Transatlantische Beziehungen Die Schwäche Amerikas könnte zur Schwäche Europas werden

Immer wieder haben die USA durch ihre Präsenz Europa in Konflikten beigestanden. Doch seit Trump Präsident ist, greift Misstrauen um sich.

Kommentar von Stefan Kornelius

Angela Merkel und Donald Trump sind so etwas wie intellektuelle und kommunikative Antipoden. Was der eine denkt und sagt, käme der anderen nicht mal in den Sinn, geschweige denn, dass sie darüber reden würde. Während Trump durch sein inflationäres Gebrabbel das Wort entwertet, verhält es sich bei Merkel gerade umgekehrt: Mit jedem weiteren Tag im Amt geht es ihr wie einem Notenbankchef, bei dem schon ein Huster an der falschen Redestelle ausreicht, um einen Wechselkursrutsch auszulösen. Merkel weiß, was ihre Worte bewegen können, und deswegen geht sie sorgsam mit ihnen um.

"Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei ..., und deshalb kann ich nur sagen, wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen." Das war Merkels Bierzeltsatz, der nun das transatlantische Verhältnis erschüttert, wie es vielleicht nicht mal die Enthüllungen Edward Snowdens vermocht hatten. Der Satz muss mit Fußnoten gelesen werden. Erstens fiel er während einer Wahlveranstaltung. Er galt also vor allem Wählern, denen die Worte auch eine Art Immunschutz gegen antiamerikanische Infizierung verpassen sollten.

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Merkel und mehr noch Edmund Stoiber wissen aus dem Wahlkampf 2002, dass mit der antiamerikanischen Karte (die damals Gerhard Schröder zog) ein Stich zu holen ist. Den macht diesmal Merkel selbst, indem sie die Europäer an die eigene Verantwortung erinnert. Der kaum zitierte, versöhnlichere Teil der Rede lautet, dieses Schicksal "in Freundschaft mit den Vereinigten Staaten" in die Hand zu nehmen.

Zweitens ist Merkel Wiederholungstäterin. Den Niedergang der politischen Kultur in den USA beobachtet sie schon seit Jahren mit Enttäuschung und Sorge. Seitdem Trump Präsident ist, hat sie die Europäer wiederholt zu Eigenständigkeit ermahnt. "Europa hat sein Schicksal selbst in der Hand" ist so ein Merkel-Satz, hinter dem sich ein kompletter Kosmos aus Überlegungen und Ableitungen eröffnet. Geäußert hat sie ihn zum Beispiel im Februar vor dem Großmeisterpalast der Malteser in Valletta.

Drittens aber ist Merkel keine Spielerin, die mal eben das transatlantische Verhältnis für einen schnellen Wahlkampf-Applaus opfert. So wie sie beim türkischen Präsidenten oder beim Brexit allen populistischen Versuchungen widersteht, so spielt sie auch nicht mit den USA. Die Vereinigten Staaten sind eine Konstante in Merkels Weltenplan, eine geografische und historische Selbstverständlichkeit, markiert in derselben Farbe wie Europa.

Ein brutales Urteil der Kanzlerin: Amerika ist unberechenbar

Jetzt aber spricht sie den USA die Verlässlichkeit ab, ein ungeheurer Beleg des Misstrauens zwischen Verbündeten. In der Tat wechselt das Trump-Amerika seine Farbe wie ein Chamäleon. Diese Unberechenbarkeit macht Amerika und mithin auch seine Verbündeten schwächer. Mindestens drei Mal hat Trump während seiner Tage in Europa den mentalen Bündnisbruch vollzogen: Als er den G 7 seine Klima-Entscheidung per Twitter in Aussicht stellte; als er die versammelte Nato-Allianz antreten ließ und abkanzelte; und als er die Beistandsgarantie für das Bündnis verweigerte, obwohl eine entsprechende Redepassage ausgehandelt war.

Transatlantizismus war nie Selbstzweck, sondern immer eine Übung in Eigennutz. Amerika projiziert seine Stärke auf Europa und festigt damit seine globale Vormacht. Europa borgt sich Stabilität, die es alleine niemals hätte erzeugen können. Geben und Nehmen - allerdings waren die USA in diesem Spiel schon immer ein schwieriger Verbündeter, weil die politischen Schwankungen Washingtons in Europa viel stärker zu spüren sind als etwa in Kentucky oder Ohio. Das merkte man schon bei einem George W. Bush wie bei einem Jimmy Carter.

Zweimal haben die USA einen von Deutschland ausgehenden Weltbrand gelöscht, einmal hat dieses Amerika durch seine schiere Präsenz einen kriegerischen Konflikt verhindert. Uneigennützig war die Hilfe nie, aber zwingend geboten war diese Investition in Europa auch nicht, wenn man etwa aus Kentucky oder Ohio über den Atlantik schaute.

Nun sind plötzlich die Rollen vertauscht. Die Schwäche Amerikas könnte zur Schwäche Europas werden. Trump hat binnen vier Monaten so viele Schwankungen ausgelöst, dass ein kluger Selbstschutz mehr als angemessen ist. Mit ihrer Analyse bricht Merkel noch nicht mit den USA. Aber sie fällt ein vernichtendes und schmerzhaftes Urteil: Amerika ist nicht mehr verlässlich. Dieses Urteil ist wuchtig, und es kostet einen Preis, den weder Deutsche noch Europäer kennen. Die Kanzlerin nutzt dafür gerne den Begriff Schicksal. Auch der ist bewusst gewählt.

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