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Sachbuch von Timothy Snyder:"Bloodlands" erscheint auf russisch - in der Ukraine

Timothy Snyders Weltbestseller über den Osten Europas zwischen Hitler und Stalin ist endlich auch auf russisch zu haben, allerdings in der Ukraine. Dort wird es tausendfach verteilt: an Schüler, Studenten - und Frontsoldaten.

Von Cathrin Kahlweit

Als Timothy Snyders Meisterwerk "Bloodlands" erschien, war in Kiew noch Präsident Viktor Janukowitsch an der Macht, Ukrainer und Russen waren offiziell "Brudervölker", Wladimir Putin hatte dem Molotow-Ribbentrop-Pakt noch nicht seinen nachträglichen Segen gegeben. Und die viel beachtete Arbeit des Historikers und Yale-Professors über "Europa zwischen Hitler und Stalin" beschrieb einen Raum, der nicht durch eine Revolution, einen Krieg, eine neue ideologische Mauer gespalten war.

In seinem Bestseller von 2010 schreitet Snyder das Territorium ab, das zwischen 1933 und 1945 unter deutscher oder sowjetischer Herrschaft gestanden hatte - und er erzählt Geschichte anders: nicht nur aus der Sicht der Großmächte, die Krieg und Hungertod, Terror und Holocaust organisierten, sondern vornehmlich mit Blick auf die Millionen Opfer mittendrin. Polen, Weißrussen, Ukrainer, Balten.

In 26 Sprachen ist das Buch mittlerweile übersetzt. Nur auf Russisch war es bis jetzt nicht erschienen, dabei erstrecken sich die "Bloodlands" über weite Gebiete, in denen auch oder ausschließlich russisch gesprochen wird.

Dass das neuerdings anders ist, liegt nicht etwa daran, dass der Moskauer Verlag Eksmo, der die Rechte vor Jahren gekauft hatte, sich nun endlich entschieden hätte, das Werk tatsächlich zu veröffentlichen. Vielmehr hat ausgerechnet ein kleiner ukrainischer Verlag, Duliby, mit finanzieller Hilfe der US-Botschaft und viraler Hilfe des Autors eine russische Übersetzung angefertigt und sie kostenlos ins Netz gestellt (timothysnyderbloodlands.com).

Nostalgischer Touch

Das ganze Projekt erinnert fatal an die Zeiten des Samisdat, als regimekritische Literatur oder Werke aus dem Westen in der UdSSR verboten waren und nur in Form von handschriftlichen Kopien oder ins Land geschmuggelten und heimlich weitergereichten Xerox-Kopien existierten.

Nun, da durch das Internet die physischen Grenzen des Buchdrucks und der Zensur umgangen werden können, habe die von einem ukrainischen Verlag herausgegebene und in Russland abrufbare Ausgabe von "Bloodlands" (Krowawije Zemli) in der Tat etwas "Nostalgisches", wie auch Timothy Snyder vorsichtig einräumt.

Auf diese Weise könnten nicht nur Ukrainer aus Charkiw oder Dnjepropetrowsk, die besser Russisch als Ukrainisch sprechen, das Buch herunterladen - sondern auch die vielen Tausend Interessierten zwischen Moskau und Perm, die transnationale Geschichtsschreibung der postsowjetischen und zuletzt wieder zunehmend einseitigen Aufarbeitung und Bewertung des Großen Vaterländischen Krieges sowie seiner Ursachen und Folgen vorziehen.

Briefe über Briefe aus Russland, aber auch aus Belorus oder der Ostukraine habe er bekommen, sagt der Osteuropa-Historiker - von sehnsüchtigen Lesern, die mehr über nicht-linear erzählte osteuropäische Geschichte, über den Holocaust und das Bild Russlands in der globalen Geschichtsschreibung wissen wollten, vor allem aber: Die wissen wollten, wie es sich anfühlt, wenn "unsere Erfahrungen eingehen in die Literatur".

Er hat die russische Version seines Buches vor wenigen Wochen in Charkiw im Museum für den Großen Vaterländischen Krieg und in Dnjepropetrowsk im Holocaust-Museum vorgestellt; den Vortrag dazu hielt Snyder auf Ukrainisch, das Publikum fragte auf Russisch.

Intelligente Propaganda

Politisch mindestens ebenso spektakulär wie die Übersetzung für den russischen Markt ist aber, wie die ukrainische Regierung mit "Bloodlands" umgeht: Erziehungs- und Verteidigungsministerium in Kiew kauften jeweils viele Tausend Exemplare und ließen sie an Schüler, Studenten - und Soldaten verteilen. Maryna Hrymitsch, Chefin des ukrainischen Verlages Duliby, sagt, auf diese Weise habe "unsere Publikation auch einen Bildungseffekt".

Allerdings steht zu vermuten, dass ein Buch, das der Vereinnahmung des Zweiten Weltkriegs und seiner Opfer durch einzelne Nationen, sprich Russland, entgegenwirken will, von Kiew nicht ausschließlich aus erzieherischen Gründen an Frontsoldaten in der Ostukraine weitergegeben wird. Schließlich kann auch ein zweites Ziel dahinterstehen: eine sehr intelligente Form der Propaganda.

© SZ vom 15.07.2015/gal
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