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Trinkkultur in Frankreich:Wie den Franzosen das Trinken abgewöhnt werden soll

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Einen Becher Roten genehmigte sich François Hollande (mit Flasche) auch schon mal und offensichtlich gerne - wie 2005 in Lille.

(Foto: Philippe Huguen/AFP)

Der Franzose trinkt gern Wein, auch zum Mittagessen. Soweit das Klischee. Jetzt dürfen Unternehmen ihren Mitarbeitern verbieten während der Arbeit Alkohol zu trinken. Doch es gibt Zweifel, ob das Verbot in jeder Branche umgesetzt werden kann.

Der Pichet Weißwein beim Mittagessen, der launige Umtrunk im Büro zum Abschied des scheidenden Kollegen, das Glas Champagner zur Feier des großen Geschäfts - aus und vorbei? Diesen Eindruck erweckt zumindest ein Dekret, mit dem die Pariser Regierung aufhorchen lässt: Ab sofort dürfen Frankreichs Unternehmen ihren Mitarbeitern "in Form einer Begrenzung oder sogar eines Verbots" den Griff zum Alkohol reglementieren. Der Erlass, so die Begründung des Arbeitsministeriums, solle "Gesundheit und Sicherheit der Arbeitnehmer schützen".

Die französische Nachrichtenagentur AFP schlägt prompt Alarm: Da lauere "fast ein Einschnitt in die Kulturgeschichte" der Franzosen, die Grande Nation könne "eine kleine Revolution der Unternehmenskultur" erleben. Schon bisher untersagte das Gesetz Calvados oder Cognac, Pastis oder Schnaps an Werkbank oder Schreibtisch. Das französische Arbeitsrecht billigte seinen Landsleuten jedoch ausdrücklich das Recht zu, "Wein, Bier, Apfelwein oder Birnenmost am Arbeitsplatz" zu trinken. Das kann, das soll sich nun ändern.

Nur, bisher scheint sich niemand daran zu stören. Auch am zweiten Tage nach Inkrafttreten des Dekrets Nummer 2014-752 regen sich weder Streiks noch Proteste. Die Franzosen, ansonsten allzeit latent rebellisch gegen jedwede Drangsal des Staates, reagieren entspannt. Oder genauer: gar nicht.

Das Verbot wird nicht jede Branche gleich treffen

Ein Grund für diese Gelassenheit ist schlicht, dass der potentiell ernüchternde Eingriff in die französische Lebensart die Bürger noch nicht erreicht hat. "Die Unternehmen müssen erst noch entscheiden, ob sie die neue Vorschrift anwenden wollen", erläutert am Freitag ein Experte des Arbeitgeberverbandes Medef, der lieber anonym bleiben will.

Tatsächlich gestattet das Pariser Dekret Alkoholverbote in Betrieben - es erzwingt sie aber nicht. Wo Gefahr lauere, etwa in der Chemieindustrie oder auf dem Bau, werde künftig vielleicht strenger hingeschaut: "Aber in normalen Büros...?" Kein Vergleich also mit dem obligatorischen Rauchverbot, das seit Jahren die Atemluft in Frankreichs Restaurants schützt - und tagtäglich im vernebelten Vorraum oder am Bistrotisch auf der Terrasse umgangen wird.

Zudem ist auch in Frankreich das Bewusstsein für die Gefahren von Alkohol und Abhängigkeit enorm gewachsen. Die Zeiten, da Landarbeiter oder Malocher in der Schwerindustrie vom Patron täglich ihr Deputat Rebensaft erwarteten, auf dass "der Wein ihnen Kraft gebe", sind längst vergangen. Zum Mittagessen im Pariser Restaurant offeriert jeder Kellner selbstverständlich "ein Glas oder eine Flasche Wein". Aber immer mehr Franzosen, allen voran Frauen und Jüngere, lehnen dankend ab.

Die Franzosen trinken nur noch halb so viel

Ältere Franzosen entsinnen sich noch an die TV-Spots, mit denen die Regierung in den achtziger Jahren zum Maßhalten mahnte. An den angetrunkenen Ehemann auf dem Sofa, der nach mehr Stoff verlangte, oder an den Kellner in der Brasserie, der seinem Gast vergeblich eine zweite Flasche Bordeaux andiente: "Un verre ça va, trois verres .... Bonjour les dégâts!" dröhnte am Ende stets dieselbe strenge Männerstimme ("Ein Glas geht, drei Gläser - und du hast den Schaden").

Die Kampagnen, seit Anfang der neunziger Jahre unterstützt durch ein striktes Verbot von Alkoholwerbung im Fernsehen, zeigten Wirkung. Innerhalb eines halben Jahrhunderts hat sich der Alkoholkonsum der Franzosen mehr als halbiert. Laut Statistik der Weltgesundheitsorganisation (WHO) spülte 1961 noch jeder Franzose durchschnittlich über 25 Liter reinen Alkohols die Kehle hinunter, heute sind es "nur noch" 12,2 Liter pro Kopf und Jahr (zum Vergleich: 11,7 Liter in Deutschland). Nach wie vor bevorzugt man im Nachbarland den Wein als Rauschquelle: 56 Prozent allen getrunkenen Alkohols ist rot, weiß oder rosé. Deutsche müssen mehr Flüssigkeit schlucken, saugen sie doch 54 Prozent ihres jährlichen Alkoholkonsums aus Bier.

Dennoch, die Regierung in Frankreich will ihre Bürger zu mehr Enthaltsamkeit erziehen. Nach wie vor, so warnt das Arbeitsministerium, sei der Alkohol "das meist verbreitete Rauschmittel" im Land. Aufgeschreckt hat die Nation eine Studie vom vorigen Jahr. Nach Berechnungen des angesehenen Instituts Gustave Roussy rafft der Alkohol jedes Jahr 49 000 Franzosen dahin. 40 Prozent der Opfer sterben vor ihrem 65. Lebensjahr. 49 000 - das bedeutet: 134 Tote pro Tag.