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Türkei und der Westen:Wider den türkischen Nationalismus

Nach schmerzhaften Wendungen distanzierte sich die türkische Regierung von den neuen Freunden und versucht nun, den Revolutionsbewegungen ein Vorbild zu sein. Dabei konnte sie kaum verbergen, dass die rasante Hinwendung zu den Nachbarn vor allem wirtschaftlichen Motiven folgte.

Augenfällig war dies bei dem missglückten Vermittlungsversuch im iranischen Atomkonflikt, als Erdogan in Siegerpose mit Präsident Mahmud Ahmadinedschad posierte - um kurz darauf blankes Unverständnis von den alten Verbündeten, angeführt von den USA, zu kassieren. Die Entfremdung war komplett, als eine türkisch geführte Flotilla die Gaza-Blockade durchbrechen wollte und es nach gewalttätigen Auseinandersetzungen auf dem Schiff Mavi Marmara mit Toten und Verletzten zu den bislang größten Verwerfungen mit Israel kam.

Auch für bedeutende Nato-Streitfragen gilt: Immer häufiger steht die Türkei als Rivale des Westens parat, was am Ende die Frage aufwirft, ob das Land inzwischen in einem bündnisfreien Raum sein Glück als wirtschaftsstarke und eigenwillige Regionalmacht sucht.

Die Antwort, so sagt etwa die in der Türkei besonders aktive European Stability Initiative, ist eindeutig. Das Land wird es auf den ultimativen Bruch mit dem Westen nicht ankommen lassen, genauso wenig, wie der Westen und besonders die EU die Türkei abschreiben kann: "Die Beziehung zwischen der Türkei und der EU ist wie eine katholische Ehe - Scheidung ist für beide Seiten keine Option." Beide Seiten aber sind sich ihrer Entfremdung klar.

Unzählige Probleme - und keiner macht sich die Mühe, sie zu lösen

Die Zustimmungsraten für einen EU-Beitritt sinken in der Türkei. Erdogan stichelte erst bei seinem jüngsten Besuch neben Kanzlerin Angela Merkel stehend, dass die EU doch den Beitrittsprozess ehrlicherweise beenden sollte. Umgekehrt bremsen vor allem die Franzosen die Beitrittsverhandlungen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Probleme gibt es unzählige, nur keiner macht sich mehr die Mühe, sie zu lösen.

So beobachten beide Seiten einander misstrauisch, manchmal vielleicht in der Hoffnung, dass der andere doch als erster die mühselige Annäherung für beendet erklären möge. Die EU musste lernen, dass sich türkischer Nationalismus und türkischer Stolz schwer mit einem Grundgedanken der Union vertragen, nämlich: sich der Gemeinschaft zu fügen und Souveränität abzugeben. Die Türkei wiederum genießt ihre neue Stärke. Oder, wie ein hoher Berater von Premierminister Tayyip Erdogan unlängst sagte: "Europa - vielleicht ist das Thema für uns zu klein geworden. Irgendwie ist die Türkei über Europa hinausgewachsen."

© SZ vom 11.06.2011

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