bedeckt München 15°

Türkei:Leben in der Kampfzone

Vergangene Woche hat das Mittelmeer den toten Körper des dreijährigen Aylan Kurdi an den Strand von Bodrum zurückgespült. Der Junge gehörte einer Gruppe an, die per Boot die griechische Insel Kos erreichen wollte. Ein Foto des leblosen Kinderkörpers ging um die Welt und wurde zum Symbol für gescheiterte Sicherheits- und Flüchtlingspolitik.

Man muss ans andere Ende der Türkei fahren, nach Şırnak. In diese kleinen Wartezimmer in den Westen. Ein Besuch dort hilft zu verstehen, warum sich noch so viele weitere Menschen nach Europa aufmachen werden.

Warum Bilder von toten Kindern wie das von Aylan Kurdi ihnen zwar das Herz zerreißen, sie aber trotzdem nicht davon abhalten werden, die gefährliche Reise auf sich zu nehmen. In Griechenland sind allein in diesem Jahr mehr als 200 000 Flüchtlinge angekommen. Im Januar waren es 1800, zwischen dem 1. und 21. August nach Zahlen des Flüchtlingshilfswerks UNHCR fast 60 000. Die meisten kommen über die Türkei. Selin Ünal, UNHCR-Mitarbeiterin in der Türkei, sagt: In Syrien tobe der Krieg seit fünf Jahren. "Viele verlieren die Hoffnung, zurückkehren zu können."

Die immer stärker wütenden IS-Milizen wollte Erdoğan als Gefahr nicht wahrhaben

An der instabilen Lage im Nachbarland ist die Türkei nicht unbeteiligt. Die türkische Regierung unter Recep Tayyip Erdoğan verfolgte in Syrien ihre eigene Agenda. Das Assad-Regime hätte Erdoğan am liebsten gestürzt, die immer stärker wütenden IS-Milizen wollte Erdoğan als Gefahr nicht wahrhaben. Die Regierung konnte bis heute den Vorwurf nicht entkräften, den IS sogar logistisch unterstützt zu haben.

Die Türkei hat Syrien-Flüchtlinge die meiste Zeit über bereitwillig aufgenommen. Der Staat betreibt nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks 23 große Camps, in denen derzeit 260 000 Syrer lebten. Die große Mehrheit der Flüchtlinge schlägt sich auf eigene Faust im Land durch. Im Stadtbild von Istanbul sind die Familien nicht zu übersehen, die betteln. Dass es bislang nicht zu größeren Spannungen gekommen ist, sagt viel über die Hilfsbereitschaft der Gesellschaft aus. Der Staat gestattet den Flüchtlingen, ihre Kinder auf türkische Schulen und sogar zum Studium an die Universitäten zu schicken.

Anfangs war man in Ankara davon ausgegangen, es sei nur eine Frage der Zeit, bis Assad stürzt und sich das Land wieder beruhigt. Ein Konzept für den Fall, dass die vielen Flüchtlinge bleiben werden, hat die Regierung aber bis heute nicht. So kommt es, dass Roşhan Bozan, 39, für sich, seine Frau und die drei Kinder eine Wohnung im Zentrum von Şırnak hat, aber keine Wurzeln in diesem Land schlagen möchte: Vier Zimmer, ein Teppich, in den die Worte "Ich liebe dich" gewebt sind, keine Möbel außer einer leeren Kommode, auf der ein Fernseher steht. Er könnte jederzeit weg. Aber auch er steckt in Şırnak fest. Und jetzt holt der Krieg ihn sogar ein. Seitdem das türkische Militär wieder gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei vorgeht, lebt er in einer Kampfzone. Täglich wird geschossen. Wer Schutz suchte, ist auch in der Türkei nicht mehr wirklich sicher.

Die Europäische Union hat ihren Beitrittskandidaten Türkei ziemlich alleine mit den Hilfesuchenden gelassen. Ihre hohen Repräsentanten meiden das Land. Die Türkei hätte einmal Brücke in die arabische Welt sein sollen. Jetzt hält man lieber Distanz - von beiden Seiten. Bereits im Juli warnte Europa-Minister Volkan Bozkır: "Es könnte eine Flüchtlingswelle kommen, die die Kraft der Türkei überschreitet." Während das Land sechs Milliarden Dollar für die Flüchtlingshilfe ausgegeben habe, habe die EU lediglich 70 Millionen Euro an Hilfe in Aussicht gestellt. Nach dem Tod des Jungen Aylan gab Erdoğan Europa, das sich versuche abzuschotten, eine Mitschuld. "Es sind nicht nur Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken, es ist die Mitmenschlichkeit."

An der türkischen Küste steigen Flüchtlinge im Licht der Kamerascheinwerfer von Fernsehteams in die wackeligen Schlauchboote und paddeln nach Griechenland. Niemand hält sie wirklich auf.

© SZ vom 07.09.2015
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB