Terrorserie in Paris:Die dunkelste Nacht

Mehr als 120 Menschen sterben - eine beispiellose Terrorserie erschüttert Paris. Der Horror des Angriffs auf "Charlie Hebdo" wird vervielfacht.

Von Leo Klimm, Paris

Die Terroristen hatten sich ein besonderes Datum ausgesucht: Freitag, der 13. November. Nach ihrem Willen sollte dieser Tag für Frankreich noch schlimmer werden als jene im Januar mit den blutigen islamistischen Anschlägen. Und ihr teuflischer Plan verfing - gerade weil es nicht das erste Mal war. Sondern weil es eine Wiederholung war, eine Variation, eine Verstärkung der Attentate, die zu Jahresanfang das Land erschütterten.

Die Anschläge gegen die Satirezeitung Charlie Hebdo, einen jüdischen Supermarkt und gegen Polizisten hatten 17 Menschen das Leben genommen. Nun ist der Horror potenziert. Zur Symbolik vom Januar - der Attacke auf die Freiheitswerte Frankreichs - kommt nun die schiere Menge, das neue Ausmaß des Terrors.

In der Nacht der Anschläge vom 13. November herrscht Niedergeschlagenheit, Angst und ein Gefühl der Ohnmacht in Paris. Nicht mehr der Trotz, der so schnell aufkam im Januar, als binnen Stunden Hunderttausende auf der Straße oder in den sozialen Netzwerken bekannten: Je suis Charlie. Wer heute Nacht unterwegs ist in der Stadt oder am Stade de France, wo sich Selbstmordattentäter in die Luft sprengten, der sieht Menschen, denen die Furcht ins Gesicht geschrieben stand. Menschen, die nur eins wollen: Fliehen vor dem wahr gewordenen Albtraum.

Die meisten behalten kühlen Kopf, bleiben ruhig. Andere hatten solche Panik, dass sie Taxis anhielten und den Fahrern Hunderte Euro dafür versprechen, wenn sie nur herausgebracht würden aus der Stadt.

Die Botschaft soll sein: Sie können jederzeit und vielerorts töten

Frankreich erlangt in dieser Nacht eine grausame Gewissheit: Nachdem seit Januar so etwas wie Normalität Einzug gehalten zu haben schien, können die Franzosen jetzt nicht mehr verdrängen, dass die Anschläge von damals nicht das Werk isolierter Einzeltäter war. Die Botschaft der mutmaßlich islamistischen Terroristen von Freitag soll sein: Sie können jederzeit und an vielen Orten Menschen verletzen - sehr viele Menschen.

Theoretisch wussten die Menschen in Frankreich das - die Regierung wiederholte regelmäßig, dass es jederzeit wieder passieren könne. Und es passierte auch, obwohl immer wieder Anschläge vereitelt werden konnten. Ob von der Polizei oder von Privatpersonen, wie Ende August, als US-Touristen in einem Zug wohl ein Blutbad verhinderten. Im Frühjahr gab es zwei tödliche Vorfälle mit islamistischem Hintergrund. Aber nie war der Terror so massiv wie diesmal. Eine neue Qualität haben die Anschläge aber auch, weil ein Teil der Täter in selbstmörderischer Absicht unterwegs war.

Freitag, der 13.

Freitag, der 13. mag ein bewusst gewähltes Symbol gewesen sein. Sorgsam inszeniert war er ganz sicher. Die Gegend von Paris, in der sich die Attentate nun konzentrieren, ist auch ein Symbol - egal, ob es von den Tätern so beabsichtigt war oder nicht: Die Umgebung der Place de la République ist nicht nur ein Ausgehviertel, an dem sich Menschen freitagabends amüsieren - was für Islamisten offenbar Gotteslästerung gleichkommt.

Der Platz war auch das Zentrum der riesigen Demonstration, mit der die Franzosen im Januar zu Millionen ihre Freiheit verteidigten. Der geschichtsträchtige Ort ist einer der Werte von Freiheit und Demokratie, für die Frankreich stehen will.

Die neuen Attentate werden das Land und die politische Stimmung im Land tief zeichnen. Staatspräsident Hollande mag nun versuchen, mit entschlossenen Worten ein wenig Sicherheit zu stiften. Er bekräftigt die höchste Sicherheitsstufe, riegelt die Grenzen ab. Ob das aber auch die Angst nehmen kann: unwahrscheinlich. Trost und Sicherheit mögen sie auch diesmal wieder nur selbst spenden können. Zum Beispiel mit einem Hashtag in den sozialen Netzwerken, #PorteOuverte: offene Tür. Damit haben Tausende Pariser gezeigt, dass ihre Tür offen steht für die, die Angst haben. Dass sie sich nicht verbarrikadieren. Dass ihr Trotz doch wieder da ist. Ihre Solidarität kann Kraft geben, um ein zweites Mal aufzustehen gegen den Schrecken und gegen die Angst.

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