bis der damals noch unbekannte Offizier Camara im Fernsehen eine Ansprache hält. Er verkündet, dass die Armee nun vorübergehend die Macht übernehmen werde - mit ihm an der Spitze.

Der Coup d'État gelingt schnell und ohne Blutvergießen. Schnell wird er als "der deutsche Putsch" bezeichnet, schließlich spricht Camara Deutsch - und hat sein Handwerk in Deutschland gelernt. In Interviews blickt er stolz auf seine Ausbildung an der Offizierschule des Heeres in Dresden sowie an der damaligen Nachschubschule in Garlstedt bei Bremen zurück. Auf dem Kopf trägt er häufig ein Barett, das denjenigen der deutschen Fallschirmjäger nachempfunden ist. Nach seinen Angaben soll er auch einen Fallschirmjägerlehrgang bei der Bundeswehr absolviert haben. Insgesamt lebte er zwischen 1996 und 2005 vier Jahre lang in Deutschland.

Die Ausbildung von ausländischen Offizieren in Deutschland soll eigentlich dem Frieden und der Stabilität in ihrer Heimat dienen. So war Camara nach seiner Rückkehr beispielsweise zwei Jahre lang für die UN in Sierra Leone. In seinem eigenen Land, das zu 85 Prozent muslimisch ist, führte sich der Christ Camara jedoch so auf, als habe bei der Bundeswehr-Ausbildung von Demokratieverständnis und Menschenrechten nichts auf dem Lehrplan gestanden.

"Ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte, es tut mir wirklich leid", beteuerte Camara nach dem Massaker vom September in einem Radio-Interview.

Diese Äußerung machte seinen Adjutanten Abubakar Diakité misstrauisch - sollte er zum alleinigen Südenbock gemacht werden? Diakité war nämlich für Camara zusammen mit einem zweiten Adjutanten im Stadion. Der UN-Bericht nennt die beiden Adjutanten als Verantwortliche nach dem Hauptschuldigen Camara.

Diakité zog Camara zur Rechenschaft. Am 3. Dezember schoss Diakité auf ihn und verletzte ihn schwer. Camara wurde nach Marokko ausgeflogen, wo er seitdem im Krankenhaus liegt; Diakité ist auf der Flucht.

Darüber, wie es Camara geht, ist wenig bekannt. Diakité soll ihn am Kopf getroffen haben. Die Verletzungen sind offenbar schwerer als ursprünglich angenommen. Unterdessen hat Luis Moreno-Ocampo, Staatsanwalt des Internationalen Strafgerichtshof, nach Medienberichten bereits die Ermittlungen aufgenommen. Weil Guinea das Rechtsstatut des Internationalen Gerichtshofs ratifiziert habe, könne Moreno-Ocampo ohne Beschluss des UN-Sicherheitsrates ein Verfahren eröffnen, erklärte Susan Rice, US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen.