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Vaclav Havel ist tot:Schwere Zeiten in der Heimat

Die zwischen 1979 und 1982 aus dem Gefängnis geschriebenen "Briefe an Olga", seine 1996 verstorbene erste Frau, gaben auch den Lesern im Westen einen Einblick in das Unrecht und die Hoffnungslosigkeit dieser Zeit. "Olga war seine Antenne zur Realität", erinnerte sich Jiri Grusa, Wegbegleiter und von 1990 bis 1997 Botschafter in Deutschland, in einem Radio-Interview. Sie war ein Gegengewicht zum philosophisch interessierten Literaten und versuchte ihn auch zu warnen, wenn das politische Engagement zu riskant wurde.

"Sie halten dich im Käfig - sie haben dich hinter Gitter gesperrt. Havlitschku - Havel". Das Protestlied wurde 1977 vom Liedermacher Jaroslav Hutka für seinen inhaftierten Freund Havel geschrieben. Der Dissident wurde zur Symbolfigur für den Widerstand gegen die Kommunisten. Das Lied begleitete auch die Tage der Samtenen Revolution im Jahr 1989.

Im Umbruchjahr 1989 siegte die "Macht der Machtlosen", so der Titel eines Havel-Essays aus dem Jahr 1978. Auf dem Wenzelsplatz erschallten die Rufe "Havel auf die Burg". Das Regime fiel, und Dissidenten wie Havel und der im Januar verstorbene Jiri Dienstbier bauten demokratische Strukturen auf. Als neuer Staatspräsident der Tschechoslowakei wählte Havel als erstes Ziel einer Auslandsreise die beiden deutschen Staaten. Er sprach damit den Beziehungen zum größeren Nachbarn eine Schlüsselrolle für die Zukunft zu.

In seinen Anfangsjahren als Präsident wurde Havel von den meisten seiner Landsleute verehrt. Er verkörperte die Hoffnungen der Tschechen auf einen demokratischen Neuanfang. Doch der Respekt schwand schnell - denn die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen forderten viele Opfer von den Tschechen. Und Havel, der Politiker, konnte nicht liefern. Stattdessen schwang er philosophische Reden, die nicht die Lebenswirklichkeit seines Volkes trafen. Im Ausland war der tschechische Präsident indes hoch angesehen - doch in seiner Heimat geriet er zunehmend in Abseits. Der einstige Dissident wurde zur Reizfigur. 2003 schied er aus dem Amt aus.

Politisch blieb der gesundheitlich seit Jahren schwer angeschlagene Havel bis zuletzt. Noch im Juli dieses Jahres drohte er mit der Rückgabe des deutschen Quadriga-Preises, nachdem dieser auch an den russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin verliehen werden sollte. Die umstrittene Ehrung wurde abgesagt. Der Preis sollte lieber an den chinesischen Dissidenten und politischen Gefangenen Liu Xiaobo verliehen werden, ließ Havel anschließend mitteilen.

Havel wusste, was eine Freiheitsstrafe für einen Dissidenten bedeutet. Er starb am Sonntagmorgen im Alter von 75 Jahren.

© sueddeutsche.de mit Agenturmaterial
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