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Tuareg-Nomaden:Rebellen erobern Norden von Mali

Tuareg-Rebellen haben den Norden von Mali erobert, sie wollen dort einen eigenen Staat errichten. Mali, das nahezu viermal so groß wie Deutschland ist, hat nun schon mit der dritten Rebellion der Nomaden zu kämpfen - und ihr jüngster Aufstand ist vermutlich gefährlicher für das Land als alle anderen zuvor.

Arne Perras, Kampala

Nun weht die Flagge der Tuareg über Timbuktu, der Karawanen-Stadt, deren Bauwerke und Kulturschätze einst Touristen aus aller Welt an den Rand der Sahara lockten. Am Sonntag ist sie an die Rebellen gefallen. Viele von ihnen gehören zur Gruppe MNLA, der "Nationalen Bewegung zur Befreiung von Azawad". So bezeichnen die Nomaden ihre Heimat im Norden Malis. Azawad soll nach dem Willen der Rebellen bald ein eigenständiges Reich werden - losgelöst vom malischen Staat, beherrscht von den Tuareg.

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Dieses Foto, herausgegeben von der Gruppe MNLA, soll Tuareg-Rebellen in Mali zeigen.

(Foto: AFP)

Ein leichter Sieg für die Tuareg, so sieht es zunächst aus: Es gab keine große Schlacht um Timbuktu. Zwar hörten Bewohner Granatfeuer nahe dem Militärstützpunkt, doch die malische Armee war offenbar schon geflohen, als der Gegner anrückte. Aber alles ist doch viel komplizierter in den Weiten Malis, eines Staats, der nahezu viermal so groß ist wie Deutschland und nun schon mit der dritten Rebellion der Tuareg-Nomaden zu kämpfen hat. Seit Jahren untergraben auch noch Terrorzellen, die Drogen-Mafia und Entführer-Banden den malischen Staat. Angesichts der instabilen Lage in Mali ist die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas zu einem militärischen Eingreifen bereit. Die Staatschefs der Mitgliedsländer beschlossen am Montag bei einem Treffen in Dakar, ihre Eingreiftruppe in Alarmbereitschaft zu versetzen. Zugleich verhängte die Gemeinschaft ein Handelsembargo und Kontensperrungen gegen das Land.

Der jüngste Tuareg-Aufstand ist vermutlich gefährlicher für Mali als alle anderen zuvor. Nun, nach der Blitzoffensive, ist das Land de facto geteilt. Die Rebellen haben die drei großen Städte des Nordens erobert: Kidal, Gao und nun Timbuktu. Und die Regierungstruppen Malis hatten der Offensive kaum etwas entgegenzusetzen. Das ist vielleicht auch nicht verwunderlich, denn nach dem Putsch vom 21. März in der Hauptstadt Bamako hat das Land keine legitime Regierung mehr. Der Präsident war in jener Nacht abgesetzt worden. Ironischerweise behaupteten die meuternden Soldaten um den Hauptmann Amadou Sanogo, dass der Coup zwingend war, um die Rebellion der Tuareg besser in den Griff zu bekommen. Doch hat der Machtkampf im Süden die Armee zunächst weiter geschwächt. Und die Tuareg konnten in ein Vakuum vorstoßen, um ihr Ziel eines eigenen Wüstenreiches - Azawad - voranzutreiben.

Ohne den Sturz Gaddafis in Libyen wäre es gar nicht so weit gekommen, denn bis zu 4000 Kämpfer seiner Armee - schwer bewaffnete Tuareg - flohen 2011 nach Süden, als sich das Regime in Tripolis nicht mehr an der Macht halten konnte. Viele dieser Männer schlossen sich der schwelenden Rebellion in ihrer Heimat Mali an, und die neuen Einheiten haben die militärischen Gewichte wohl erst einmal verschoben. Außerdem sind Soldaten der malischen Armee ebenfalls zu den Rebellen übergelaufen. Das alles lässt die Tuareg jetzt stark erscheinen. Ob sie halten können, was sie von sich behaupten, ist dennoch fraglich.

Denn weder die Nachbarn Malis noch die Streitkräfte des Staates werden sich mit dem Status quo abfinden. So desolat die Armee erscheint - irgendwann wird sie sich neu gruppiert haben und vermutlich zur Gegenoffensive blasen, auch wenn Junta-Chef Sanogo versichert, dass alle an einen Tisch kommen könnten, "um zu reden".

Die militärischen Erfolge der Rebellen verdecken auch, dass ihre Front bei weitem nicht so geschlossen sein dürfte, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Denn in der MNLA haben sich mindestens zwei Fraktionen zusammengeschlossen, von denen man noch nicht weiß, ob sie dem gleichen Ziel verpflichtet sind. Zwar gibt es seit langem viel Frust und Zorn unter den Tuareg: frühere Militäroffensiven, brutale Übergriffe, Korruption des Staatsapparats, Diskriminierung - all dies hat zur Unzufriedenheit der Nomaden beigetragen. Doch längst nicht alle Leidtragenden unterstützen den bewaffneten Kampf.

An der Seite der MNLA kämpft noch eine weitere Gruppe, wie auch Bewohner aus Timbuktu berichteten: Ansar Dine, ein Verbund von Islamisten, die mehr auf die Einführung der Scharia drängen als auf die Gründung eines eigenständigen Staat Azawad. Wie nahe sie den Terroristen von al-Qaida im Maghreb (Aqim) stehen, ist umstritten. Antiterroreinheiten der USA und Frankreichs versuchen seit langem, Aqim auszuschalten, noch immer soll die Gruppe mehrere westliche Geiseln irgendwo in der Wüste gefangen halten. Washington und Paris arbeiteten dafür mit der Regierung Malis eng zusammen - doch das war vor dem Coup, der nun alles noch komplizierter macht.

Über mögliche Verbindungen der Terrorgruppe Aqim zu einzelnen Tuareg-Gruppen wird viel spekuliert, ohne dass es dafür Beweise gibt. Der Zorn mancher Tuareg ist gerade deshalb noch gewachsen, sie fühlen sich provoziert, weil sie immer wieder in die Nähe der Terroristen gestellt werden, mit denen sie angeblich Geschäfte machen oder sich gar verbündet haben - was die Tuareg bestreiten. Sie haben vielmehr immer wieder verlangt, dass Malis Regierung die Terrorgruppe Aqim und "andere kriminelle Elemente" aus dem Land vertreibe.

Doch sind dies ehrliche Forderungen oder betreiben manche nur ein doppeltes Spiel? Arbeiten Tuareg und Islamisten, die früher als Feinde galten, nun vielleicht zusammen? Die Wüste ist groß, und je gefährlicher sie wird, umso weniger wird es gelingen, Drahtzieher, Mitläufer und Opfer auseinanderzuhalten.

Der malische Staat wird nun erst einmal um sein eigenes Überleben kämpfen müssen, er muss sich gegen die Verbände der Tuareg stemmen, die von Azawad träumen - ihrem großen Wüstenreich.

© SZ vom 03.04.2012/fran
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