Streit um Waffenlieferungen:Jetzt die großen Kaliber

Lesezeit: 3 min

Streit um Waffenlieferungen: Gleich 200 gepanzerte Mannschaftswagen vom Typ M113 (hier bei einem Einsatz 2005 im Irak) schicken die USA gerade in die Ukraine.

Gleich 200 gepanzerte Mannschaftswagen vom Typ M113 (hier bei einem Einsatz 2005 im Irak) schicken die USA gerade in die Ukraine.

(Foto: imago/StockTrek Images)

Viele westliche Staaten beeilen sich inzwischen, der Ukraine schwere Waffen zu liefern. Das Land soll für die zweite Phase des Krieges hochgerüstet werden.

Von Sebastian Gierke

Lange waren die USA und die Nato-Partner zögerlich, schwere Waffen in die Ukraine zu schicken. In der ersten Phase des Krieges glaubten viele westliche Militärs und Offizielle, Kiew würde schnell fallen, die Lieferung schwerer Waffen würde sich deshalb nicht lohnen. Die Bedienung komplexer Waffensysteme zu erlernen, braucht zudem Zeit, die die Ukraine nicht zu haben schien. Und das Risiko, dass die Waffen Russland in die Hände fallen, erschien vielen zu groß.

Das hat sich grundlegend geändert. Die Ukraine hat Russland vor Kiew vernichtend geschlagen. Die Nato-Länder, vor allem die USA, die die Sendungen koordinieren, weiten die Lieferung schwerer Waffen jetzt massiv aus. Waren es bislang meist leichtere, defensive Waffensystem wie beispielsweise schultergestützte Panzerabwehrraketen, Radarinstallationen oder Luftabwehrgeschütze, liegt nun der Fokus auf offensiven und schwereren Systemen. Die Ukraine soll für die zweite Phase des Krieges, den sich abzeichnenden, möglicherweise Monate andauernden Abnutzungskampf im Südosten des Landes hochgerüstet werden. So gut das jetzt, da die russische Offensive gerade startet, noch möglich ist.

Acht bis zehn Frachtflugzeuge voller Waffen landen täglich

Acht bis zehn Frachtflugzeuge voller Waffen und militärischer Ausrüstung landen laut amerikanischem Nato-Kommando im Moment täglich in den ukrainischen Nachbarländern. Dazu kommen Lieferungen per Zug und Lkw. Vor allem von Polen aus werden die Waffen weiter in die Ukraine transportiert und sollen dann ihren Weg an die Front finden.

Wer welche Systeme genau liefert, ist oft schwer zu benennen. Fast täglich gibt es neue Meldungen, viele Länder schweigen über die Details der Waffenlieferungen, darunter beispielsweise Frankreich, Italien und Deutschland. Die Schleusen für die Lieferung schwerer Waffen hat Anfang April Tschechien geöffnet mit der Ankündigung, unter anderem mehrere Dutzend Panzer der sowjetischen Bauart T-72 sowie BMP-1-Schützenpanzer an die Ukraine zu übergeben.

Streit um Waffenlieferungen: Die USA liefern unter anderem elf Mi-17-Helikopter (hier in Syrien).

Die USA liefern unter anderem elf Mi-17-Helikopter (hier in Syrien).

(Foto: DELIL SOULEIMAN/AFP)

Der mit Abstand größte Lieferant von Waffen sind aber die USA. Die Regierung in Washington hat der Ukraine seit Beginn des russischen Angriffskriegs Waffen im Wert von 2,5 Milliarden US-Dollar zugesagt oder gesendet. Die aktuelle Lieferung enthält unter anderem elf Mi-17-Helikopter, 200 gepanzerte Mannschaftswagen vom Typ M113, 300 weitere Switchblade-Kamikaze-Drohnen und vor allem 18 der 155-Millimeter-Haubitzen mit 40 000 Artilleriegeschossen. Das sind deutlich mehr schwere und technisch komplexere Waffensysteme als bisher. Und sie sollen schnell geliefert werden. Die Haubitzen beispielsweise würden "sehr, sehr bald" an die Ukraine übergeben, wie John Kirby, Sprecher des Pentagons, erklärte.

Kanada zog schnell nach und kündigte ebenfalls die Lieferung von Artilleriesystemen an, allerdings ohne Details zu nennen. Und die Niederlande, die in den vergangenen Wochen bewusst keine Informationen über Waffenlieferungen veröffentlicht hatten, teilten jetzt mit, man werde die Ukraine mit schwereren Waffen wie Panzerfahrzeugen unterstützen. Gemeinsam mit Verbündeten werde auch die "Lieferung von zusätzlichem, schwereren Material" geprüft, erklärte Ministerpräsident Mark Rutte nach einem Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij. Belgien schloss sich an. Auch Norwegen erwägt die Lieferung schwerer Waffen, schickte jetzt aber erst einmal knapp 100 Flugabwehrraketen vom Typ Mistral aus Beständen des norwegischen Militärs.

Und auch Großbritannien will weitere Artilleriegeschütze in die Ukraine bringen. "Dies wird zu einem Artillerie-Konflikt", sagte der britische Premierminister Boris Johnson. Die Ukraine werde zusätzliche Geschütze als Hilfe benötigen. "Das ist, was wir ihnen geben werden, zusätzlich zu vielen anderen Formen der Unterstützung."

Tschechische Betriebe reparieren Panzer und Militärfahrzeuge

Die Ukraine besitzt aktuell vor allem russische Waffensysteme, beispielsweise russische Artilleriesysteme vom Kaliber 122 und 152 Millimeter. Doch die Munition dafür wird bereits knapp. Geht sie aus, werden die ukrainische Artillerie und die Systeme, die zu ihrem Schutz entworfen wurden, nutzlos. Deshalb ist es aus ukrainischer Sicht so wichtig, die im Westen üblichen 155-Millimeter-Kanonen zusammen mit ihren Zielerfassungssystemen schnell einsatzbereit zu machen. Eine Umstellung auf andere Waffensysteme stellt allerdings schon in Friedenszeiten für jede Armee eine Herausforderung dar. Die Ukraine muss das im laufenden Einsatz inmitten des Krieges bewerkstelligen. Bekommt der Gegner die Gelegenheit zu einer großen Offensive, während ein Teil der Artillerie nicht einsatzbereit ist, hat das verheerende Folgen für die eigenen Streitkräfte. Das Training ukrainischer Soldaten an den Haubitzen und an Radarsystemen soll laut Pentagon deshalb bereits in den kommenden Tagen starten - außerhalb der Ukraine.

Schwere Waffensysteme benötigen außerdem Logistik, Ersatzteile, Wartung und Techniker. Auch hier gibt es Unterstützung für die Ukraine. Die tschechische Regierung hat gerade angekündigt, die Rüstungsfirmen des Landes werden ukrainische Panzer und andere Militärfahrzeuge reparieren. Kleinere Probleme oder Schäden würden in der Ukraine selbst behoben. Die tschechischen Konzerne sollen neben der Reparatur auch Überholungen und eine Wiederinbetriebnahme von Gerät übernehmen, das länger gelagert worden sei.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusKämpfe im Donbass
:Blut und Tränen

Die russischen Streitkräfte verstärken ihre Truppen im Osten der Ukraine und greifen jetzt mit neuer Härte an. Doch die Soldaten sind von den Kämpfen vor Kiew erschöpft. Genau darin könnte eine Chance für die Verteidiger liegen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB