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Josip Broz Tito:Der Mann, der Jugoslawien war

FLÜCHTLINGSHEIMKEHR IN BERGDÖRFER

Für immer und ewig? Bild des ehemaligen jugoslawischen Staatschefs Josep Broz Tito, das die Zerstörung der kosovo-albanischen Ortschaft Struzje im Krieg der 1990er-Jahre fast unbeschadet auf dem Fußboden des Kulturraums überstand.

(Foto: DPA)

Er war mythischer Volksbefreier und Diktator, ein Politiker, der Stalin die Stirn bot und der den Vielvölkerstaat zusammenhielt. Die Münchner Historikerin Marie-Janine Calic hat nun eine Biografie über Josip Broz Tito geschrieben.

Rezension von Robert Probst

In seinem aktuellen Roman "Herkunft" schreibt Saša Stanišić: "Ich bin in einem Land geboren, das es nicht mehr gibt. Der 29. November ist der Tag der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien. An dem Tag treffen sich Jugoslawen, die es nicht mehr gibt, an jugoslawisch aufgeladenen, symbolischen Orten. Wenn sie am 29. November, dem Tag der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, die es nicht mehr gibt, zusammenkommen, gibt es sie noch."

Am 29. November 1945 wurde die Volksrepublik ausgerufen, und obwohl das alles längst Geschichte ist, geht es hier offenbar um mehr als nur Nostalgie. Und damit ist man schon bei Josip Broz Tito und der neuen Biografie über den Staatsgründer von Marie-Janine Calic. "Tito - der ewige Partisan" ist ein weiterer Versuch, sich dem mythischen Volksbefreier, dem Diktator, dem Mann, der Stalin die Stirn bot, und dem Mann, der den Vielvölkerstaat zusammenhielt, bis er nur ein Jahrzehnt nach seinem Tod mit brutaler Gewalt auseinanderflog, zu nähern.

Calic, die an der Ludwig-Maximilians-Universität München lehrt, ist eine anerkannte Jugoslawien- und Südosteuropa-kennerin. Das Ziel ihrer Tito-Biografie ist es, "die historische Gestalt von überwuchernden Projektionen zu befreien und in ihrem zeitlichen Umfeld zu erklären". Konzipiert ist das Werk für ein breiteres Publikum - was in dem Fall Vor- und Nachteile hat.

Der eindeutige Vorteil: Calic kann die Geschichte vom Aufstieg eines armen Bauernsohns aus dem Dorf Kumrovec bei Zagreb zum sagenumwobenen Marschall der Jugoslawen erzählerisch aufbereiten und hält sich nur selten bei Forschungskontroversen auf.

Der eindeutige Nachteil: Wie sie selbst im Vorwort schreibt, ist ein Großteil der sehr, sehr reichhaltigen Sekundärliteratur politisch gefärbt, und gerade wegen der zahllosen Tito-Mythen sind auch die Verschwörungsgläubigen noch immer sehr präsent. Vor allem deswegen wäre es wichtig gewesen, den Stand der Forschung an einigen Stellen deutlicher miteinzubinden.

Auch Titos Standpunkt, der natürlich oft zu Wort kommt und dann immer recht ausführlich "erzählt", wie es aus seiner Sicht damals gewesen ist, hätten hie und da mehr Einordnung verdient gehabt.

Die bittere Armut in Kroatien 1892 wird greifbar

Gleichwohl ist der erzählerische Ansatz gut gewählt. Mit wenigen Sätzen skizziert Calic die bittere Armut in Kroatien, damals gelegen in der ungarischen Reichshälfte der Habsburgermonarchie, in die Josip Broz 1892 hineingeboren wurde.

Man kann die Not erahnen, die den Jungen aus kleinbäuerlichen Verhältnissen bald forttrieb: Schlosserlehre, Wanderjahre und dann im Ersten Weltkrieg russische Kriegsgefangenschaft. Dass sich damals Menschen aus einfachen Verhältnissen für die Oktoberrevolution und die Ideen des Kommunismus begeistern konnten, ist aus damaliger Sicht nachvollziehbar.

