Russlands Sanktionen Auf jeden Schlag ein Gegenschlag

Moskaus Rache: Putin reagiert auf die Sanktionen des Westens mit Importverboten für Lebensmittel und Maßnahmen gegen Fluglinien. Doch seine Vorgabe, der eigenen Bevölkerung nicht zu schaden, wird immer schwieriger umzusetzen.

Von Julian Hans, Moskau

Jeden Schlag mit einem Gegenschlag zu beantworten, das sei "einer großen Nation nicht würdig", hatte der russische Außenminister Sergej Lawrow noch vor einer Woche erklärt. Doch nun hat der Präsident anders entschieden. "Mit großer Sorgfalt" müsse dabei vorgegangen werden, sagte Wladimir Putin, als er das Kabinett am Dienstag offiziell anwies, Antworten auf die Sanktionen der Europäer in der Ukraine-Krise auszuarbeiten. Diese sollten "die Interessen der heimischen Produzenten schützen" und gleichzeitig "den Verbrauchern keinen Schaden zufügen".

Einfuhrverbote für Waren und Lebensmittel

Am Mittwochabend teilte der Kremlchef dann in einem Dekret mit, Russland wolle die Einfuhr von Agrarprodukten, Rohstoffen und Lebensmitteln zunächst für ein Jahr verbieten oder beschränken. Betroffen seien die Länder, die Sanktionen gegen Russland erlassen hatten. Das hatten die EU, die USA und Länder wie Kanada, die Schweiz oder Japan getan. Der Schritt diene den nationalen Interessen und der Sicherheit Russlands, heißt es offiziell. Eine russische Regierungssprecherin sagte der Nachrichtenagentur RIA Nowosti, die Minister stellten derzeit Listen mit betroffenen Waren zusammen. Der stellvertretende Agrarminister Alexej Lichatschjow teilte mit, sein Ressort sei bereits fertig.

Laut offiziellen Statistiken importierte Russland im vergangenen Jahrzehnt rund ein Drittel der Lebensmittel aus dem Ausland, vor allem aus früheren Sowjetstaaten. Künftig sollen mehr Waren aus südamerikanischen Ländern kommen: Gespräche seien für diesen Donnerstag mit den Botschaftern Ecuadors, Brasiliens, Chiles und Argentiniens geplant, meldete die Agentur Interfax unter Berufung auf die Lebensmittelaufsicht, die nach eigenen Angaben 91 brasilianische Lebensmittelhersteller für den russischen Markt zugelassen hat. In den vergangenen Wochen hatte Moskau bereits amerikanische Hühnchen, ukrainische Milch sowie polnisches Obst und Gemüse vom russischen Markt verbannt, dies aber stets mit Qualitätsmängeln begründet.

Lange Umwege, wenig Umsatz

Nachdem die EU vergangene Woche ihre Maßnahmen weiter verschärft hatte, gab es ein erstes sichtbares Opfer: Die Fluggesellschaft Dobrolet, eine Billig-Tochter von Aeroflot, die erst im Mai gestartet war, musste plötzlich ihre Arbeit einstellen. Mit zwei Boeings 737-800 hatte Dobrolet die russische Hauptstadt mit Simferopol verbunden und war deshalb auf die EU-Liste gekommen. Die Maschinen waren von einer irischen Firma geleast und wurden von Lufthansa-Technik gewartet - beide mussten die Verträge kündigen. Ebenso die russische Alfa-Versicherung, weil sie Probleme mit ihrem europäischen Rückversicherer befürchtete.

Einem Bericht der Wirtschaftszeitung Wedomosti zufolge könnte Russland im Gegenzug europäischen Gesellschaften auf dem Weg nach Asien den Flug über Sibirien verweigern, sie müssten dann einen Umweg von 4000 Kilometern nehmen. Allein Lufthansa fliegt jede Woche etwa 180-mal über Sibirien. Putins Mahnung, die eigene Wirtschaft zu schützen, ist in dem Fall schwierig: Laut Wedomosti kassiert Russland 225 Millionen Euro Überfluggebühren im Jahr, die Aeroflot zugutekommen.

In der Ostukraine ist die Separatistenhochburg Donezk in der Nacht zum Mittwoch aus der Luft angegriffen worden. Die ukrainische Armee dementierte eine Beteiligung. Andernorts wurden binnen 24 Stunden drei Zivilisten und 18 Soldaten getötet. Russland bestritt die Meldung der Nato, an der Grenze Truppen zusammengezogen zu haben. Der Generalsekretär des Militärbündnisses, Anders Fogh Rasmussen, will am Donnerstag in Kiew ein Treffen beider Seiten vorbereiten.