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Tsipras-Triumph in Griechenland:Alexis, der Enttäuscher

Die Griechen haben gezeigt, dass sie das Kreditprogramm als Auftrag für Syriza-Chef Alexis Tsipras verstehen. Nun braucht es Reformwillen und Verzicht.

Kommentar von Mike Szymanski, Athen

Griechenland ist nach dieser Wahl ein anderes Land. Es gibt keine Hoffnung mehr auf eine schnelle, auf eine bequeme Lösung der Schuldenkrise. Der Linkspolitiker Alexis Tsipras hatte sie den Griechen zunächst versprochen. Er hatte ihnen eingeredet, man müsse nur hart genug dafür kämpfen. Deshalb wurde er im Januar mit eindrucksvoller Mehrheit zum Premier des Landes gewählt.

Danach hat Tsipras den Griechen diese Hoffnung wieder genommen. Er beendete die Sparpolitik nicht, sondern sorgte für ihre Fortsetzung. Sieben Monate hat Tsipras gebraucht, um sein Land zu desillusionieren. Ist das nun das bittere Ende? Nein, das ist der Anfang.

Diese Wahl hat ein sehr klares Resultat hervorgebracht. Die große Mehrheit der Bürger hat akzeptiert, dass Griechenland nur innerhalb der Euro-Zone zu sanieren ist. Früher verlief die Trennlinie zwischen links und rechts, dann zwischen Befürwortern und Gegnern der Sparpolitik. Mit dem qualvollen Kurswechsel von Tsipras ist auch diese Kluft aufgehoben.

Nimmt man die Ergebnisse der großen Parteien - des Linksbündnisses Syriza und der konservativen Nea Dimokratia - zusammen und addiert noch jene Prozente der Kleinparteien, die das dritte Sparpaket ebenfalls mittragen, gibt es keinen Zweifel: Griechenland hat verstanden, dass der größte Beitrag zur Rettung aus dem Land selbst kommen muss. Das heißt: Ohne Reformwillen und Verzicht wird es nicht gehen.

Wähler haben die Reformen an der Urne akzeptiert

Die radikallinke Syriza-Abspaltung hat die Bürger nicht davon überzeugen können, dass ihre Probleme gelöst würden, wenn sie zur Drachme zurückkehrten. Diese abenteuerliche Idee haben die Wähler geschreddert. Geträumt haben die Griechen unter Tsipras genug. Sie können furchtbar strafen.

Keine andere Partei hat das so schmerzhaft erfahren müssen wie die sozialistische Pasok. Aus Frust über den von ihr gepflegten Klientelismus, der das Land überhaupt erst in diese Krise geführt hat, und die Unterschrift unter das erste Sparpaket haben die Wähler die Pasok als Volkspartei vernichtet. Sie verlor bei der Wahl 2012 fast 30 Prozent.

Gemessen daran sind die Griechen mit Syriza milde umgesprungen. So bitter das klingt: Sie haben sich mittlerweile daran gewöhnt, dass Wortbruch anscheinend zur Politik gehört. Auch die Nea Dimokratia war einmal eine Anti-Sparpolitik-Partei, bevor sie selbst den Rotstift ansetzte. Wäre es danach gegangen, hätten die Wähler keiner der großen Parteien ihre Stimme geben können. Tsipras ist nur der Letzte in der Reihe der Enttäuscher.

Nach diesem Sonntag wird es nicht nur Zeit, das Land wieder aufzubauen, sondern auch das Vertrauen in die Politik wieder herzustellen. Diesmal stand keine Richtungswahl an. Wohin die Politik in den nächsten Jahren steuert, steht in den Vereinbarungen mit den Kreditgebern. Das ist das eigentliche Regierungsprogramm, unabhängig davon, wer in den Premierpalast einziehen wird. Als Sieger der Wahl sollte sich niemand fühlen. Das wäre ein großes Missverständnis.

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© SZ vom 21.09.2015

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