Auch Josip Broz sah die Chancen und verschrieb sich dem Traum von der wahren Moderne mit allen Konsequenzen. Calic beschreibt diese jugoslawische Variante eines Aufstiegs vom Tellerwäscher zum Millionär mit einiger Sympathie - nicht so sehr wegen der stalinistisch geprägten Art der Politik der im Königreich verbotenen Kommunistischen Partei, sondern wegen deren Einsatz für die Einheit des Vielvölkerstaats.

Eine der Stärken des Buches ist, dass immer wieder die auseinanderdriftenden Kräfte und die nationalistisch geprägte Agitation in den einzelnen Landesteilen eine wichtige Rolle spielen.

Nach der Niederwerfung durch die Wehrmacht 1941 versank Jugoslawien in einem Chaos von Gewalt, Blut und Terror. Nicht nur kämpften die kommunistischen Partisanen unter Titos Führung und die serbisch-nationalistischen Tschetniks gegen die deutsche Besatzung. Widerstand und Bürgerkrieg überlagerten sich.

Marie-Janine Calic: Tito. Der ewige Partisan. Verlag C.H. Beck, München 2020. 442 Seiten, 29,95 Euro.

"Um ein Großserbien, Großalbanien oder Großkroatien zu schaffen, gingen kroatische Ustascha gegen orthodoxe Serben vor, serbische Tschetniks gegen Muslime und Kroaten, während die Albaner im Kosovo die eingesessenen Slawen vertrieben."

Gegen die haushoch überlegenen Deutschen aber setzte sich am Ende Tito - mit ein wenig Hilfe der Briten - durch; niemand sonst gelang es, die Besatzung "fast ganz aus eigener Kraft abzuschütteln".

Dieser Sieg begründete den Mythos um Tito, 35 Jahre lang hielt er danach die Zügel in der Hand - und brachte die Jugoslawen wieder unter einem Staatsdach zusammen, auch wenn er im Lauf der Jahrzehnte immer mehr Autonomie für die einzelnen Landesteile gewähren musste.

Wie es Tito nun gelang, die immer weiter brodelnden Nationalismen in seinem Vielvölkerstaat unter Kontrolle zu halten, erzählt Calic anschaulich: Er verschaffte seinen Bürgern gewisse Freiheiten, indem er sich mit Stalin überwarf, und er verschaffte dem Land Ansehen auf internationalem Parkett.

Nur ein "repressiver Bodensatz"?

Im Lauf der Lektüre wird aber immer klarer, dass der deutliche Fokus auf die Person Tito die Wirkung seiner Politik auf die Gesellschaft seltsam vernachlässigt. So wird die Art und die Entwicklung der Diktatur immer nur am Rande erklärt, aber nie systematisch ergründet, über die Nachteile der Arbeiterselbstverwaltung (Korruption, Misswirtschaft, Bürokratie) wird nur selten gesprochen und das Treiben des Geheimdiensts eher sporadisch erwähnt.

Über das Schicksal der deutschen Minderheit, die nach dem Krieg erst interniert und dann vertrieben wurde, wird ebenso lapidar hinweggegangen wie über das Schicksal der politischen Gefangenen auf der Mittelmeerinsel Goli Otok. Und ob es ausreicht, Titos "demokratischem Sozialismus" nur einen "repressiven Bodensatz" zu attestieren, lässt sich bezweifeln.

Saša Stanišić schreibt über das Gefühl, als Kind im Tito-Staat aufzuwachsen: "Es war uns eine Ehre, wir empfanden Stolz und wir hatten Angst. Auf diesen drei Gefühlen gründete die Biografie des Landes. Sie belohnten, beflügelten und lähmten, immer alles zugleich."

Stolz, Ehre und das Beflügelnde finden sich ins Calic' Biografie reichlich. Die Angst und das Lähmende kommen ein bisschen zu kurz.

© SZ vom 14.12.2020/odg
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